merken

„Eigentlich mochte ich die Lehrer nie“

Angelo Kische ist seit neun Monaten Lehrer in Dresden – als Seiteneinsteiger. Eine Erfolgsgeschichte.

© Robert Michael

Von Andrea Schawe

Der Lehrer brauchte länger als sonst, um zur Arbeit zu kommen. Für die Schüler der Adolph-Kolping-Schule in Dresden ist das ein mathematisches Problem, Dreisatz. Angelo Kische steht locker an der Tafel, die weiße Kreide in der Hand. „Sonst brauche ich 15 Minuten“, sagt er und schreibt die Zahl auf. „Heute dauerte es 45 Minuten, bis ich hier war. Na, wie viel länger hat Herr Kische gebraucht? In Prozent?“ Die zwölf Schüler in der Berufsvorbereitungsklasse antworten, ohne sich zu melden. „Über 50 Prozent“, schlägt ein Junge in der letzten Reihe vor. Kische schmunzelt. Er fängt an, an der Tafel die Rechenschritte zu skizzieren.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Ein Mädchen in der ersten Reihe nimmt einen Block und schreibt mit. „Du machst das einzig Richtige“, sagt Kische mit sarkastischem Unterton. In drei Wochen sind Prüfungen. Angelo Kische, 33, Jeans, Turnschuhe, kleinkariertes Hemd, Brille, ist erst seit neun Monaten Lehrer. An der Adolph-Kolping-Schule unterrichtet er Mathe und Ethik. In den Berufsvorbereitungsklassen und für Jugendliche im ersten und zweiten Lehrjahr. „Es macht nicht jeden Tag Spaß, aber oft“, sagt er mit dem für ihn typischen schwarzen Humor. Studiert hat er das nicht, er kam als Seiteneinsteiger an die Schule.

„Eigentlich mochte ich die Lehrer nie“, sagt er. Während des Studiums waren die Lehramtsstudenten einfach nicht sein Fall. „Viele studierten jahrelang, nur um im ersten Praktikum zu merken, dass sie nicht mit Kindern können.“ Er interessierte sich für Geschichte und Philosophie. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich Sachen ganz okay erklären kann“, erzählt Kische. „Ich habe wohl mehr Geduld als andere.“

Während des Studiums in Greifswald leitete er Tutorien für die Kommilitonen. Kurz vor seinem Bachelorabschluss wird der Masterstudiengang für Lehrer an seiner Universität eingestellt. „Das war Pech“, sagt Kische. Sonst wäre er doch noch ganz konventionell Lehrer geworden. Er arbeitete dann als Lerntherapeut für Rechenschwäche an Schulen für Schwererziehbare. „So habe ich Berufserfahrung, aber keinen Abschluss.“

Die Erfahrung macht sich an der Adolph-Kolping-Schule bezahlt. „Viele unserer Schüler haben Anspruch auf besondere Förderung“, sagt Schulleiterin Beate Gebauer. Sie kommen von Förderschulen oder nach der Hauptschule ohne Abschluss. „Diese Kinder zu unterrichten, ist eine Herausforderung“, sagt Gebauer. „Die Lehrer brauchen ein Gespür für besondere Leute.“ Das habe sie bei Kische gesehen. „Wir wollten ihn haben.“

Er ist einer von drei Seiteneinsteigern unter den etwa 60 Lehrern an der Schule. „Ich habe damit nur gute Erfahrungen gemacht“, so die Schulleiterin. Ein Vorteil: Sie kann sich die Lehrer aussuchen. Den öffentlichen Schulen werden die Seiteneinsteiger durch das sächsische Landesamt zugeteilt. Ob es menschlich passt, sei da zweitrangig. „Das war zumindest mein Eindruck“, sagt Kische. Er hatte sich auch beim Landesamt beworben und hätte als Ethiklehrer an einer Dresdner Oberschule unterrichten können. Als er den Schulleiter um ein Vorstellungsgespräch bat, wiegelte der ab. „Er sagte, es sei egal, wer da komme, wenn ich nicht anfange, macht es ein anderer.“

In der Adolph-Kolping-Schule musste er nach dem Vorstellungsgespräch erst einmal hospitieren. „Das erwarten wir von den Bewerbern, damit sie die Schüler kennenlernen und wissen, worauf sie sich einlassen“, sagt Beate Gebauer. „Die Personen müssen passen, das Herz muss stimmen.“ Angelo Kische passt. „Dann haben wir ihn ins kalte Wasser geschmissen.“

Kische unterrichtete von Anfang an, die dreimonatige Einstiegsqualifikation gibt es für Lehrer an freien Schulen nicht. „Ich finde das gut, weil ich sonst erst mitten im Schuljahr angefangen hätte.“ Er bekam eine Mentorin für Mathe an die Seite, sie tauschen sich mindestens einmal wöchentlich aus. „Ich bekomme Unterstützung und Hilfe bei der Vorbereitung. Alle Kollegen sind ein Team“, sagt der 33-Jährige. Neun Monate später steht seine Klasse vor den Prüfungen. Den Dreisatz können sie. „Es macht Spaß, Leuten etwas beizubringen.“