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Der Verlust der Großzügigkeit

Moderne Architektur bekommt in Sachsen immer mehr Zuspruch. Die SZ-Serie stellt fünf Projekte vor – heute ein Gartenhaus in Dresden-Blasewitz.

Das Blasewitzer Gartenhaus bietet einen wunderbaren Platz, um sich davorzusetzen und den alten Baumbestand zu genießen.
Das Blasewitzer Gartenhaus bietet einen wunderbaren Platz, um sich davorzusetzen und den alten Baumbestand zu genießen. © Matthias Rietschel

Blasewitz gehört zu den begehrtesten Wohngegenden in Dresden. Zugleich zeigt der Stadtteil symbolhaft, was geschieht, wenn ein Stadtplanungsamt investorenhörig die Tradition sowie Bedenken der Anwohnerinnen und Anwohner ignoriert. Das meint Ralf Kukula, der unweit der Loschwitzer Straße, in der Frankenstraße, Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau eine historische Immobilie kaufte, die damals einem vernachlässigten Landhaus glich. Die Familie sanierte es behutsam mit viel Eigenleistung und genoss jahrelang den Vorteil, zum einen sehr stadtnah und gleichzeitig auf einem parkähnlichen Grundstück zu leben.

Vor vier Jahren fiel die Entscheidung für den Neubau eines Gartenhauses, denn der Filmproduzent Ralf Kukula benötigte für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf Zeit für seine Projekte nach Dresden kommen, sowie für Gäste eine Unterkunft. Beauftragt wurde der Architekt Ekkehard Schmidt, der eine charmante Lösung fand, den benötigten Wohnraum mit dem kleinen Park zu versöhnen. Entstanden ist ein Haus, das auf schlankem Grundriss ungestört Zwiesprache mit der Natur ermöglicht, denn Bäume und Gartenanlage blieben fast komplett erhalten.

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© Matthias Rietschel

Das vorn fünf und hinten sieben Meter breite und zehn Meter lange Gebäude mit seinem begrünten Flachdach fügt sich harmonisch in den Raum und bildet einen gelungenen Kontrast zu dem historischen Wohnhaus. Wie ein nach unten verdrehter Schuhkarton schmiegt sich die mit einer im Parterre sechs Meter großen Fensterfront versehene Fassade um den im Garten angelegten Teich. In der Wasseroberfläche spiegelt sich wiederum das Haus, was ein elegantes Zusammenspiel ergibt. Außerdem bietet es Schatten und einen wunderbaren Platz, um sich davorzusetzen und den alten Baumbestand zu genießen.

Aber das Gartenhaus bildet auch eine Art Schutzmauer gegen eine Veränderung auf dem Nachbargrundstück, die beim Kauf des alten Landhauses nicht zu ahnen war. Kukulas mussten in den vergangenen 20 Jahren eine rasante Veränderung ihrer Heimat mit ansehen, die sie gelegentlich fassungslos werden und oft staunen ließ. Die zunehmend unverhältnismäßig große Lückenbebauung und der damit verbundene Verlust der Schönheit und Großzügigkeit dieses Teils der Stadt ging ihnen und vielen Nachbarinnen und Nachbarn vor allem in den vergangenen zehn Jahren deutlich zu weit. Besonders empörte sie dabei die Ignoranz der städtischen Behörden, die diesen Prozess ungehindert zuließen, statt eine ortstypische Stadtteilentwicklung zu fördern.

© Matthias Rietschel

Im Jahr 2015 dokumentierte Ralf Kukula deshalb in einer Ausstellung in dem Verkaufs-Center Schillergalerie die Historie des Ortes, der 1921 von Dresden eingemeindet wurde. Noch um 1800 befand sich hier ein malerisches Fischerdorf, versteckt hinter dem Blasewitzer Tännich, fußläufig etwa eine Dreiviertelstunde von der Residenzstadt entfernt. Vor gut 150 Jahren erschloss sich ein aufstrebendes, durch die Industrialisierung wohlhabend gewordenes Bürgertum die Gegend als Villenviertel. Für den Bau ihrer individuell gestalteten Immobilien leisteten sie sich gute Architekten und gestalteten Parks in ihren Grundstücken. 1863 schrieb ein Baureglement eine offene Bauweise und klare Mindestabstände zwischen den Bauten fest. Am Waldpark wurden die Abstandsflächen der ihn umgebenden exklusiven Bauparzellen 1872 weiter erhöht. So durfte die Straßenfront der Villen nur halb so breit wie das Grundstück sein.

Während in der DDR der Stadtteil mehr oder weniger vor sich hin schlummerte, alte Bausubstanz verfiel und kleine Bausünden geschahen, begann nach 1990 zunächst eine schrittweise Sanierung von Altbauten und die Rettung von Villen, die dem Verfall preisgegeben waren. Die alte Schönheit wurde zurückgewonnen. Doch Ende der 1990er-Jahre setzte ein scheinbar ungehinderter Bauboom ein, der das kulturelle Erbe ernsthaft bedrohte. Gefördert wurde der nicht nur durch Sonderabschreibungen, sondern zusätzlich durch zahlreiche Gesetze und Verordnungen. So ermöglichte das Bauerleichterungsgesetz von 1991, in offenen Bebauungsstrukturen doppelt so viele Gebäude zu errichten, als es die historischen Bauordnungen zuließen. Außerdem konnten statt überwiegend maximal drei plötzlich vier bis fünf Etagen gebaut werden. In der Folge verschwanden in Blasewitz nicht nur eine Vielzahl historischer Villen, sondern es litt die Struktur des einst grünen Viertels, Höhen und Fluchten stimmten nicht mehr. Die massive Verdichtung zeigte sich zum einen an einer Architektur, die nicht ins Stadtbild passte, und zugleich daran, dass innerhalb von 15 Jahren die Einwohnerzahl in dem Stadtteil um 25 Prozent stieg.

© Matthias Rietschel

Ralf Kukula erlebte an seiner Grundstücksgrenze, wie eine historische Villa plötzlich verschwand und später die USD Immobilien GmbH zwei Mietshäuser errichten ließ, die jetzt emporragen, als wäre ein Aida-Kreuzfahrtschiff vor Anker gegangen. Seine Familie muss jetzt damit leben, erreichte es aber gemeinsam mit der Initiative vieler Blasewitzer, dass der Stadtteil zum Denkmalschutzgebiet ernannt wurde. Leider zu spät, denn die größten Bausünden, die sich in überdimensionierten Spekulationsobjekten manifestieren, sind bereits passiert.

Alle Teile der Serie finden Sie hier

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