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Ehemaliger Nazi-Bunker wird Weindepot

Das Tonnengewölbe oberhalb der Radebeuler Grundmühle soll nach Jahrzehnten des Verfalls wieder genutzt werden.

© Anne Hübschmann

Von Kristin Koschnick

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Große Haufen mit Erde und Bruchsteinen lagern hinter rotweißen Absperrgittern, ein Bagger parkt am Straßenrand. Das kreischende Geräusch eines Trennschleifers unterbricht die beschauliche Vormittagsruhe der Radebeuler Weinberge. Spaziergänger Richtung Lößnitzgrund stehen auf dem kleinen Schleichweg oberhalb der Grundmühle plötzlich vor einer Baustelle. Hangaufwärts ist hinter einer schlichten Backsteinwand ein großes Tonnengewölbe zu erahnen. Staubschwaden wehen aus der Tiefe des Eingangs zum ehemaligen Bunker. Um ihn rankten sich seit Jahrzehnten einige Legenden. Die Vermutungen reichten vom Gemüselager der HO, einer Kleiderkammer der Volkspolizei bis hin zu einer Stasi-Zentrale für den Ernstfall. Belegt ist: Sowjetische Kriegsgefangene haben den Stollen 1944 in den Berg getrieben. Sie waren unter SS-Bewachung in einem Lager auf dem Gelände der Hoflößnitz untergebracht.

„Als ich ein junger Bursche von 14, 15 Jahren war, bin ich mit einem Freund nach einer Veranstaltung des Jungvolks an der Baustelle vorbeigekommen“, erzählt der Radebeuler Eberhard Sennewald. Soldaten hätten gerade Schutt herausgeschafft. Hobbyforscher Sennewald hat die Geschichte des Bauwerks akribisch erforscht, dafür Zeitzeugen befragt und Dokumente gewälzt. Seine Erkenntnisse hat der 84-Jährige in einer Broschüre veröffentlicht.

Der hintere Teil des Bauwerkes war zu Kriegsende bei Fliegeralarm für Polizei- und Luftschutzkräfte reserviert. Weiter vorn konnten Anwohner der Nachbarschaft Schutz suchen. Auch während der Bombenangriffe auf Dresden haben sie hier ausgeharrt. Der Bunker war mit elektrischem Licht, Wasser, zwei Toiletten, einer Belüftungsanlage und Telefon ausgestattet. In den letzten Kriegswochen waren Unterlagen und Teile der Filmstelle Radebeuls im Stollen ausgelagert. Nach Kriegsende wurde der Bunker aufgebrochen, die verstreuten Papiere und Fotos verschwanden in den Wirren der Nachkriegszeit.

Seit dem Kauf des Geländes durch Thomas Teubert vor knapp fünf Jahren ist viel passiert. Unsichtbar für flanierende Spaziergänger wurde zuerst das Gewölbe im Berg trocken gelegt. 2 500 winzige Löcher wurden in die Wände gebohrt. Ein Spezialkompressor presste mit hohem Druck eine Zementemulsion hinein. Seitdem ist der 27 Meter lange Gewölbegang abgedichtet. Es dringt kein Wasser mehr ein, die soliden Klinkerwände trocknen. Jetzt geht es mit den zur Straße liegenden Gebäudeteilen und dem Innenausbau weiter.

Der Eigentümer des Restaurants und Weinkellers Goldener Wagen will den alten Bunker zu neuem Leben erwecken. Im Tonnengewölbe werden ab Herbst neben der Ausstattung für die über zwanzig Wein- und Stadtfeste, an denen das Weingut teilnimmt, die Weinvorräte des Winzers lagern.

In die Außensanierung hat der Bauherr mit Eigenleistungen rund 20 000 Euro investiert. Geld, das sich lohnt, ist Thomas Teubert überzeugt. Ein Neubau des Weinlagers wäre inmitten der Lößnitz nicht möglich gewesen. Außerdem herrschen im Inneren des Berges ganzjährig um die zwölf Grad Celsius. Ideale Temperaturen, um die Fässer und Flaschen mit Goldriesling, Traminer und Müller-Thurgau fachgerecht lagern zu können.

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