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Tourette: Wenn der Tic mehr als eine Marotte ist

Niclas lebt mit dem Tourette Syndrom. Das stört ihn beim Lesen und Mitschüler beim Lernen. Doch es gibt Hilfe und Dresdner Wissenschaftler, die emsig forschen.

Nach einem langen Tag macht sich Niclas mit seiner Mutter auf den Heimweg. Für eine wichtige Studie kommt der 14-Jährige nach der Schule regelmäßig ins Uniklinikum.
Nach einem langen Tag macht sich Niclas mit seiner Mutter auf den Heimweg. Für eine wichtige Studie kommt der 14-Jährige nach der Schule regelmäßig ins Uniklinikum. © Sven Ellger

Dresden. Das war ein langer Tag für Niclas. Kurz nach 18 Uhr streicht ihm seine Mutter über den Arm und schiebt ihn sanft in Richtung Parkplatz. Geschafft. Acht Stunden Unterricht liegen an diesem Mittwoch hinter ihm. Der 14-Jährige hatte nur eine kurze Pause, bis sein Programm weiterging - am Dresdner Universitätsklinikum, Haus 71.

Dort hat die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Dresdner Uniklinik ihre Räumlichkeiten. Niclas kennt sich in dem Haus mit der gelben Fassade inzwischen gut aus. Neben seiner Behandlung, kommt der Schüler nun zusätzlich zu vier Terminen her - für Untersuchungen, die künftig nicht nur ihm nützen sollen.

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Seit seinem fünften Lebensjahr leidet der Teenager am Tourette Syndrom. So bezeichnet man eine Erkrankung des Nervensystems, bei der die Betroffenen unwillkürliche Bewegungen machen und Laute oder Wörter ausstoßen. Auch Niclas kann seine so genannten Tics nicht einfach unterbinden. Ganz unabhängig von seinem Willen verzieht er das Gesicht oder rollt mit den Augen. Außerdem lässt er in regelmäßigen Abständen ein Räuspern hören, das nichts mit Erkältung oder Verlegenheit zu tun hat.

Zwanghafte Ordnungsliebe

"Angefangen hat das alles, als Niclas noch Kindergartenkind war", erzählt seine Mutter. Zunächst fielen ihr und ihrem Mann der außergewöhnliche Ordnungssinn ihres Kindes auf. "Spielsachen, Stifte, Fernbedienungen mussten immer exakt nebeneinander im gleichen Winkeln zur Tischkante liegen. Bis nicht jedes Ding an genau an seinem Platz lag, konnte Niclas nicht zur Ruhe kommen", erinnert sie sich.

Viele Eltern würden sich darüber freuen, wenn das Chaos im Kinderzimmer ganz ohne ihr Zutun verschwände. Doch Niclas' Eltern sorgten sich immer mehr, zumal ihr Sohn begann, eigenartige Grimmassen zu ziehen und schier endlos dieses räuspernde Geräusch zu erzeugen. Von ihrem älteren Sohn kannten sie diese Eigenarten bereits. Nach einer Weile verschwanden sie von selbst. Niclas schien sie zu manifestieren.

Dass ihr Sohn das Tourette Syndrom hat, erfuhren sie recht bald am Uniklinikum. "Etwa 15 Prozent aller Kinder zwischen sechs und zehn Jahren sind von einer meist milden Tic-Störung betroffen", informiert das Dresdner Uniklinikum. Woher so etwas kommt, warum es in einigen Fällen wieder vergeht oder sich eher verstärkt und wie Patienten damit am besten umgehen können, diese Fragen stellen sich Wissenschaftler an etlichen Kliniken und Universitäten. Nun hat eine Dresdner Forschungsgruppe begonnen, Tic-Störungen und Tourette ganz gezielt auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, welche Art Störung die Ursache dafür ist. 

Unterstützung in der Schule

"Bisher ging man davon aus, dass es sich dabei um reine Bewegungsstörungen handelt", sagt Professor Christian Beste, der die Gruppe leitet, "Das scheint aber nicht der Fall zu sein." In seine Studie nimmt er laufend neue Probanden auf. So auch Niclas. Zu insgesamt vier umfangreichen Testreihen ist er ins Institut gekommen. Dort nimmt er an Befragungen teil und absolviert unter einer Elektroenzephalografie - besser bekannt unter kurz EEG - bestimmte mathematische, grafische oder motorische Aufgaben.

Während die Mediziner seine Gehirnströme messen und aufzeichnen, beobachtet Niclas beispielsweise Pfeile auf einem Monitor und gibt deren Position per Tastatur ein. "Manchmal soll ich auch einfach nichts machen", erzählt er. Zweieinhalb Stunden nehmen die Tests in Anspruch. Wirken die Herausforderungen auch spielerisch, strengen sie den Studienteilnehmer doch an. Als alles beendet ist, sieht Niclas müde aus und ist doch froh, dass er durchgezogen hat. Warum er sich das abverlangt? "Für die Aufwandsentschädigung, die ich dafür bekomme", antwortet er entwaffnend ehrlich und lacht. "Aber nicht nur! Sondern weil ich hoffe, dass die Ergebnisse der Studie auch anderen Menschen, die wie ich an einer Tic-Störung leiden, helfen."

Vielleicht ist das Wort "leiden" für Niclas nicht wirklich treffend. In seiner Schulklasse macht sich niemand lustig über ihn. Das geht nicht jedem Betroffenen so, vor allem dann nicht, wenn die Tics noch viel auffälliger sind oder gar mit unanständigen Wörtern verbunden sind. Niclas hat gute Freunde, alle Mitschüler wissen um sein Problem, das eher für andere schwierig ist als für ihn selbst. Zum Beispiel, wenn sich die Jugendlichen auf die Aufgaben einer Klassenarbeit konzentrieren wollen und sich Niclas unentwegt räuspert. Deshalb schreibt er nun seine Klassenarbeiten in einem separaten Raum. Dadurch haben die anderen ihre Ruhe und auch Niclas kann sich besser konzentrieren, weil seine Gedanken nicht um die Frage kreisen, ob er jemanden stört. 

Gut mit dem Tic leben lernen

Vollkommen frei von seinen Tic-Störungen ist Niclas, sobald er zur Gitarre greift. "Dann kann er eine Stunde lang spielen, ohne auch nur einmal zu zwinkern, die Augen zu rollen oder das Gesicht zu verziehen", sagt seine Mutter. Während das dauernde Zucken und Bewegen der Augen beim Lesen wirklich stört, kann Niclas die Noten in Ruhe verfolgen. "Normalerweise verrutsche ich immer in der Zeile und muss erst wieder den Anschluss finden. Das ist wirklich belastend."

Ist Niclas zu müde oder zu gestresst? Hat er Ängste? Machen wir etwas falsch? Diese Fragen haben sich seine Eltern immer wieder gestellt. Hinweise auf solche Ursachen gibt es nicht. Viel mehr wird sich Niclas in nächster Zeit in einer besonderen Therapie damit beschäftigen, Herr seiner Tics zu werden. Nicht, indem er sie zu unterdrücken lernt. "Wir gehen inzwischen davon aus, dass eine überaus starke Kopplung von Wahrnehmungseindrücken und Handlungen dem Tourette Syndrom zugrunde liegen", sagt Prof. Christian Beste. In einer speziellen Therapie soll Niclas lernen, das Nahen einer Tic-Äußerung zu spüren und im richtigen Moment mit einer anderen Bewegung auszugleichen, so dass sie für andere nicht mehr sichtbar ist. 

"Ich wünsche mir, dass die Tics eines Tages einfach verschwinden", sagt Niclas' Mutter. Der Professor schüttelt den Kopf. So etwas komme vor, aber davon könne man nicht ausgehen. Besser sei es, damit gut leben zu können.  

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