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Honig vom Dresdner Gottesacker

Dresden hat seinen ersten Friedhofshonig. In Tolkewitz fühlen sich die Bienen so wohl, dass sie nun helfen, historische Grabstätten blühend zu bepflanzen.

Friedhofsverwalterin Beatrice Teichmann und Imker Albrecht Gähler laden am Sonntag auf den Johannisfriedhof in Tolkewitz ein.
Friedhofsverwalterin Beatrice Teichmann und Imker Albrecht Gähler laden am Sonntag auf den Johannisfriedhof in Tolkewitz ein. © Sven Ellger

Dresden. Auf ganz andere Tiere hatte Albrecht Gähler ein Auge geworfen. Als er begann, sich gedanklich und dem Alter nach dem Ruhestand zu nähern, absolvierte er den Bootsführer- und den Angelschein. Bis 2014 hatte er 33 Jahre lang das St. Marien-Krankenhauses in Klotzsche geleitet und entwickelt. Für die Zeit nach seinem Dienst als Verwaltungsdirektor wollte er gewappnet sein.

Dass er sich einmal mit Bienenvölkern statt mit Fischschwärmen befassen würde, wäre dem heute 71-Jährigen zunächst nicht in den Sinn gekommen. Doch zu seinem 60. Geburtstag schenkte ihm seine Verwandtschaft die ersten beiden Völker der kleinen Honigproduzenten. Sein Sohn, selbst leidenschaftlicher Imker, hatte mit dieser Idee vorgebaut und seinem Vater damit eine ganz neue Welt eröffnet, die ihn heute viel Freude macht.

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Jenes Jubiläum ist nun elf Jahre her, und Albrecht Gähler sitzt im Büro von Beatrice Teichmann. Die beiden haben viel zu besprechen. Gemeinsam mit dem Freundeskreis Trinitatis- und Johannisfriedhof bringen sie gerade die erste Edition eines ganz besonderen Honigs heraus.

Schmunzeln erlaubt - auch auf dem Friedhof

"Es ist der erste Dresdner Friedhofshonig überhaupt", sagt Beatrice Teichmann stolz. "Honig vom Gottesacker" haben sie ihn genannt. Der Name ist Programm: "Wir wollen, dass jedem ein Schmunzeln übers Gesicht huscht, wenn er ein Glas Honig kauft." Deshalb haben sich die Initiatoren auch gegen Kreuze oder andere Zeichen der Demut entschieden. Stattdessen werden die Gläser Etiketten schmücken, mit denen wohl keiner gerechnet hat.

"Noch sind sie ein Geheimnis und sollen am Sonntag zum ersten Mal gezeigt werden", sagt Beatrice Teichmann. Dann lädt der Freundeskreis, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den Friedhofsträger bei der Bewirtschaftung der Anlagen zu helfen und Grabstätten als Kulturgut zu erhalten, zur Feierhalle an der Wehlener Straße ein.

Dort wird die Verwalterin alle Gäste begrüßen, die mehr über die Imkerei auf dem Friedhof erfahren wollen. "Es wird Kaffee und Kuchen und natürlich eine Kostprobe unseres Honigs geben." Auch Albrecht Gähler ist dabei - und ein Überraschungsgast, der ebenso eng mit dem Gottesacker-Honig verbunden ist. Zum Abschluss geben verschiedene Mitglieder des Freundeskreises kurze Führungen zu verschiedenen Themen.

Neue Bepflanzung für Gräber berühmter Familien

Zum Preis von acht Euro kann der Honig vor Ort und später im Verwaltungsbüro gekauft werden. Das Geld kommt dem Johannisfriedhof zugute. "Wir wollen davon im Oktober drei Grabanlagen bepflanzen", so Beatrice Teichmann. Dabei handelt es sich um die Grabstätte Krompholz, die der Familie Bockmühle und die der Kamera-Fabrikantenfamilie Ernemann. Sie wurden bereits restauriert und sollen nun auch einen würdigen Blumenschmuck erhalten.

Den wählt Beatrice Teichmann seit vielen Jahren nicht mehr nur nach Schönheit, sondern auch nach Nutzen aus. Ungefüllte Rosen zum Beispiel mögen Bienen gern. Die riesigen Blüten von Rhododendren indes sind für Hummeln verlockend. Bienen können damit nichts anfangen. "Auf zehn Hummeln kommt im Rhododendron höchstens eine halbe Biene", scherzt Imker Gähler.

Wenn er von "Tracht" spricht, meine er die Baumblüte, nicht die Gänseblumen, wie er sagt. Vom 1. bis etwa zum 12. Juni habe die Robinie geblüht. "Dann kamen mehrere schwere Regengüsse, und es war vorbei." Nur gut, dass die Linde den Staffelstab der Nahrungsblüten bereits entgegennehmen konnte. Seit vergangener Woche bieten sie den Bienen ein süßes Buffet.

Effektive Sammelaktionen für volle Bienenwaben

Wenn auf dem Friedhof neue Anpflanzungen geplant sind, sollen sie auch die Bienen ernähren helfen. Weil auf dem Johannisfriedhof so viele Bäume stehen, geht es Albrecht Gählers Völkern dort gut. "Ich will nicht sagen, dass Bienen bequem sind, aber schlau sind sie und suchen sich den kürzesten Weg zur Nahrung", erklärt er. Von ihrer Behausung geradewegs in die Baumkrone zu fliegen, ist für sie am effektivsten.

Doch auch andere Tiere fühlen sich wohl in der grünen, blühenden Friedhofsanlage: Ein Wildschwein gab es schon, Dachs, Fuchs, Eule und auch der Grünspecht sind unterwegs. Letzterer jedoch macht Albrecht Gähler Sorgen. Er hackt Löcher in die Bienenbeuten und angelt sich mit seiner langen Zunge die Insekten heraus. Was er nicht frisst, erfriert später im undichten Immenstock.

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Der Imker wird sich etwas einfallen lassen, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen und die Bienen zu beschützen. Schließlich braucht sie auch diese. Und die Menschen freuen sich über den Honig, den Gähler eigenhändig schleudert und natürlich selbst gern isst: "Jeden Morgen gibt es zum Frühstück eigenen Honig aufs Brötchen", sagt er. Von diesem Genuss bekommen die Dresdner nun etwas ab und helfen damit, den Kreislauf des Leben im Großen und im Kleinen zu erhalten.

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