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"Nicht länger als zwei Stunden Schule pro Tag"

Ein neues Zentrum in Dresden will Kindern und Jugendlichen mit Problemen helfen, endlich wieder zum Unterricht zu gehen. Wie das funktionieren soll.

Meistens steckt hinter dem fehlenden Schulbesuch viel mehr als nur "kein Bock".
Meistens steckt hinter dem fehlenden Schulbesuch viel mehr als nur "kein Bock". ©  Claudia Hübschmann (Symbolbild)

Dresden. Sie sind hyperaktiv, als Teenager auf dem Stand von Kleinkindern oder bei ihnen wurde Autismus diagnostiziert: Die Gründe, warum Kinder länger nicht in die Schule gehen, sind viel vielfältiger als die üblichen Klischees wie "kein Bock" oder "doofe Lehrer".

"Wir haben Patienten, die nicht länger als zwei Stunden am Tag beschult werden können", sagt Dr. Katja Albertowski, Leiterin des Zentrums für Entwicklungsstörungen und Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik. Nun gibt es eine neue Anlaufstelle für die Kinder.

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In Zusammenarbeit mit dem Christlichen Sozialwerk (CSW) hat die Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Uniklinikums ein neues tagesklinisches Angebot aufgebaut.

Im Mittelpunkt stehen Patienten, die aufgrund einer geistigen oder Entwicklungsstörung Probleme haben. Das neue Zentrum nimmt sich den Mädchen und Jungen an, deren Handicaps wie ADHS oder Autismus es ihnen massiv erschweren, den Alltag zu bewältigen. Brennpunkt ist hier oft der Schulbesuch, viele der Betroffenen gehen länger nicht oder nur verkürzt.

Wie läuft die Behandlung ab?

Im Rahmen einer auf rund zwölf Wochen angelegten Behandlung werden die Probleme der Kinder und Jugendlichen diagnostiziert. Täglich von 8 bis 14.30 Uhr sind die Kinder im Zentrum vor Ort, bekommen in der Klinikschule Unterricht und eine Behandlung gleichermaßen. "Sie werden vom Fahrdienst gebracht und danach wieder nach Hause gefahren, um möglichst viel Struktur und Alltag zu bewahren", so Albertowski.

Das CSW hat unter anderem die Aufgabe übernommen, die Patienten zu beschulen. Diese Klinikschule ist Teil der 1991 gegründeten St. Franziskusschule. Aktuell gibt es acht Behandlungsplätze. Geplant sind vier weitere Behandlungsplätze für Klein- und Vorschulkinder. Bei diesen Betroffenen stehen die Entwicklungsstörung und die Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung, die zum Teil da sind, im Mittelpunkt. Hier werden die Eltern direkt in die Therapie einbezogen.

Dr. Katja Albertowski (Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) und Prof. Veit Rößner (Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie).
Dr. Katja Albertowski (Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) und Prof. Veit Rößner (Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie). © Christian Juppe

Die pädagogischen Fachkräfte werden in der Startphase durch eine Spende des Rotary Clubs Dresden - Goldener Reiter mitfinanziert. "Die Spende erhält das Christliche Sozialwerk als Betreiber der in das neue Zentrum integrierten Klinikschule zur Mitfinanzierung einer Lehrerstelle, für die es leider noch immer keine Regelfinanzierung durch das Landesamt für Schule und Bildung gibt", so CSW-Geschäftsführer Peter Leuwer.

"Um nachhaltige Lösungen zu finden, reicht es in diesen oft sehr komplexen Fällen nicht aus, 'nur' therapeutisch oder 'nur' pädagogisch zu agieren", sagt Prof. Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gut sei es, wenn Pädagogen und Therapeuten gemeinsam mit den Betroffenen arbeiteten.

Ziel ist es, dass die Kinder wieder zur Schule gehen und sich dort auch wieder wohlfühlen. Während der Therapie sollen sie auch immer mal wieder in der Schule vor Ort sein. Im Wochenplan ist dafür jeweils der Mittwoch geplant. Parallel dazu gibt es eine therapeutische Beratung. Hier soll auch geschaut werden, ob die aktuelle Schulform, also Grundschule, Gymnasium oder Oberschule, überhaupt die richtige ist oder ob nicht eine Alternative besser wäre.

An wen richtet sich das Angebot?

Die Einrichtung nimmt in enger Zusammenarbeit mit den Eltern Kinder ab etwa dem sechsten bis zum 17. Lebensjahr auf, die durch problematisches Verhalten vor allem in der Schule oder im Alltag auffallen. Aufnahmekriterium ist eine geistige und tiefgreifende Entwicklungsstörung. Zur Therapie vorgeschlagen werden die Kinder und Jugendlichen in der Regel durch Ärzte oder Psychotherapeuten, der Aufenthalt in dem neuen Zentrum wird durch die Krankenkassen finanziert. Derzeit ist der Bedarf so hoch, dass das Zentrum mit seinen acht Plätzen voll ausgelastet ist.

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Der tagesklinische Aufenthalt beginnt mit einer zwei- bis vierwöchigen Diagnostikphase. "Wir haben viele Patienten, die nicht oder nur wenig sprechen, die profitieren davon", so Albertowski. Deshalb greifen die psychiatrisch-psychologischen Standardverfahren zur Diagnostik nicht.

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