merken
PLUS Dresden

Vonovia vermietet an Dresdner Wohnungslose

Vor drei Monaten startete das Projekt Housing First, das Obdachlosen ein Zuhause vermittelt. Doch an den harten Ausschlusskriterien Dresdens gibt es Kritik.

Das Projekt Housing First soll wohnungslosen Menschen auch in Dresden helfen.
Das Projekt Housing First soll wohnungslosen Menschen auch in Dresden helfen. © dpa-Zentralbild

Dresden. Zwangsräumungen und Altersarmut nehmen zu in Dresden. Die Menschen müssen aus ihren Wohnungen raus. Ende Juni zählte das Sozialamt 312 wohnungslose Menschen, darunter 14 Kinder sowie 62 Frauen und 236 Männer. Die Zahl der Obdachlosen können Sozialarbeiter nur schätzen, die Zahlen variieren zwischen 700 und 1.000. Ein recht junges Projekt, Housing First, soll nun den Frauen und Männern helfen.

Was ist Housing First?

Das Konzept Housing First, übersetzt bedeutet es so viel wie "ein eigenes Zuhause zuerst", soll wohnungslosen Menschen schnell und unkompliziert sichere vier Wände mit einem eigenen Mietvertrag geben. In Dresden ist es vor rund drei Monaten gestartet als Kooperation zwischen dem Sozialamt und dem Großvermieter Vonovia. Begonnen wurde mit fünf Teilnehmern.

Anzeige
Das Corona-Zertifikat zur Freiheit
Das Corona-Zertifikat zur Freiheit

2G wird immer wichtiger. Was machen Genesene, die nur eine Impfung benötigen, Apps aber zwei Impfungen verlangen? Die City-Apotheken Dresden haben die Lösung.

"Bei der Anbahnung dieses Mietverhältnisses erhalten die Teilnehmenden Unterstützung durch das Sozialamt. Nach Anmietung des Wohnraums kann der oder die ehemals wohnungslose Person die Begleitung von Sozialarbeitern in Anspruch nehmen", erklärt das Sozialamt auf SZ-Anfrage.

Alle Menschen haben einen Mietvertrag mit der Vonovia geschlossen, die Stadt selbst ist kein Vertragspartner. Ob das Projekt nach der Pilotphase ausgebaut wird und noch mehr Frauen und Männer teilnehmen können, kann das Sozialamt noch nicht sagen. Man müsse die "personellen Kapazitäten im Sozialamt" berücksichtigen und könne erst nach Ende der Testphase entscheiden.

Die Stadt betont aber, dass sie die Unterbringung wohnungsloser Menschen in Wohnungen als ihre Aufgabe ansieht. In diesem Jahr seien das 133 Personen gewesen, die vorher in Heimen der Stadt gelebt hatten.

Wie ist das Projekt in Dresden angelaufen?

Alle fünf Teilnehmer an Housing First wohnen seit rund drei Monaten in einer eigenen Wohnung. "Die Unterstützung erfolgt kontinuierlich durch das Sozialamt. Es gibt bis zum heutigen Datum keinen Kontaktabbruch", so das Amt. Der wöchentliche Kontakt in der Wohnung sei aus Sicht der Stadt nicht zwingend nötig. Wenn es Fragen oder Probleme gebe, könnten Termine im Sozialamt vereinbart werden.

Wo die Wohnungen liegen und wie viel Miete die Vonovia dafür erhält, wollen weder Stadt noch der Vermieter sagen. "Die Mietpreise für die Wohnungen sind sozial verträglich und entsprechen den Kosten der Unterkunft", sagte Vonovia-Sprecher Matthias Wulff im Mai. Konkreter gibt er keine Auskunft.

Laut der Stadt sind aktuell rund 338 Euro Brutto-Kaltmiete für einen Ein-Personen-Haushalt als Kosten der Unterkunft vorgesehen, das heißt, von der Stadt bezahlt. Auch die Heizkosten werden übernommen. Das Problem: Auch hier wurde gekürzt. Vorher waren es 378 Euro. Das dürfte die Suche nach Wohnungen nicht einfacher machen.

Laut Sozialamt sei deutlich geworden, dass der Umzug mit Schlüsselübergabe, Ummeldung und Co. eine besondere Sensibilität der Sozialarbeiter gebraucht habe, damit die "Klienten nicht überfordert werden", so das Amt. Aktuell liege der Fokus in der Arbeit mit den Menschen auf Dingen wie Haushaltsführung und Alltagsstrukturierung.

Wer kann an Housing First teilnehmen?

Die Auswahl geeigneter Personen passiere durch die Sozialarbeiter im Sozialamt. Es gibt Zugangsvoraussetzungen. Das Projekt richte sich, so die Stadt, an alleinstehende wohnungslose Menschen, die bisher nicht erfolgreich in eine eigene Wohnung vermittelt werden konnten, die eine Privathaftpflicht- und Hausratsversicherung abgeschlossen haben und die durch Sozialleistungen die Miete zahlen können. Ausgeschlossen sind also von vornherein Menschen, die einen Partner und/oder Kinder haben und Menschen, für die der Gang zum Amt eine hohe Hürde ist.

Doch es gibt noch weitere Ausschlusskriterien. Nicht mitmachen darf, wer eine akute Suchterkrankung oder psychische Erkrankungen hat, große kognitive Einschränkungen oder "schwere Messi-Tendenzen", so das Amt. Genau daran gibt es Kritik aus der Dresdner Sozialarbeiterszene. Damit schließe das Sozialamt einen großen Teil der Menschen aus, denen ja eigentlich geholfen werden soll.

Ein Blick nach Leipzig und Berlin zeigt: Das Projekt kann auch ohne das Ausschließen von Menschen funktionieren. Seit Juli gibt es Housing First in Leipzig, 25 ehemals wohnungslose Männer und Frauen bekommen hier eine Wohnung. "Abstinenz oder eine Therapiebereitschaft sind keine Bedingung für die Aufnahme in das Projekt. Einzige Ausschlusskriterien sind eine bestehende Selbst- oder Fremdgefährdung", betont die Stadt Leipzig.

Auch Sebastian Böwe von Housing First Berlin ist verwundert über den Dresdner Ansatz. "Menschen mit Suchterkrankungen auszuschließen, ist totaler Schwachsinn", sagt er. Das Projekt Housing First Berlin habe in den letzten drei Jahren 40 Menschen zu einer Wohnung verholfen. "Drogen und Alkohol spielten fast immer eine Rolle und das Projekt hat trotzdem funktioniert", so Böwe.

Das Housing-First-Projekt sollte vielen Menschen die Chance auf einen Neuanfang in den eigenen vier Wänden geben. "Damit das gelingt, braucht es leichte Zugänge und einen engen Austausch mit den Straßensozialarbeitern, sodass auch Menschen von der Straße in eine eigene Wohnung vermittelt werden können", fordert Grünen-Sozialpolitikerin Tina Siebeneicher. "Offenbar hat hier jemand das Prinzip von Housing First ganz grundlegend nicht verstanden, das nervt mich am meisten", sagt auch Linken-Stadtrat Christopher Colditz. Damit Housing First erfolgreich sei, müsse auch wirklich als erste Basis eine Wohnung her und danach müssten die anderen Probleme behandelt werden.

Mehr zum Thema Dresden