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Ein Baum für Bischofswerda

Ungarische Gastarbeiter kamen vor 43 Jahren in die Stadt. Für viele ein Abenteuer. Der Ginkgo erinnert jetzt daran.

© Regina Berger

Von Constanze Knappe

Bischofswerda. Tibor Berta ringt nach Worten. „Es ist ein bewegender Moment“, sagt der 65-jährige Ungar. Auch für seinen Landsmann Janos Gilicze (65) ist es „einfach ein großartiges Gefühl“. Vor 43 Jahren teilten sich die Zwei ein Zimmer, arbeiteten bei Fortschritt in Neustadt. Zwei von Zehntausenden Ungarn, die zwischen 1967 und 1983 mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche in die DDR kamen. Auch nach Bischofswerda. Zur Erinnerung daran pflanzten 50 von ihnen am Sonnabend am Mühlteich einen Ginkgo biloba fastigiata. Das heißt, der Bauhof hatte den jungen Baum gesetzt, er wurde nur noch mit einigen Spaten Erde bedeckt. Papierfähnchen in deutschen und ungarischen Landesfarben verliehen dem symbolischen Akt seine Feierlichkeit.

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Mit beherzten Handgriffen beförderten OB Holm Große (r.) und András Zampori (M.) die letzte Erde auf die Wurzeln des Ginkgos. Der Erinnerungsbaum begrünt das Gelände am Mühlteich jedes Jahr ein bisschen mehr.
Mit beherzten Handgriffen beförderten OB Holm Große (r.) und András Zampori (M.) die letzte Erde auf die Wurzeln des Ginkgos. Der Erinnerungsbaum begrünt das Gelände am Mühlteich jedes Jahr ein bisschen mehr. © Regina Berger

Mit einem Sonderzug war Tibor Berta am 16. Oktober 1969 aus Ungarn gekommen. Er arbeitete als Stahl-Kies-Strahler bei Fortschritt in Singwitz, dann in Neustadt. Im dortigen Kulturhaus lernte er seine Frau Renate kennen. 1972 heirateten sie. Wegen des Armeedienstes musste er nach Ungarn zurück. Seine Frau ging mit. Vier Jahren später entschieden sie, in der DDR zu leben. Zuerst in Dresden, dann bauten sie in Großenhain ein Haus. Es wurde seine zweite Heimat. „Dennoch fühle ich mich zu 100 Prozent als Ungar“, so Tibor Berta. Bereut habe er nie, damals in die DDR gekommen zu sein. Auch deshalb nicht, weil er sich hier immer wohl gefühlt habe.

Kontakt ist geblieben

Das Zimmer im Bautzener Wohnheim teilte er sich mit Janos Gilicze. Der hatte zu jener Zeit gerade das Abitur hinter sich und „wollte die Welt entdecken“. Am Gymnasium hatte er Deutsch, erlernte in der DDR den Beruf eines Schlossers. 1972 ging er nach Ungarn zurück. In seinem Heimatort Makó in Südungarn war er 20 Jahre Abgeordneter, vier Jahre auch stellvertretender Bürgermeister. Über die Jahre stand er im Kontakt mit Landsleuten, die hier blieben.

Als Attila Kele 1973 in die DDR kam, sprach er kein einziges Wort Deutsch. Für eine Bitterfelder Firma arbeitete der Rohrleitungsmonteur auf der Großbaustelle des Kraftwerks Boxberg. Dahin hatte ihn das Versprechen gelockt, dass er den internationalen Schweißerpass machen könne. Leider sei es nicht dazu gekommen. Etwas enttäuscht darüber ging er im März 1975 nach Ungarn zurück. Dort musste er zum Militär, fand danach schnell Arbeit und seine Frau Klára. Vor zehn Jahren war er einmal in Boxberg und Weißwasser. Bis auf die Sache mit dem Schweißerpass habe er Boxberg in angenehmer Erinnerung behalten. „Es war schon ein Abenteuer und eine gute Zeit“, sagt er schmunzelnd.

Mit Arbeitsvertrag in der Tasche

Drei Geschichten, wie es Zehntausende gibt. In einer kleinen Rede erinnern die Ungarn daran, dass an jenem 2. Oktober 1973 mit einem Sonderzug aus Budapest allein 120 Jugendliche kamen, um in den Betrieben des Fortschritt-Kombinats zu arbeiten. Alle mit Arbeitsvertrag in der Tasche. Doch es ging auch darum, einen Beruf zu erlernen oder sich weiterzubilden. Für manchen war es der erste Arbeitsplatz überhaupt. Fern der Heimat und weg von der Kontrolle der Eltern. „Neben der Arbeit interessierten wir uns für Motorräder, Mädels und Partys. Wir waren sorglos und voller Lebensfreude“, erklärt Attila Kele unter dem Gelächter seiner Landsleute. Den für die Nachtruhe zuständigen Betreuern habe man damit nicht wenig Sorgen bereitet. „Heute sind wir nicht stolz darauf, damals hielten wir das für einen Scherz“, so der 61-Jährige. Er spricht auch im Namen jener 13 Ungarn, die in Bischofswerda geblieben sind. Wie András Zampori, der seit 1973 in der Stadt lebt, hier sehr gut aufgenommen wurde, Familie und Freunde gefunden hat und sich im Fußball engagierte.

Gemeinsam mit László Poszt, der im vorigen Jahr verstorben ist, organisierte András Zampori 2013 im „Wirtshaus zum Bürgergarten“ ein Treffen jener ungarischen Gastarbeiter, die damals nach Bischofswerda kamen. Einige von ihnen weilten 40 Jahre danach zum ersten Mal wieder in der Stadt. Ein Treffen voller Emotionen. Die Bilder der hübschen Jungs von damals mit den schulterlangen Haaren und den für die 1970-er Jahre obligatorischen Schlaghosen-Jeans lösten großes Gelächter aus, auch in der SZ. Dafür hatte László Poszt gesorgt, der die Fotos von früher zu einem Film verarbeitet und damit seine Landsleute überrascht hatte. László Poszt war es auch, der die Stadt Bischofswerda dem in Budapest ansässigen Verein der DDR-Ungarn als Reiseziel empfahl. Der Verein organisiert jedes Jahr eine mehrtägige Fahrt in ostdeutsche Städte, um an das besondere Kapitel der deutsch-ungarischen Beziehungen zu erinnern. 60 Ungarn reisten diesmal mit. „Darunter leider niemand, der damals in Bischofswerda war“, stellt András Zampori ein bisschen traurig fest. Dafür sind einige der Ungarn gekommen, die seitdem in Bischofswerda und Umgebung leben.

Erinnerungen für die Enkel

Einige aus der Reisegruppe blieben in Ebersbach, wo am Montag ebenfalls ein solcher Erinnerungsbaum gepflanzt wurde. Wie seit 2008 in 13 anderen ostdeutschen Städten. Begonnen hatte der Verein der DDR-Ungarn damit in Erfurt. Von 1980 bis 1983 arbeitete die damalige Abiturientin Márta Gergely im dortigen Funkwerk. Als Mitarbeiterin des Vereins organisiert sie die Touren wie die jetzige. Nostalgiereise, so nennt es Attila Kele. Die führt zu seiner Freude auch nach Boxberg.

Von dem Erinnerungsbaum wird Tibor Berta seinem Enkel erzählen. Dass sich ein Oberbürgermeister dafür Zeit nimmt, beeindruckt ihn sehr. Holm Große hatte sich da nicht lange bitten lassen. Er begrüßt die Gäste mit einigen ungarischen Worten. „Der Baum mit den gelben Blüten wird immer schöner und ein Farbtupfer in der Altstadt von Bischofswerda“, sagt der OB. Er verweist auf das herzförmige Wurzelwerk, welches der Ginkgo biloba bildet. Ein Symbol dafür, dass „einige der ungarischen Gäste ihr Herz an Bischofswerda verloren haben und zu einem geachteten Bestandteil der weltoffenen Stadt geworden sind“. Eine Tafel aus Edelstahl erinnert daran.