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Aus für den Palais-Sommer in Dresden

Der Palais-Sommer in Dresden ist Geschichte. Der Freistaat vergibt das Gelände an der Elbe an einen neuen Pächter. Der hat Pläne für einen Kleinkunst-Sommer.

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Lauschige Abende wie im Sommer 2019 wird es in dieser Form künftig nicht mehr geben.
Lauschige Abende wie im Sommer 2019 wird es in dieser Form künftig nicht mehr geben. © Jürgen Lösel (Archiv)

Von Oliver Reinhard

Am vergangenen Freitag erhielt Jörg Polenz eine Mail, die für den Veranstalter des Dresdner Palais-Sommers einer Hiobsbotschaft gleichkommt. Wie seit 13 Jahren üblich, hatte er sich erneut beim Staatsbetrieb Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB) dafür beworben, auf dem Gelände des Japanischen Palais an der Elbe das von ihm begründete Kultur- und Bürgerfestival zu veranstalten, jetzt für den Zeitraum von 2022 bis 2026. Bislang war das reine Routine gewesen, Mitbewerber bei der Ausschreibung hatte es nicht gegeben.

Nun aber beschied der SIB: „Nach Abschluss des Verfahrens kann ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Angebot keine Berücksichtigung finden kann.“ Was bedeutet: Der Spenden- und Sponsoring-finanzierte Palais-Sommer, der immer mehr Fans gefunden hatte und im vergangenen Jahr trotz Corona mit Kunst, Yoga, Film, Musik, Literatur offiziell 83.000 Besucherinnen und Besucher anzog, ist Geschichte.

Keine gesellschaftlichen Debatten mehr

Jörg Polenz ist anhaltend fassungslos. „Das kam für uns völlig überraschend“, sagt er. „Wir sind fest von einer neuen Zusage ausgegangen, zumal der SIB unser Konzept ausdrücklich gelobt hat.“ Auch der diesjährige Palais-Sommer sei bereits fix und fertig organisiert und im Standby-Modus gewesen. „Ich verstehe die Entscheidung einfach nicht“, so Polenz. „Warum macht man ein etabliertes Kultur- und Bürgerfestival kaputt, das von so vielen Bürgern gewollt und von so vielen Partnern und Förderern unterstützt wird?“

Dass seine Startbedingungen nicht unter dem hellsten Stern stehen und die Fußstapfen, in die er nun treten muss, nicht eben klein sind, weiß auch Thomas Jurisch. Der Dresdner hat den Zuschlag für das Gelände bekommen, seine Agentur Slamevents besteht aus ihm und drei Mitstreitern, noch. „Nein“, bestätigt der 48-Jährige, „so etwas wie den Palais-Sommer wird es tatsächlich nicht mehr geben. Unsere Veranstaltung heißt Kleinkunst-Sommer, und wir konzentrieren uns ganz auf Literatur, Comedy, Slams und Konzerte. Kein Kino mehr, keine Kunst, keine Vorträge. Und keine gesellschaftlichen Debatten mehr. Hier soll es nur noch um Kunst und Kultur gehen.“

Der Eintritt bleibt kostenfrei

Immerhin das beliebte Yoga-Angebot erfährt eine Fortsetzung, ebenso ein Grundgedanke des Palais-Sommers: Der Eintritt bleibt kostenfrei, die Finanzierung läuft weiterhin über Spenden und Sponsoring. 30 Tage soll der Kleinkunst-Sommer dauern, vom 8. Juli bis zum 10. August. Das klingt ein wenig nach Reset-Taste, nach einem Zurück-zu-den-Anfängen des Palais-Sommers. Der war zwar aus einem Kunst-Workshop hervorgegangen, hatte aber ansonsten 2009 mehr oder weniger so begonnen, wie Thomas Jurisch nun die Anfänge des Kleinkunst-Sommers angeht.

Seit Jahren organisiert er im Dresdner Schauburg-Kino regelmäßig Slams; seine künstlerische Heimat. Jurisch ist Vater der Reihe Poetengeflüster, macht in Comedy, er bespielte schon das Schauspielhaus und einen Abend bei den Filmnächten am Elbufer. Der Aufstieg in die Erste Liga der lokalen Veranstalter ist jedoch eine massive Herausforderung; Erfahrungen mit Groß-Events wie dem Palais-Sommer hat Thomas Jurisch nicht. „Ich wollte längst ein kleines Festival veranstalten, die Pläne lagen schon in meiner Schublade“, sagt er. Jetzt, da er den Zuschlag bekommen habe, müsse er natürlich „größer denken“.

"Der Zuspruch aus der Kulturlandschaft ist enorm"

Konkret: 60 bis 70 Veranstaltungen inklusive Yoga müssen aus dem Boden gestampft, Mitarbeitereinenn und Mitarbeiter rekrutiert, die umfangreiche Logistik eines Festivals geklärt und organisiert sowie 250.000 bis 300.000 Euro Budget gesichert werden. All das binnen weniger Wochen statt mindestens eines halben Jahres; eine einigermaßen sportliche Aufgabe. „Mein erstes Großevent bedeutet für mich vor allem einen Lernphase“, sagt Thomas Jurisch. Für die Bestückung des Programms setzt er auf seine guten Kontakte in der Dresdner Szene, auch zu anderen Veranstaltungs-Agenturen.

„Der Zuspruch, den ich aus der Kulturlandschaft bekomme, ist enorm. Was das Programm anbelangt, mache ich mir überhaupt keine Sorgen.“ Gespräche mit Sponsoren liefen ebenfalls, es gebe schon „gute Signale“. Die Grundfinanzierung sei jedenfalls gesichert. Welche Gründe bei der Entscheidung gegen Jörg Polenz‘ etablierten Palais-Sommer und für den Kleinkunst-Sommer von Thomas Jurisch den Ausschlag gegeben haben, ist nicht bekannt.

Eine Ausschreibung unter ungewöhnlichen Bedingungen

Wohl war dessen Angebot für die Ausschreibung mit 35.000 Euro siebenmal höher als die übliche Offerte des Palais-Sommers. Doch wäre es ungewöhnlich, hätten allein finanzielle Aspekte das Votum bestimmt statt ebenso Erfahrungen, Kompetenzen, Referenzen. Gleichwohl war schon die Ausschreibung seitens des SIB eher ungewöhnlich. Denn sie erfolgte erst im Dezember 2021, lief bis Januar 2022 und wurde Mitte März entschieden. Zu spät für die Fristen für Anträge auf kommunale Förderung; Jurisch muss nun ohne auskommen.

Die Ausschreibung für die Festival-Saisons der Jahre 2019 bis 2021 indes war schon im April 2018 ergangen; weit genug im Vorfeld, um sorgfältig planen zu können. Zudem heißt es in der Ausschreibung zwar, sie erfolge „auf der Grundlage der vertraglichen Nutzungsbedingungen zum Höchstgebot.“ Doch steht dort ebenfalls, die Veranstaltungen im Park sollen „der Förderung von Kunst und Kultur dienen, insbesondere der bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, des Tanzes und des Films“. Das klingt noch sehr wie zugeschnitten auf den Palais-Sommer.

Will der Freistaat seinen Park besser schützen?

Möglicherweise war ein anderer Aspekt mit ausschlaggebend: Das Programm im Park war mit den Jahren immer dichter geworden, hatte eine rasch wachsende Zahl Gäste angezogen und die denkmalgeschützte Anlage immer stärker strapaziert – noch dazu in Zeiten einer zunehmenden Bodendürre. Entsprechend hoch waren die Denkmalschutzauflagen für den Palais-Sommer geworden, der diese jedoch laut Jörg Polenz erfüllt hat.

Es wäre denkbar, dass auch diese Maßnahmen dem Sächsischen Immobilien- und Baumanagement nicht mehr gereicht haben, man sich deshalb vom großen Palais-Sommer verabschiedet und das Event durch ein beschaulicheres Festival ersetzt hat. „Ja“, bestätigt Thomas Jurisch, „man wollte eine kleinere Variante etablieren, etwas anderes als das Bisherige.“ Entsprechende Nachfragen der SZ beim SIB blieben bis Redaktionsschluss noch unbeantwortet. Man will die erbetenen Informationen nachreichen.