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Millionengeschäfte mit heißen Bildern

Infratec aus Dresden profitiert in der Corona-Krise. Denn mit der Unternehmenstechnik kontrolliert unter anderem Amazon seine Mitarbeiter.

Eine Infratec-Mitarbeiterin überwacht die Zusammensetzung der Infrarot-Detektoren in den neuen Fertigungsräumen im Technologiezentrum Dresden.
Eine Infratec-Mitarbeiterin überwacht die Zusammensetzung der Infrarot-Detektoren in den neuen Fertigungsräumen im Technologiezentrum Dresden. © Jürgen Lösel

Wer sehen will, wo auch in der Corona-Zeit gutes Geld verdient wird, muss vorbei an Einfamilienhäusern aus den Sechzigern, dann an einem Campingplatz und schließlich in eine enge sanierungsbedürftige Straße einbiegen. Nach kurzer Zeit erreicht man das Gelände des Dresdner Technologiezentrums und findet die Geschäftsräume der Firma Infratec. 

Hier haben sich an diesem Freitagvormittag etwa 50 Personen eingefunden, vorwiegend Männer, mittleres Alter im Anzug, alle tragen vorschriftsgemäß eine Maske. Es gibt etwas zu feiern. Die Straße zum Gelände ist es nicht. Das Vorhaben, sie zu sanieren, stockt seit sechs Jahren in der Stadtverwaltung. 

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Stattdessen ist Infratec, einst eine Gründung von Studenten der Technischen Universität Dresden, im letzten Jahrzehnt derart gewachsen, dass neue Räume her mussten. "Wir sind aus allen Nähten geplatzt", sagt Vertriebsleiter Jörg Döppner. 16, 8 Millionen Euro haben Anbau und Sanierung von Fertigungshallen und Büros gekostet, seit August ist das zweijährige Projekt beendet, heute ist Eröffnung. 

Wärmebildkameras messen Fieber in Menschenmengen

Neben Döppner liegen mehrere der Objekte, die verantwortlich für den rasanten Wachstumskurs der Firma sind. Kameras, die mit ihrer Klotzigkeit ein bisschen aussehen, als hätte sie ein Zeitreisender aus dem Jahr 1995 auf dem Tisch platziert. Doch was Infratec in Dresden produziert, ist der neueste technische Standard, heiß begehrt und nachgefragt, nicht nur in der Industrie: Infrarot-Wärmebildkameras.

Seit mittlerweile 29 Jahren entwickelt, fertigt und vertreibt das Unternehmen die Apparate. Angefangen hat alles mit zwei Elektrotechnikstudenten. Mittlerweile verzeichnet Infratec rund 40 Millionen Jahresumsatz, betreibt Geschäftsstellen unter anderem in China und Übersee und beschäftigt alleine in Dresden 212 Mitarbeiter. 

Die Wärmebildkameras nutzen verschiedenste Branchen für ihre Zwecke. Auf dem Bau zeigen die Geräte an, wie sauber gearbeitet wurde. Naturforscher und Jäger wissen dank Infrarot, wo sich Tiere aufhalten und wenn ein Brand entsteht, registrieren die Sensoren frühzeitig Wärmeentwicklung. 

"Die Kameras sind überall gefragt, wo Temperaturverteilung eine Rolle spielt", sagt Döppner. In der Corona-Krise gehört Infratec zu den wenigen Unternehmen, die dank ihres Geschäftsmodells profitieren. Denn die Infrarotgeräte können auch genutzt werden, um auf größerem Raum Menschen zu identifizieren, die erhöhte Temperatur oder Fieber haben. Es sind zwar keine Medizingeräte, können aber Corona-Hinweisgeber sein. 

Im Kriegseinsatz: Infratec-Geräte an der russischen Grenze

Wer es sich denn leisten kann, der kontrolliert so dann auch seine Mitarbeiter. "Wir haben Anfang des Jahres 50 Kameras an Amazon verkauft und auch Geschäfte mit Tesla gemacht", sagt Döppner. 50 Stück - das klingt nicht viel. Doch wenn man weiß, dass ein Modell bis zu 200.000 Euro kostet, ist schnell verständlich, mit welchen Akteuren es Infratec auf dem Markt zu tun hat. 

Wärmebildkameras: Bis zu 60.000 Euro pro Stück kosten die Apparate - und sorgen unter anderem davor, dass Internet-Gigant Amazon auch während Corona massenhaft liefern kann.
Wärmebildkameras: Bis zu 60.000 Euro pro Stück kosten die Apparate - und sorgen unter anderem davor, dass Internet-Gigant Amazon auch während Corona massenhaft liefern kann. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Unter den Referenzen sind neben Bosch, Audi und Brose auch so manch unerwartete Namen zu finden. So landeten in der brenzligsten Phase des Ukraine-Konflikts auch Infratec-Kameras in den Händen von internationalen Beobachtertruppen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Denn dank Infrarot konnten die Militärbeobachter genau nachvollziehen, was sich an der russischen Grenze abspielte. "Wollen Sie ein Infrarot-Foto von sich als Andenken?", fragt Döppner und zeigt auf eine Stativkamera, die mit einem großen Bildschirm neben dem Fenster des Konferenzraums verbunden ist. 

Schutzanzüge für alle Mitarbeiter

Gute Laune auch in den neuen Fertigungshallen von Infratec, die heute zum ersten Mal Auswärtigen vorgeführt werden. Janka Haubold ist Betriebsleiterin der Infrarotmesstechnik und trägt - wie alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - einen grünen Schutzanzug, eine Haube und Schuh-Überzieher. 

Vor jedem Betreten der Räume müssen die Ingenieure und Facharbeiter sich umziehen und dann in eine Luftdusche. So soll verhindert werden, dass Schmutz und Baumwollfasern auf sensiblen Schaltkreisen landen. 

Haubold ist nicht für die Wärmebildkameras zuständig, sondern für die Herstellung von Detektoren, dem zweiten Geschäftszweig von Infratec. Dabei werden Infrarotstrahlen durch einen Filter geschickt und dann von speziellen pyroelektrischen Sensoren in Energie umgewandelt. 

Klimakrise schafft gute Geschäftsaussichten

Und auch hier kommt Corona ins Spiel. Denn die Detektoren werden in Beatmungsgeräten und bei der Narkose in Krankenhäusern eingesetzt, um Sauerstoff und Gaszusammensetzung zu messen. "Wenn sie operiert werden, haben sie gute Chancen, dass im Änasthesie-Gerät Infratec-Detektoren verbaut sind", sagt Haubold.

Infratec-Geschäftsführer Krauß (l.) und Heinze (r.): Große Wachstumspläne in Krisenzeiten.
Infratec-Geschäftsführer Krauß (l.) und Heinze (r.): Große Wachstumspläne in Krisenzeiten. © Jürgen Lösel

Aber auch nach der Krise glaubt man beim Dresdner Unternehmen daran, dass die goldenen Jahre noch lange nicht vorbei sind. Abgasmessanlagen an Straßen sind eins der neuen Geschäftsfelder, bei denen die Detektoren eine Rolle spielen. Und: "In der Halbleiter-Industrie werden immer noch Kühlgase eingesetzt, die deutlich gefährlicher sind als CO2", sagt Haubold. Gegen diese "Gifte" werde ebenfalls mit zunehmendem Umweltschutz stärker vorgegangen, so ihre Erfahrung.

Vielleicht bessere Aussichten fürs Klima, tendenziell gute Aussichten für Infratec. Die Firma plant bereits einen weiteren Gebäudeteil mit neuen Fertigungsanlagen. Dass der Höhenflug anhält, davon ist neben Geschäftsführer Matthias Krauß auch der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) überzeugt. Die Geschichte von Infratec sei eine "sächsische Musterbiographie" sagt er und überreicht Krauß - ganz der Politiker - eine Luftaufnahme des Firmengeländes. Es ist noch Platz. 

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