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Erster Triathlon um die Welt: "Es ist extrem"

Der Dresdner Filmemacher Markus Weinberg reist trotz Corona rund um den Erdball - unter schwersten Bedingungen. Wie das möglich ist.

Bei minus 40 Grad durch Sibirien radeln: Markus Weinberg und Extremsportler Jonas Deichmann wollen diesen Winter an ihre Grenzen gehen.
Bei minus 40 Grad durch Sibirien radeln: Markus Weinberg und Extremsportler Jonas Deichmann wollen diesen Winter an ihre Grenzen gehen. © PR/Uwe Nadler

Dresden. Lange Planungen sind nicht die Sache von Markus Weinberg. Am Nachmittag des 16. Oktober veröffentlicht der ehemalige Radprofi und Filmemacher aus Dresden eine Anfrage auf Facebook. "Wie spontan bist du?", fragt Weinberg. "Morgen früh 8.55 Uhr Abflug ab Dresden nach Kroatien. Du hilfst 7 Tage auf einem Segelschiff vor der kroatischen Küste Kurs zu halten und bei Filmaufnahmen zu assistieren. Kind kann ebenfalls mitkommen."

Segeln in Kroatien, während die Länder dieser Welt ihre Grenzen schließen und strikte Lockdowns verhängen, um der Corona-Pandemie Herr zu werden? Für Markus Weinberg ist das kein Problem. "Flugtickets können übertragen werden, das Segelschiff ist groß. Coronatest nach Rückkehr organisiert", schreibt der 36-Jährige. 

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In 25 Tagen ganz Europa mit dem Rad überquert

Weinberg hat in seinem Leben schon viele Dinge gemacht, die andere wohl als extrem bezeichnen würden. Für einen Film verbrachte er Wochen auf einem Seenotrettungsboot im Mittelmeer und wurde Zeuge, wie Migranten aus Afrika fast ertranken. Und ein Radtrip über den Balkan gehört für ihn zu einem fast normalen Wochenprogramm. 

Doch dieses Projekt ist anders, nicht nur wegen Corona. Im Herbst 2019 lernt Weinberg auf einer Fahrradmesse am Bodensee den Extremsportler Jonas Deichmann kennen. Deichmann hält sechs Weltrekorde, durchquerte unter anderem das europäische Festland in einer Rekordzeit von 25 Tagen mit dem Fahrrad.

Trifft man nur selten zu Hause an: der Dresdner Filmemacher Markus Weinberg in seiner Wohnung in der Dresdner Neustadt.
Trifft man nur selten zu Hause an: der Dresdner Filmemacher Markus Weinberg in seiner Wohnung in der Dresdner Neustadt. © Sven Ellger

"Mein Kumpel meinte, ihr müsst mal quatschen, das passt wie die Faust aufs Auge", erzählt Weinberg und lacht. Vom ersten Moment an verstehen sich Deichmann, der sein Masterstudium von einer Hängematte in Malaysia aus absolvierte, und Weinberg blendend. 

"Das Thema Ausbrechen reizt viele Menschen"

Und als der 33-Jährige dem Dresdner von seinem Plan erzählt, ohne Begleitboot und Begleitauto einen Triathlon rund um die Welt zu machen, ist Weinberg sofort dabei. Ein Film schwebt ihm vor, aber einer mit Tiefgang. "Das Thema Ausbrechen reizt momentan sehr viele Menschen", sagt Weinberg. "Normale Reisedokumentationen langweilen mich. Die Zuschauer sollen sich stattdessen fragen: Könnte ich das auch? Über Jahre alleine sein, nie an einem festen Ort, fast schon ein Stück Heimatlosigkeit leben?"

Weinberg will Deichmanns Weltrekordversuch mit der Lebensgeschichte des Abenteurers verknüpfen. Schnell stellt er gemeinsam mit der Produktionsfirma Ravir, die ihren Sitz auf dem Weißen Hirsch hat und schon für die "Mission Lifeline" verantwortlich war, ein Team zusammen. 

"Swimpacking": Mit einer Tasche um die Hüfte ins Wasser

Am 26. September starten Weinberg und Deichmann dann in München auf dem Rad. Von hier aus soll sie beginnen: eine Tour, die Deichmann über 40.000 Kilometer rund um den Globus führen soll, lediglich ausgerüstet mit dem Rad und einer speziellen wasserdichten Tasche, die beim Schwimmen um die Hüfte geschnallt wird.

Ernährt sich während seiner Reise oft von Cornflakes mit Wasser, weil nicht mehr in die Schwimmtasche passt: Extremsportler Jonas Deichmann.
Ernährt sich während seiner Reise oft von Cornflakes mit Wasser, weil nicht mehr in die Schwimmtasche passt: Extremsportler Jonas Deichmann. © Markus Weinberg

"Swimpacking" nennen er und Weinberg das, angelehnt an "Bikepacking", bei dem Abenteuerlustige nur mit leichten, direkt am Rad befestigten Taschen lange Touren durch die Natur fahren. "Beim Bikepacking kommst du mit dem Nötigsten aus, beim Swimpacking hast du quasi nichts mehr dabei", sagt Weinberg. 

Deichmanns Plan: Über die Alpen nach Kroatien radeln, von dort aus 460 Kilometer nach Montenegro schwimmen, dann wieder zurück aufs Rad steigen und über Sibirien bis nach Shanghai fahren. Hier will der 33-Jährige mit einem Segelboot über den Pazifik in die USA reisen, um 5.000 Kilometer von der West- bis an die Ostküste zu laufen. Dann soll es mit dem Boot nach Portugal und bis München zurück mit dem Rad gehen. 

Bei minus vierzig Grad durch Sibirien

Weinberg selbst will Deichmann bis zu zwölf Tage im Monat mit der Kamera begleiten - und dabei ebenfalls unter Extrembedingungen in die Pedale treten. "Ich trainiere zwar nicht mehr aktiv, sondern bin nur noch als Guide unterwegs, aber ich fühle mich fit", sagt der Dresdner. "Und ich kenne mich: Einmal losgefahren, spielt sich das schnell wieder ein."

Dieser "unerschütterliche Optimismus" sei es, den beide Männer teilen, sagt Weinberg. "Das hat schon fast ein bisschen nihilistische Züge. Du darfst nie das Unerreichbare im Blick haben, sondern musst dir das Ganze in kleine Schritte unterteilen. Man weiß, man schafft die nächsten 50 Kilometer und dann die nächsten 50 Kilometer und so weiter. Und wenn das Tagesziel nicht erreicht wird, dann eben eine kleinere Etappe."

Jonas Deichmann (l.) und Markus Weinberg (r.) in der Kältekammer der Deutschen Bahn in Minden.
Jonas Deichmann (l.) und Markus Weinberg (r.) in der Kältekammer der Deutschen Bahn in Minden. ©  privat

Doch er habe natürlich Respekt vor der Aufgabe. Im Winter will er mit Deichmann bei bis zu minus vierzig Grad durch Sibirien radeln. "Da kommt nur alle 250 Kilometer ein Dorf, da muss man schon öfter draußen schlafen", sagt Weinberg. 

Zur Vorbereitung haben Deichmann und er in einer Kältekammer der Deutschen Bahn in Nordrhein-Westfalen sich und die Räder getestet. Mehr Wintersicherheit als die Züge des Unternehmens scheinen die Mountainbikes zu haben: "Man braucht spezielles Winterfett zum Schmieren", sagt Weinberg dazu. 

Riesenyacht gechartert: "Hätte eine Million Euro versenkt"

Doch dass eine Menge Dinge schief laufen werden, dessen waren sich beide immer bewusst. "Beim Start in München hatte es Dauerregen. Dann konnten wir den Großglockner nicht überqueren, weil der wegen Eis gesperrt war. Mein Rad ging kaputt und dann habe ich mir noch eine Karpaltunnelentzündung durch das Lenkerhalten zugezogen", sagt Weinberg. 

In Kroatien, wo er Deichmann anschließend mehrere Tage begleitete, waren kaum noch Segelboote zum Ausleihen verfügbar. "Also musste ich die größte 17-Meter-Yacht chartern. Ich bin so etwas noch nie gefahren. Hätte ich das Schiff beschädigt, hätte ich eine Million Euro versenkt", sagt Weinberg mit einem aufgeregten Lachen. 

Auch Corona hat die Tour, die Ende Juli 2020 zu Ende sein soll, schon beeinträchtigt. "Quarantänezeiten sind eingeplant, ansonsten sind wir beruflich unterwegs und daher weniger von Grenzschließungen betroffen", sagt Weinberg. 

Doch wenn der Dresdner Ende kommender Woche wieder aufs Rad steigt, können Deichmann und er nicht wie geplant über Griechenland in die Türkei reisen, sondern müssen einen Umweg über den Balkan nehmen. 

Und das, obwohl die Tour gerade erst begonnen hat. "Es wird interessant", kommentiert Weinberg seine Pläne für die nächsten acht Monate. 2022 plant der umtriebige Dresdner dann eine große Tour durch die deutschen Kinos mit dem Film. 

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Eines zumindest ist sicher: Hier wird nicht geschauspielert, jedes Mitleiden vor der Leinwand ist gerechtfertigt. "Da kommt noch einiges. Man darf sich nicht abschrecken lassen", sagt Weinberg. Vielleicht gilt das auch für die Zuschauer. 

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