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Rechter Anschlag nach Prozessauftakt?

Ein Angriff auf den Fuhrpark des Roten Kreuzes überschattet einen Drogenprozess, der Anfang Oktober am Landgericht Dresden begonnen hat.

Verteidigerin Katja Reichel spricht im Landgericht Dresden mit ihrem Mandanten Ayham I. (2.v.l.). Nach dem Prozessauftakt kam es zu einem Anschlag auf Fahrzeuge des Roten Kreuzes in Pirna.
Verteidigerin Katja Reichel spricht im Landgericht Dresden mit ihrem Mandanten Ayham I. (2.v.l.). Nach dem Prozessauftakt kam es zu einem Anschlag auf Fahrzeuge des Roten Kreuzes in Pirna. © Foto: Alexander Schneider

Dresden/Pirna. Am Rande eines Drogen-Prozesses vor dem Landgericht Dresden kam es offenbar zu einer Racheaktion gegenüber dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) aus Pirna. Unbekannte Täter haben am Wochenende zwischen dem 9. Und 12. Oktober die Reifen von drei Kleintransportern, die für den Personentransport genutzt werden, zerstochen. Sie standen auf dem DRK-Gelände in der Liebstädter Straße.

Die Polizeidirektion Dresden bestätigte die Tat. Es werde auch ein Zusammenhang mit dem Prozess geprüft, sagte ein Polizeisprecher. In der Hauptverhandlung hatte eine Zeugin ausgesagt, dass der Angeklagte 2017 ehrenamtlich beim Roten Kreuz Pirna gearbeitet habe.

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Im Kreisverband der Pirnaer Hilfsorganisation verweist man auf Kai Kranich, den  Pressesprecher des DRK Sachsen. Auch Kranich verurteilte die Vorkommnisse. „Ein solcher Anschlag ist nicht tolerierbar“, sagte er. Da habe jemand versucht, das Rote Kreuz bewusst lahmzulegen. Am Montagvormittag seien aufgrund der Schäden mehrere mehrerer Fahrten von älteren hilfsbedürftigen Menschen ausgefallen. Dank der Unterstützung einer Werkstatt hätten die Reifen bis zum Mittag schnell ersetzt werden können.

Laut Kranich liege ein Zusammenhang des Anschlags mit dem Prozessauftakt nahe, „doch wir wissen es nicht sicher“, sagte er. Das Rote Kreuz sei in Sachsen nur noch vereinzelt in der Flüchtlingshilfe tätig, in Pirna gar nicht mehr.

Spontane Zeugenvernehmung

Am Freitag, 9. Oktober, hatte der Prozess gegen den 24-jährigen Syrer Ayham I. begonnen. Der Mann soll 2019 über Monate vor allem mit Marihuana gehandelt haben. Da der Angeklagte vorerst weder Angaben zu den Vorwürfen noch zu seinen persönlichen Verhältnissen machte, vernahm das Gericht spontan eine zufällig anwesende 69-jährige Frau als Zeugin.

Die Frau ist ehrenamtliche Helferin beim Roten Kreuz in Pirna. Die engagierte Rentnerin berichtete, dass I. 2015 nach Deutschland kam. Er hatte in Damaskus im ersten Semester Architektur studiert und habe an einer Demonstration gegen das Regime teilgenommen. Mehrere Demonstranten seien bei der Demonstration angeblich erschossen worden, Ayham I. sei durch einen Schuss ins Bein schwer verletzt worden. Er leide noch heute an den Folgen, sagte die Zeugin. Nach einer Behandlung im Krankenhaus sei er aus Syrien geflüchtet.

Ayham sei unter den ersten Hilfesuchenden gewesen, die im August 2015 in dem spontan zu einer Erstaufnahme-Einrichtung umgebauten ehemaligen Praktiker-Baumarkt untergebracht wurden. Schon damals hatten mehrere Hundert Rechtsextremisten zwei Nächte lang vor der Einrichtung gewalttätig demonstriert und Polizisten angegriffen.

Sie habe Ayham 2017 kennengelernt, sagte die 69-Jährige. Damals hatte sie in der Kleiderkammer gearbeitet und Ayham habe dort ebenfalls ehrenamtlich gearbeitet. Er habe übersetzt und sei eine große Hilfe gewesen. Sie habe ihn als netten, bescheidenen und fleißigen jungen Mann erlebt. Dass er in illegale Drogengeschäfte verwickelt sein könnte, habe sie sich vor der Verhaftung I.s nicht vorstellen können. Sie sagte, der 24-jährige habe immer gearbeitet, um seine Eltern in Damaskus zu unterstützen. Er habe daher auch ihren Rat ausgeschlagen, zunächst eine Ausbildung zu machen.

Verteidigerin entsetzt

Auch Ayham I.s Verteidigerin Katja Reichel verurteilt den Anschlag auf die Hilfsorganisation. „Mich empört das zutiefst“, sagte sie. Es sei entsetzlich, dass gerade das auf Neutralität bedachte Rote Kreuz ins Visier offensichtlich rechts gerichteter Täter geraten sei. Solche Taten seien nicht tolerierbar, sagte Reichel. Sie habe sich über reißerischen Berichte in Boulevardmedien geärgert, in denen ihr Mandant schon in der Überschrift als DRK-Mitarbeiter bezeichnet wurde.

Es sei naheliegend, dass solche Beiträge der Anlass für diese Sachbeschädigungen gewesen sein können. Sie habe inzwischen erfahren, dass Mitarbeiter des Roten Kreuzes auch über soziale Medien bedroht worden sein sollen. Anlass sei auch in diesem Fall der Prozessauftakt.

In der Hauptverhandlung, auch vergangene Woche fanden zwei Sitzungstage statt, war der Anschlag kein Thema. Möglicherweise hatte er sich noch nicht bis zur Kammer herumgesprochen. Der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft erfuhr von der SZ von dem mutmaßlichen Hintergrund der Sachbeschädigungen mit dem laufenden Prozess.

Mindeststrafe: fünf Jahre Haft

Laut Anklage soll Ayham I. im Jahr 2019 im großen Stil mit Marihuana gehandelt haben. Er wurde am 13. Oktober 2019 verhaftet, nachdem er mit weiteren Leuten auf dem Rückweg einer mutmaßlichen Beschaffungsfahrt in Heidenau kontrolliert wurde. I. war mit einem verbotenen Springmesser bewaffnet und hatte etwa ein halbes Kilogramm Marihuana im Auto.

Ihm werden bewaffneter Handel von Betäubungsmitteln vorgeworfen. Darüber hinaus habe er über Monate mit Marihuana gehandelt, mindestens einmal auch ein Gramm an einen 15-Jährigen verkauft, und soll mehrfach ausstehendes Geld mit Gewalt eingetrieben haben. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, droht ihm eine lange Haftstrafe. Allein auf bewaffneten Handel mit Drogen stehen mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Nun überschattet jedoch ein mutmaßlicher Anschlag aus der rechten Ecke das Verfahren. Der Prozess wird am 9. November fortgesetzt.

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