merken
PLUS Wirtschaft

Ein lachender Smiley für die Bahn

Ein Dresdner Start-up entwickelt ein neuartiges Werkzeug zur Kundenbefragung. Die Bahn und der VVO haben es getestet.

Laura Richter und andere Nutzer der Dresdner S-Bahn konnten tucatap via Scan des QR-Codes auf ausgehängten Swingcards testen.
Laura Richter und andere Nutzer der Dresdner S-Bahn konnten tucatap via Scan des QR-Codes auf ausgehängten Swingcards testen. © ByteBuzzer GmbH

Einen neuartigen Kommunikationskanal bei der Bahn testen – ausgerechnet in der Pandemie, wo viel weniger Leute im Zug sitzen. Der Zeitpunkt für das Pilotprojekt konnte kaum schlechter sein oder?

„Im Gegenteil“, sagt Ludwig Gawer. „Weil die Bahn nicht so voll war, hatten die Leute Zeit für solche Beschäftigung“, so der Geschäftsführer der Dresdner Bytebuzzer GmbH. „Wenn man der Einzige unter 100 ist, der etwas scannt, gucken alle misstrauisch. Aber wenn da nur wenige sind, machen sie es eher.“

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Die Bahntochter DB Regio und der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) hatten im Dezember und Januar in der Dresdner S-Bahn Fahrgäste nach ihrer Meinung befragt. Dabei kam erstmals die unterhaltsame Software-Lösung tucatap des Start-ups zum Einsatz. Statt Fragebogen und Kreuzen konnten die Fahrgäste mit Emojis antworten. Das Ziel: den Kundenkontakt auf spielerische Art verbessern und die Bereitschaft der Fahrgäste zur Interaktion testen.

Lob von der DB-Südost

„Dazu haben wir in den Waggons 7.500 Swingcards an die Gepäckablagen gehängt“, berichtet Bytebuzzer-Chef Gawer. Auf den Karten, ähnlich „Bitte nicht stören!“–Hängern an der Hotelzimmertür, konnten Reisende per Smartphone den QR-Code scannen und ohne weitere Installation oder Anmeldung anonym bei der Umfrage landen.

Über maximal fünf Klicks wollten die Bahn und ihr Auftraggeber im Nahverkehr ein Meinungsbild gewinnen – mit wöchentlich wechselnden Fragen: zur Fahrt, aber auch zu aktuellen Themen wie Corona. Einmal war ein Quiz dabei.

Die Karten können via Smartphone gescannt werden.
Die Karten können via Smartphone gescannt werden. © ByteBuzzer GmbH

Das große Plus von tucatap sei die einfache Bedienung und universelle Einsetzbarkeit in Verbindung mit Gamification-Elementen, lobt Sisi Zheng, Leiterin Fahrgastmarketing von DB Regio Südost. „Dies eröffnet uns neue Wege der digitalen Kommunikation.“ So könnten beispielsweise Pendler Verbesserungen anregen oder junge Fahrgäste spielerisch lernen, so Zheng.

Bahn-Kooperation wäre Türöffner

„Für den VVO sind besonders die Fragen zu Tickets, aber auch zur Nutzung von Medien wie Apps, Kundenmagazinen und Internetseiten oder zur Baustellenkommunikation von Interesse“, sagt Gabriele Clauss, Marketingleiterin beim VVO. „Wir freuen uns, dass die DB dieses Dresdner Produkt vor Ort testet und sind gespannt, wie es angenommen wird.“

Start-up-Chef Gawer spricht von „ sozialistischen Teilnahmewerten“. 60 Prozent hätten sich mit dem QR-Code befasst, über 90 Prozent davon bis zum Ende durch alle Bilder geklickt – laut DB 771 Reisende. „Die Kunden waren froh, dass es mal was Neues gab, ohne viel Text oder mit erhobenem Zeigefinger“, so der Wirtschaftsingenieur.

Für den Absolventen der TU Dresden ist es „ärgerlich, wenn Unternehmen zwar eine Hotline haben, man dort aber nach ewiger Warteschleife wieder aussteigt“. Nachgelagerte Fragebögen erfüllten selten ihren Zweck, gerade für jene, die sie ausfüllten. „Es braucht einen Kommunikationskanal, der Spaß macht, wenig Aufwand bereitet und sprachenübergreifend verständlich ist“, sagt der 32-Jährige. Mit tucatap, „Wortspiel aus dem Tropenvogel Tukan und dem Dschungel der Entscheidungen“ lieferte der Dresdner die Blaupause und gründete 2018 mit Robert Klikics die eigene Firma.

Das Start-up bietet verschiedene Services bei Design, Funktionalität und Nutzerführung von Websites und für die Kreation digitaler Prototypen an. Ferner unterstützt es Unternehmen bei der Entwicklung und Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. Das Team besteht mittlerweile aus fünf Programmierern, Designern und Betriebswirtschaftlern, bis zum Jahresende sollen es doppelt so viele Beschäftigte sein.

Auch für Rathaus und Klinik

Vor einem Jahr kam die Software auf den Markt, und im September präsentierte das Unternehmen die Innovation in der DB-Mindbox, der Innovationsschmiede der Deutschen Bahn. Dort konnte sich Bytebuzzer gegen 340 andere Gründerfirmen durchsetzen und eine Teilnahme am Mentoring-Programm des Konzerns gewinnen.

Tucatap hilft Unternehmen, die Interaktion mit Kunden und Mitarbeitern unkompliziert via Wlan, QR-Code oder Link zu verbessern. Nutzer werden so angesprochen, wie sie es im Digitalzeitalter lieben: bildbasiert, mobil, intuitiv. Das Werkzeug kann auch von Veranstaltern und in Kliniken genutzt werden, in Rathäusern und bei Behörden für mehr Bürgernähe sorgen.

Noch verweilt ein Großteil der Verwaltung in der analogen Welt, erschweren langes Warten und komplizierte Formulare eine Kommunikation mit Besuchern, Patienten und Kunden auf Augenhöhe.

Dauerhaft im Einsatz?

Im März wissen Gawer und Co, ob die Bahn den Daumen hebt oder senkt. Die Chancen stehen gut, denn die DB sieht ihre Erwartungen erfüllt. Das Echo der Befragten sei ausschließlich positiv, sagt ein Sprecher.

Ludwig Gawer ist Chef der ByteBuzzer GmbH in Dresden.
Ludwig Gawer ist Chef der ByteBuzzer GmbH in Dresden. © ByteBuzzer GmbH

Ob Tucatap dauerhaft zum Einsatz komme, etwa im Zugportal, werde gerade geprüft. Eine Anschlusskooperation helfe nicht nur finanziell, sie sei vor allem Türöffner, sagt Gawer. „Wenn wir es bei DB Regio geschafft haben, dann passt es auch bei anderen Bahngesellschaften. Es gebe bereits Anfragen aus dem Bundesgebiet.

Der Jungunternehmer hatte nach eigenem Bekunden „Glück mit weitsichtigen Bearbeitern bei Sachsens Aufbaubank“, die ihm und dem Projekt vertraut hätten. Mangels Wagniskapital seien „die Hürden für Gründer in Deutschland hoch – und in der Krise noch höher. „Alle klopfen sich um wenige Töpfe, und Verbesserungen gibt es nur in homöopathischen Dosen.“

Mehr zum Thema Wirtschaft