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Wie sieben Frauen 70 Jahre Freundinnen blieben

Als 14-Jährige begannen sie in Dresden ihre Lehre, wurden Bauzeichnerinnen und Ingenieurinnen, und haben jetzt einen guten Grund, auf sich anzustoßen.

Senta Vatterodt, Irene Hermann und Hannelore Kühn (v.l.) erzählen lebhaft von all den Begebenheiten ihrer Freundschaft und den Erinnerungen ihres Arbeitslebens, das sie verbindet.
Senta Vatterodt, Irene Hermann und Hannelore Kühn (v.l.) erzählen lebhaft von all den Begebenheiten ihrer Freundschaft und den Erinnerungen ihres Arbeitslebens, das sie verbindet. © Christian Juppe

Dresden. Eine Runde Kindheit haben sie sich vorgenommen. Wenn Reni, Lore und Senta ihren besonderen Tag feiern, werden sie mit dem Riesenrad fahren. "Vorher gehen wir schön Mittagessen und lassen uns von einer Motorkutsche durch die Stadt tuckern", erzählen sie. Längst vergangene Zeiten schwingen mit, wenn sie in der Gondel sitzen - Jahrzehnte, die sie miteinander teilen. Vor 70 Jahren haben sie sich kennengelernt: Sieben Mädchen, die gemeinsam in die Lehre gingen. Heute sind sie 84 Jahre alt, nach wie vor eng befreundet, wenn auch nur noch zu sechst.

Trotz der Trauer um ihre erst kürzlich verlorene siebte Freundin haben sie allen Grund, auf etwas anzustoßen, was Gleiches sucht. "Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, waren wir 14 Jahre alt, eine von uns sogar erst 13", erzählt Hannelore Kühn, die alle Lore nennen. "Wir sind noch richtige Kinder gewesen", sagt Irene Hermann, kurz Reni. "In den Pausen haben wir an der Prießnitz gespielt, so kindlich waren wir."

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Mit Zuschauern in die neue Saison

Der Dresdner SC wird am 21. September mit einem Testspiel gegen Schwarz-Weiß Erfurt das Team für die neue Saison präsentieren.

Irma, Irene Hermann, Ursel und Ingrid (oben von links) und Senta Vatterodt, Gitta und Hannelore Hühn als angehende Bauzeichnerinnen im ersten Lehrjahr.
Irma, Irene Hermann, Ursel und Ingrid (oben von links) und Senta Vatterodt, Gitta und Hannelore Hühn als angehende Bauzeichnerinnen im ersten Lehrjahr. © Christian Juppe

Im damaligen Prießnitzbad in der Dresdner Neustadt hatte ihr Lehrbetrieb, der VEB Industrieentwurf Dresden, Räume angemietet, weil der Platz im Stammhaus nicht ausreichte, um die neuen Klassen für angehende Bauzeichner unterzubringen. Dort stand 1951 das Restaurant leer. "Wir haben an einfachen Holztischen gearbeitet, das war nicht ganz einfach", erinnert sich Senta Vatterodt. Die groben Tischplatten wurden mit weißem Karton bezogen. Trotzdem konnte es rasch eine Skizze verderben, wenn die Bleistiftmine in die Rinne zwischen den Holzbrettern geriet.

"Eigentlich gab es gar keine Bleistiftminen für unsere Druckstifte", erzählt Senta weiter. Der Mangel war so wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges allgegenwärtig. Ihr Ausbilder habe aus Not Bleistifte zerlegt, um an die Minen im Inneren heranzukommen und die Stifte der Mädchen damit fit zu machen.

Senta zieht in ihrem Hellerauer Wohnzimmer eine Schublade auf. Ein großes Dreieck aus Plastik, eine Bogenschablone und eine Reißschiene liegen darin. Aus einem anderen Schrank holt sie ihren Rechenschieber. "Die Lederhülle war etwas ganz Feines", sagt sie und wischt mit dem Finger auf den Tintenflecken herum, die dort von einem kleinen Malheur erzählen. "Da muss mir was ausgelaufen sein."

Rechenschieber im Leder-Etui

Reibekästchen zum Minenspitzen, Radierer, Zeichenbesen - fast alle haben ihre originalen Arbeitsmittel bis heute aufgehoben. Es fehlt keine Ecke am Dreieck und der winzige Handbesen hat noch sämtliche Borsten.

Wer keine höhere Schule besuchte, verließ damals die Volksschule nach der achten Klasse und lernte einen Beruf. Es können nicht alle Mädchen Damenmaßschneiderinnen und Friseusen werden, hieß es oft. Das Land brauche auch Frauen in der Industrie und Landwirtschaft. Dass sich Irma, Ingrid, Ursel, Senta, Lore, Reni und Gitta für die Ausbildung zur Bauzeichnerin entschieden, lag entweder in der Familie oder das Arbeitsamt empfahl diesen Weg.

"Ich habe immer von außen durchs Fenster eines Eisenbaubetriebes den Zeichnern dort bei der Arbeit zugeschaut", erzählt Hannelore. Später wollte sie sich über den Beruf des technischen Zeichners informieren und geriet völlig ungeplant in einen Eignungstest für künftige Bauzeichner, den sie bestand. Senta sollte in einer Stahlbaufirma anfangen, setzte aber durch, dass sie im Bauwesen beginnen durfte, und Irene wurde von ihrer Tante einfach zur Ausbildung angemeldet.

Ingenieurslohn: 495 Mark

So landeten sie am 17. September 1951 zusammen mit den anderen vier Mädchen bei Ipro, wie sie heute sagen. Die Ipro Consult GmbH wurde nach der Wende das Nachfolgeunternehmen ihres einstigen Lehrbetriebes, der für einige von ihnen auch Arbeitsstelle wurde. "Ich habe dort mit 14 angefangen und mit 55 Jahren als Vorruheständlerin aufgehört", sagt Irene Hermann. Während sie sich innerhalb des Betriebes weiterbildete, gingen Senta und Hannelore später zum Ingenieursstudium.

"Mit 21 Jahren waren wir fertige Ingenieurinnen und haben einen Monatslohn von 495 Mark bekommen", sagt Hannelore und zeigt auf einen alten Gehaltsschein in ihrem Schnellhefter, der noch aussieht, als wäre er gerade frisch gedruckt worden. Als Gesellinnen verdienten sie 265 Mark und für die Lehrlinge gab es 60 Mark pro Monat.

"Davon wurden sieben Mark für Rente und Versicherungen und 7,50 Mark für die Monatsfahrkarte abgezogen. Blieben 45,50 Mark", rechnet Lore vor. Die Fahrkarte bezuschusste der Betrieb am Ende des Monats mit fünf Mark. "Dafür haben wir uns beim Bäcker ein Schweinsohr gekauft", ist sie sich ganz sicher. Die anderen beiden schauen zweifelnd. Fünf Mark für ein Schweinsohr? Na, wird schon so gewesen sein.

Senta Vatterodts 80. Geburtstag vor vier Jahren feierte sie nicht nur mit ihrer großen Familie - vier Kinder, vier Enkel, vier Urenkel -, sondern auch mit ihren sechs Freundinnen.
Senta Vatterodts 80. Geburtstag vor vier Jahren feierte sie nicht nur mit ihrer großen Familie - vier Kinder, vier Enkel, vier Urenkel -, sondern auch mit ihren sechs Freundinnen. © Christian Juppe

Auf jeden Fall hat sich Senta vom ersten Lehrlingsgeld Hausschuhe gekauft. Die standen im Schaufenster eines Schuhgeschäftes, und waren ein Traum: "Rot mit gelben Bommeln. Ich habe meine Mutter angebettelt, dass ich das Geld dafür ausgeben durfte."

Später wurde sie Kostenplanerin und war es auch zu Hause. "Unseren Lohn haben wir immer am 17. des Monats bar in einem Umschlag bekommen, und daheim habe ich sofort Essensgeld, Fahrkartengeld und was alles nötig war auf vier Briefumschläge für meine vier Kinder aufgeteilt." Ordnung musste sein, nicht nur im Beruf. "Da waren Fristen Gesetz. Keinen Tag später als vorgesehen sind unsere Projekte fertig geworden!"

Wie das heute so läuft, können die Frauen überhaupt nicht verstehen. Bauverzögerungen und Kostenexplosionen - darüber schütteln sie den Kopf. "Früher wurde fristgerecht zu Ende geplant und dann begann der Bau. Jetzt rollen die Bagger an, kaum dass der erste Strich gesetzt ist." Und alles nur noch am Computer. Tja, andere Zeiten!

"Wir haben nicht nur am Reißbrett, sondern auch auf dem Bau arbeiten gelernt", erzählt Hannelore. Mauern hochziehen mit Ziegelsteinen und Metall in Form biegen. "Weil es für uns keine richtige Arbeitskleidung zu kaufen gab, haben meine Eltern mir selbst Hosen für den Bau genäht."

Nach Ausbildung und Studium gingen die sieben Freundinnen verschiedene Wege - eine in den Westen, noch bevor die Mauer gebaut wurde, eine nach Schwarze Pumpe. Sie heirateten, bekamen Kinder und hatten nur noch wenig Kontakt. "Aber als die Kinder raus waren, haben wir uns jeden Monat getroffen und regelmäßig Ausflüge unternommen", erzählt Irene Hermann. Sogar zur Freundin im Westen hielten sie all die Jahre Kontakt, zum Teil heimlich. Freundschaften wollen gepflegt sein.

Hochzeit ausgeschlossen

"Unsere Zeit war wunderschön und unbeschwert. Alle Kollegen haben sich gemocht und gegenseitig geholfen" - daran denken Senta, Lore und Reni gern: "Und wir sind froh, dass unser Leben in der DDR stattgefunden hat, auch wenn wir im heutigen Staat wirklich nichts zu leiden und gute Renten haben."

Gab es auch mal Zank? "Streit hatten wir nie, höchstens mal eine Meinungsverschiedenheit", sagt Senta Vatterodt, und die anderen nicken. Vollkommen einig seien sie sich in einem: "Wer von uns Witwe wird, heiratet nicht wieder. Wir sind ja füreinander da."

Verbindet auch Sie eine außergewöhnliche, wunderbare Freundschaft, von der Sie erzählen möchten? Dann schreiben sie uns an: Sächsische Zeitung, Stadtredaktion, Ostraallee 20, 01067 Dresden, oder per Mail an [email protected] (zu Händen Nadja Laske)

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