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Lügengebäude eingestürzt

Überraschende Wende im Prozess um einen versuchten Mord. In der Verhandlung kommen mehrere Falschaussagen von Zeugen ans Licht. Ausgang ungewiss.

Der Angeklagte, hier mit seinem Verteidiger Jürgen Saupe, soll seine Freundin niedergestochen haben. Warum, das ist eine spannende Frage.
Der Angeklagte, hier mit seinem Verteidiger Jürgen Saupe, soll seine Freundin niedergestochen haben. Warum, das ist eine spannende Frage. © Foto: Alexander Schneider

Dresden. Wenn sich zwei junge Menschen lieben, finden sie Wege, sich zu treffen. So war das auch bei dem 22-jährigen Angeklagten und seiner gleichaltrigen Freundin. Der Mann, ein Kurde aus dem Irak, sitzt seit Februar in Untersuchungshaft und muss sich seit einem Monat vor dem Landgericht Dresden wegen versuchten Mordes verantworten. Laut Anklage hat er seine Freundin am 2. Februar im Hugo-Bürkner-Park in Strehlen mit einem Messer in den Bauch gestochen – um sie zu töten. Die Anklage geht von Heimtücke aus, die Frau habe nicht mit einem Angriff rechnen können.

Sie überlebte die Tat, auch weil sie von einer Autofahrerin schnell in eine Klinik gebracht und notoperiert wurde. Laut Anklage habe der 22-Jährige die Frau abends abgepasst und mehrfach bedroht, mit ihm zu kommen. Weil er angeblich nach Italien abgeschoben werden sollte, habe er die Frau dazu bringen wollen, ihn zu begleiten, was sie jedoch abgelehnt habe.

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Tatmotiv wackelt

Doch dieses Motiv wackelt nun. Bislang hatten mehrere Zeugen berichtet, dass der Angeklagte immer wieder versucht habe, Kontakt zu der Frau aufzunehmen, die 2017 mit ihm und seiner Familie vom Nordirak nach Deutschland geflüchtet war. Auf der langen Reise soll der Angeklagte ihre Tochter sogar möglicherweise vergewaltigt haben, sagte etwa die Mutter des Opfers aus, die schon seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Das Baby habe ihre Tochter nach der Entbindung abgegeben.

Nachdem sich der Angeklagte diese Woche erstmals zu der Tat eingelassen und den Stich zugegeben hat, stellte sich die Sache jedoch anders dar. So habe er sich immer wieder mit seiner Freundin getroffen, die er nach wie vor liebe. Er habe versucht, mit ihr das Land zu verlassen, um ein eigenes Leben mit ihr aufzubauen. Er sei enttäuscht gewesen, als er erfuhr, dass das Kind angeblich nicht von ihm gewesen sei.

Am Freitag hat das Schwurgericht daher die Geschädigte zum dritten Mal vernehmen müssen. Nun bestätigte sie überraschend, sich mit dem Angeklagten regelmäßig getroffen zu haben, auch an dem Wochenende der Tat. Ihre Familie habe davon nichts wissen dürfen, sie habe Angst.

„Ich will, aber meine Familie akzeptiert das nicht.“

Mit dieser Angst begründete sie auch ihre wiederholten Falschaussagen bei der Polizei und im Gerichtssaal. „Ich liebe ihn“, sagte auch sie. Der Angeklagte habe sie nie bedroht. Er habe sie gefragt, ob sie ihre Familie verlässt, um mit ihm woanders zu leben. Sie habe geantwortet: „Ich will, aber meine Familie akzeptiert das nicht.“ Sie habe gesagt „Du gehst deinen Weg, ich meinen. Wir bleiben Freunde.“

Sie habe ihm zugesagt, mit ihrer Familie reden zu wollen. Danach habe er ihr plötzlich in den Bauch gestochen. Als er das Messer herauszog, habe er „Ich hab‘ dir doch gesagt, ich bringe dich um“ gesagt. Dann sei er auf die Knie gefallen, habe gezittert. 

Vorher, auch das wurde die Zeugin natürlich mehrfach gefragt, habe ihr Freund jedoch angeblich nichts Derartiges gesagt. Die Zeugin sagte mehrfach, sie stehe unter großem Druck und man konnte nur ahnen, in welchem Konflikt sie sich befunden haben muss.

Das Gericht brach die Vernehmung gegen 19.15 Uhr ab und teilte vier Fortsetzungstermine bis Mitte Dezember mit. Nun muss auch geprüft werden, ob der Mordvorwurf noch zu halten ist. Der Angeklagte, auch das drängt sich auf, hat sich mit seinem langen Schweigen keinen Gefallen getan. Die Lügen der Zeugen wären sicherlich eher aufgeflogen. Mehrere Zeugen erwarten Ermittlungsverfahren wegen ihrer mutmaßlichen Falschaussagen.

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