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Fahrradkauf: "Die Leute werden extrem enttäuscht"

Die Nachfrage nach Rädern ist in Dresden so hoch wie noch nie. Wegen der Pandemie bekommen viele Händler gleichzeitig kaum Ware. Wie es trotzdem klappt.

Roland Pohl, Geschäftsführer des Bike Centers Dresden, findet die derzeitige Situation "total pervers".
Roland Pohl, Geschäftsführer des Bike Centers Dresden, findet die derzeitige Situation "total pervers". © Sven Ellger

Dresden. Einfach mal rauskommen, den eigenen vier Wänden entfliehen. In der Corona-Pandemie haben viele Dresdner das Fahrrad wieder für sich entdeckt. Auch viele Pendler, die im Normalfall den ÖPNV nutzen, sind aufs Rad umgestiegen, um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten.

Eigentlich sollte die gestiegene Nachfrage die Fahrradhändler freuen. Doch immer öfter müssen Kunden deutlich länger auf ihr Rad warten. Einschränkungen im Handel machen den Kauf zusätzlich kompliziert.

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Wie schwer ist es derzeit in Dresden, ein Fahrrad zu kaufen oder reparieren zu lassen? Wir haben nachgefragt.

Manufaktur-Räder: Lieferzeiten von bis zu acht Monaten

Roland Pohl ist Geschäftsführer des Bike Centers Dresden in der Äußeren Neustadt. Das Geschäft mit zwei Filialen hat sich fast vollständig auf sogenannte "Manufaktur-Räder" spezialisiert. "Diese Fahrräder sollen 30 bis 40 Jahre halten", erklärt Pohl.

Dafür kann sich der Kunde bei Roland Pohl sein Rad ganz individuell konfigurieren lassen. Grundlage ist ein Stahlrahmen. Alle nötigen Einzelteile bestellt das Bike-Center selbst und baut diese dann in der hauseigenen Werkstatt zum fertigen Fahrrad zusammen.

"Deshalb liegen wir schon in normalen Jahren bei einer längeren Lieferzeit von etwa sechs Wochen", sagt Pohl. Doch die Corona-Krise habe alles durcheinandergewirbelt. Aktuell seien kaum mehr Teile auf dem Weltmarkt verfügbar.

Deshalb müsse Pohl derzeit viele Kunden "extrem enttäuschen". Wartezeiten von 35 bis 40 Wochen seien mittlerweile die Regel. Gleichzeitig wollen immer mehr Dresdner ein neues Rad bei ihm kaufen.

"Im und nach dem ersten Lockdown ist die Nachfrage extrem gestiegen." Und daran habe sich bis jetzt kaum etwas geändert. "Eigentlich sind die Stoßzeiten immer im Sommer, aber die Nachfrage ist schon jetzt wieder sehr hoch, obwohl die Saison noch nicht einmal richtig losgegangen ist", sagt Pohl.

Um den Bedarf zu decken, sei er bereits dazu übergegangen, die Einzelteile in den Niederlanden zu bestellen. Doch auch dort hätten sich die verzögerten Lieferketten mittlerweile stark bemerkbar gemacht. "Es kommt alles auf einmal und das zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt", sagt Pohl.

Verkehrswende, Klimawandel, Pandemie. Eine Nachfrage, die kaum bedient werden könne, dazu deutlich höhere Transportkosten wegen den Corona-Beschränkungen. "Die Containerpreise aus China haben sich fast verzehnfacht, gleichzeitig sind die Kunststoffpreise durch die Decke gegangen."

Pohl findet die Situation "total pervers", kann aber wenig daran ändern. Zumindest ist er froh, dass seine Werkstatt in der Pandemie gut besucht ist - und aktuell dank "Click & Meet" auch Probefahrten stattfinden können.

Kleines Familiengeschäft: "Der Kunde muss vor Ort sein"

Das geht auch Oliver Hoffmann so. 2013 hat er den Fahrradladen "Radsport Kotyrba" in der Cossebauder Straße übernommen. Ein Familiengeschäft, das in über hundert Jahren Bestehen "alle Unklarheiten in zwei Weltkriegen bis über die DDR hinweg bekämpft hat", wie Hoffmann mit einem Lachen erzählt.

Für ihn habe es oberste Priorität, dem Kunden "das perfekte Rad" zu verkaufen. Deshalb setzt er alles auf den Vor-Ort-Verkauf, detaillierte Beratung inklusive. "Die Rahmengröße kann man nur bestimmen, wenn der Kunde vor Ort ist, weil man dafür zum Beispiel Schrittlänge und Oberkörperlänge messen muss", sagt Hoffmann.

Deshalb habe er auch nur offen, wenn Termine gesetzlich möglich sind. Eine Probefahrt hält er außerdem für unverzichtbar. "Viele Kunden haben dann doch online gekauft und es danach bitter bereut."

Fahrradfakten in Dresden:

  • Auf 1.000 Dresdner kamen 2018 880 Fahrräder (Repräsentative Haushaltbefragung „SrV 2018“ zur privaten Mobilität in Dresden)
  • Der ADFC Dresden schätzt, dass 350.000 Dresdner ein oder mehrere Fahrräder besitzen
  • 20% der Dresdner nutzen ein- oder mehrmals täglich das Fahrrad

Fahrradfakten in Dresden:

  • Im September 2010 überquerten 22.428 Radfahrer an einem Tag die Dresdner Elbbrücken (Daten: Stadt Dresden, Auswertung ADFC Dresden)
  • Im September 2020 waren es schon 42.148 an einem Tag, also fast doppelt so viele
  • Nach Einschätzung des ADFC und von Händlern nutzen seit Pandemiebeginn deutlich mehr Dresdner das Fahrrad für Erholung in der nahen Umgebung
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Doch der 44-Jährige hat neben den Corona-Beschränkungen ein weiteres Problem. Auch bei ihm sei die Verfügbarkeit von Rädern "extrem schlecht". "Die Lieferkette ist extrem unterbrochen", sagt er.

Jedes Jahr zwischen Juni und August bestellt Hoffmann neue Räder für das kommende Jahr. "Die Fahrräder vom letzten Jahr sind noch immer nicht alle da. Das ist wie zu Weihnachten, dass man sich bei jeder kleinen Lieferung freut wie über ein Geschenk", sagt der Händler.

Aktuell habe er einen Bestand von rund 350 Rädern im Lager. Wie lange das ausreicht, um die hohe Nachfrage zu befriedigen, kann er aufgrund der unsicheren Öffnungsperspektive nicht einschätzen. Seine Kunden könne er zwar noch bedienen - besonders bei Ersatzteilen verspreche er aber "nichts mehr". Denn die Teile hätten wegen der hohen Transportkosten mittlerweile Vorlaufzeiten von rund einem Jahr.

Das schlage sich auch in den Preisen nieder. "Die haben sich definitiv erhöht", sagt er. Sein Kollege Pohl spricht konkret von Steigerungen um etwa 30 Prozent.

Little John Bikes: "Jeder wird ein Rad bekommen"

Robert Peschke, Geschäftsführer der Fahrradkette "Little John Bikes", die in Dresden mit fünf Filialen vertreten ist, hat andere Erfahrungen gemacht als seine Kollegen. "Unser Lagerbestand ist 30 bis 40 Prozent höher als noch im Frühjahr 2020", sagt Peschke.

Bereits frühzeitig habe man sich bei Little John Bikes darauf eingestellt, dass die Nachfrage während der Pandemie deutlich steigen werde - und kräftig überschüssige Ware aufgekauft. Dass Little John Bikes die Räder nicht ausgingen, begründet Pohl auch damit, dass das Unternehmen einen eigenen Einkauf habe.

"Wir haben andere, direkte Beschaffungswege als viele andere Händler. Natürlich muss man jeden Tag hochflexibel agieren. Aber besonders entscheidend, um momentan an Räder zu kommen, ist es, gleich zahlen zu können und klug zu disponieren", sagt Peschke.

Denn die Weltmarktsituation, das beobachtet auch er, ist aufgrund von Corona noch angespannter. "Besonders Shimano als größter Komponenten-Hersteller diktiert die Lieferketten", sagt Peschke. Und auch er führt die gestiegenen Containerkosten aus China als Problem an.

"Es gibt Räder, aber die müssen bezahlt werden. Die Radpreise steigen aber schon seit Jahren exorbitant. Das bemerken die Kunden im Normalfall nur kaum, weil die Spezifikationen in der unteren Preisklasse einfach schlechter werden", erklärt der studierte Volkswirt.

Der normale Radverkauf gehe bei seinen Filialen aber normal weiter. "Die wenigsten Kunden kommen und wollen genau dieses eine Rad. Sie fahren drei, vier Räder Probe und entscheiden sich dann", sagt Peschke.

Doch unbegrenzt verfügbar sind Räder auch in seinen Lagern nicht. Im Sommer, so prophezeit er, könnte es etwa keine Mountainbikes in den Filialen mehr geben. Fazit: Wer momentan in Dresden ein Rad kaufen will, der sollte vor allem schnell sein. Und kompromissbereit.

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