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Wer hat Hitler abgeleckt?

Der Dresdner Durs Grünbein ist einer der bekanntesten Dichter des Landes. Jetzt sieht er sich von der Geschichte umzingelt und hört die Stimmen von Toten.

Die Vorstellung, dass Hitler von Millionen mit der Zunge befeuchtet wurde, hat für Durs Grünbein „etwas Entsetzliches“.
Die Vorstellung, dass Hitler von Millionen mit der Zunge befeuchtet wurde, hat für Durs Grünbein „etwas Entsetzliches“. © Foto: AKG

Zahllose Deutsche verschicken in der NS-Zeit Briefe und Karten mit einer Marke, die Adolf Hitler im Profil zeigt. Der Blick starr nach rechts gerichtet. Damit die Briefmarke klebt, wird der Führerkopf abgeleckt. Millionenfach. Das stellt man sich lieber nicht vor. Es sei denn, man hätte die großartig absurde Fantasie von Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren. „Die Vorstellung dieser sklavischen Vielzüngigkeit, Doppelzüngigkeit, klebrigen Servilität hat etwas Entsetzliches.“

Er erinnert sich, dass er als Kind selbst solche Marken besaß mit dem streng gescheitelten Konterfei in Violett, das Stück für sechs Pfennige, im Album versteckt. Es gab sie in Blutrot, Erbsengrün und Orange. Das erste Mal war er dem „Volksverführer“ mit zehn oder elf auf dem Wäscheboden der Großeltern begegnet. In einer Kommode entdeckte er beim Herumstöbern ein vergilbtes, welliges Exemplar von „Mein Kampf“, obligatorisches Hochzeitsgeschenk aus den 1930er-Jahren. Der Dachbodenfund musste so geheim bleiben wie die Briefmarken. Kinder haben für so etwas ein Gespür. Verschweigen und Verdrängen von Blindheit und Mitschuld gehörte zur eingeübten Normalität in der Erwachsenenwelt. Doch gerade das Tabu erzeugte diese sehr spezielle Mischung aus Grauen und Neugier beim Absturz in die Vergangenheit.

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Wie beeinflussen die Bilder aus der NS-Zeit das Schreiben eines Nachgeborenen, warum kann oder will er sich nicht davon lösen? Antworten gibt der Dichter und Essayist Durs Grünbein in vier Vorlesungen, die er 2019 an der renommierten britischen Oxford-University hielt. Er war eingeladen als Gastprofessor, und dass ein Deutscher in England über Hitler spricht, gehört sich beinahe so. Doch die nun veröffentlichten Reden sind keine Pflichtübung. Es sind Tiefenbohrungen in die Geschichte, in denen sich das Autobiografische mit dem Blick auf die Welt verbindet, die Analyse mit der Erzählung, das Gewesene mit dem Heute. Hitler, der „Briefmarkenkönig“, wird als Produkt einer perfekten medialen Inszenierung vorgeführt.

Durs Grünbein ist ein feinsinniger Beobachter aller innerer und äußerer Dramen, an den wir Deutsche uns abarbeiten.
Durs Grünbein ist ein feinsinniger Beobachter aller innerer und äußerer Dramen, an den wir Deutsche uns abarbeiten. © Archivfoto: Jürgen Lösel

Verachtung für Dresdens Fotografen-Legende Walter Hahn

Der Titel des schmalen Bandes „Jenseits der Literatur“ meint die Erfahrung, dass etwas Ungeheuerliches das eigene Schreiben infrage stellt. Doch gerade Durs Grünbein lässt sich an einem Ort jenseits der Literatur nicht denken und seine Literatur nicht ohne die Geschichte. Wissenschaft und Poesie sind für ihn schon immer zwei Seiten einer Medaille. Kein Wunder, dass er bereits als 33-Jähriger im Namen des naturforschenden Dramatikers Georg Büchner mit dem angesehensten deutschen Literaturpreis bedacht wurde. Der Entdeckergeist war offenbar früh geweckt. Grünbein erzählt, wie er sich als Achtklässler in der Sächsischen Landesbibliothek einnistete, damals noch in der Marienallee. Wie sich ihm die Giftschränke öffneten für einen Vortrag über die Nürnberger Prozesse und wie das Fieber der Quellensuche bereits „bedenklich manische Züge“ trug. Drei Unterrichtsstunden räumte ihm die Lehrerin für den Vortrag ein. Nicht jede These entsprach dem DDR-offiziellen Geschichtsbild.

Die Recherche besticht auch im jüngsten Buch, wenn Durs Grünbein etwa den Bau der Reichsautobahn als „Traumprojekt totalitärer Planung“ beschreibt. Er benutzt dafür politisch besetzte Begriffe wie Nationales Aufbauwerk oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Der propagandistische Wert des Unternehmens sei größer gewesen als der ökonomische Nutzen. Truppen ließen sich per Bahn schneller verlagern. Doch neben aller Kritik steht auch ein Stück Respekt – zum einen für die schwer schuftenden Männer vor Ort und zum anderen für jene Konstrukteure, die das Straßenband wie ein Kunstwerk in die Landschaft platzierten samt Leitplanken und befestigten Randstreifen. Nach Kriegsende seien die Deutschen im Aufbau so schnell gewesen wie im Vergessen: Zumindest im Wirtschaftswunderland ging der „Autobahnwahnsinn seinen reibungslosen Gang“, wie es der „Motorisierungspsychose“ entsprach.

Für den bekannten Dresdner Fotografen Walter Hahn hat der Dichter nur Verachtung übrig. Denn Hahn war ab 1934 NSDAP-Mitglied, durfte Luftaufnahmen wie diese machen und wurde nach dem Krieg schnell entnazifiziert. „Das Dritte Reich ging an ihm vorbei wie e
Für den bekannten Dresdner Fotografen Walter Hahn hat der Dichter nur Verachtung übrig. Denn Hahn war ab 1934 NSDAP-Mitglied, durfte Luftaufnahmen wie diese machen und wurde nach dem Krieg schnell entnazifiziert. „Das Dritte Reich ging an ihm vorbei wie e © Archiv SZ

In einer "mächtigen Erinnerungsdepression“

Durs Grünbein wechselt zwischen leiser Nachdenklichkeit und bösem Gelächter. Er verknüpft Fakten zu überraschenden Assoziationsketten. Das würde nicht gehen mit belehrend erhobenem Zeigefinger. Für seine Exkursionen holt er sich gedanklichen Beistand von Prominenten wie Hannah Arendt, Alexander Kluge oder W. G. Sebald. Auch der Dramatiker Heiner Müller wird herbeizitiert, dem er die entscheidende Begegnung mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld im Sommer 1988 verdankte. Weniger bekannte Widerständige kommen zu Wort wie der Maler Edmund Kalb, der sich den Nazis durch subversive Renitenz entzog, oder die Tagebuchschreiberin Anna Haag, die sich 1942 fragte, ob man Hitler wohl mit einem Kochlöffel totschlagen könne.

Der Dresdner Romanist Victor Klemperer wird mit viel Anerkennung bedacht und der Dresdner Fotograf Walter Hahn mit Verachtung. Hahn, ab 1934 Mitglied der NSDAP, durfte in den zwölf Jahren Naziherrschaft als Einziger im Raum Sachsen Luftbildaufnahmen machen. Kurz nach Kriegsende wurde er entnazifiziert. „Das Dritte Reich ging an ihm vorbei wie ein Schnupfen, von dem er sich bald erholte.“ Nicht nur deshalb muss Grünbein erzählen.

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Sein Gang in die „Rumpelkammer der Geschichte“ folgt keinem Selbstzweck. Es geht auch nicht um bloße Selbsttherapie angesichts einer „mächtigen Erinnerungsdepression“. Der Autor sieht wiederkehrende Muster, die ihn beunruhigen. Da wird Klassenhass in Rassenhass umgemünzt und die starke Nation beschworen, da wird die modernste Technik gefeiert und der Intellekt diffamiert. „Was heute in Europa umgeht, ist nicht mehr das Gespenst des Kommunismus. Es ist das Nachbild autoritärer Herrschaft, der Traum der Rechtspopulisten von der Volksgemeinschaft, durch Propaganda und Politmarketing realisierbar.“ Als willige Empfänger dieser Botschaft sieht Durs Grünbein die Entwurzelten und Verunsicherten der westlichen Welt, denen das Kapital den Boden unter den Füßen wegzog. Wenn er vor einer aggressiven Massenbewegung warnt, liest sich das wie ein aktueller Kommentar auf den Sturm aufs Kapitol.

Durs Grünbein: Jenseits der Literatur. Suhrkamp Verlag, 166 Seiten, 24 Euro

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