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Ein cooler Typ mit offenem Ohr

Tom Kaiser arbeitet in Schönfeld als Schulsozialarbeiter – noch, bevor das neue Schulgesetz einen solchen favorisiert.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Catharina Karlshaus

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Schönfeld. Von der Hofaufsicht angezählt wurde er noch nie. Aber dass die freundliche Dame am Brötchenstand ihn schon mal mit erhobenem Zeigefinger auf den sinnvollen Verbleib seiner Papiertüte aufmerksam gemacht hat, gibt er gern zum Besten. Immerhin: In Jeans und Kapuzenshirt, jugendlich durchtrainiert, mit unverbrauchtem Lächeln im Gesicht könnte Tom Kaiser tatsächlich einer von ihnen sein. Jenen 280 Mädchen und Jungen, für die der 26-Jährige seit einigen Monaten tätig ist. Der Weinböhlaer ist der Schulsozialarbeiter, auf den Sachsens Schulen mit Inkrafttreten des geänderten Schulgesetzes ab August einen Anspruch haben.

Die Schönfelder indes haben Glück. Die Oberschule muss nicht erst auf den Beginn des neuen Schuljahres warten. Tom Kaiser leitete bereits ein Jahr lang ein Projekt zur Förderung von Schülerkompetenzen. Und blieb. In Trägerschaft der JuCo Soziale Arbeit gGmbH Coswig füllt der gelernte Erzieher gewissermaßen die Lücke zwischen Elternhaus und Schule. „Meine Rolle ist von Anfang an klar definiert! Ich bin der coole Typ, den die Schüler mögen und ganz gut leiden können. Die Lehrer wissen das und haben meiner Meinung nach auch kein Problem damit“, sagt Kaiser und lacht.

Eine Rolle, die für alle Beteiligten – Pädagogen, Mädchen und Jungen sowie Eltern – nur Vorteile bringe. Während ein Lehrer bei allem Engagement und redlichem Bemühen gar nicht in der Lage sein könne, neben dem Unterricht in nur wenigen Minuten Pause auch noch als Gesprächspartner für über 20 Schüler zur Verfügung zu stehen, sei Tom Kaiser ausschließlich dafür da. Von morgens halb acht bis zum Schulschluss halb drei und gern darüber hinaus. Auf der gestreiften Couch in seinem Zimmer im Erdgeschoss dürfe man gern Platz nehmen und erzählen, was einem auf der Seele liege. Gleich nun, ob es der Ärger mit dem Lehrer sei, der erste Liebeskummer oder die völlig unerwartete Trennung der Eltern. Der Frage, wie es nach der zehnten Klasse weitergeht, darf in stundenlangen Gesprächen genauso nachgehangen werden wie jener, ob Drogen oder Alkohol heutzutage dazugehören.

Tom Kaiser macht keinen Hehl daraus, dass er nicht immer eine Antwort weiß. „Doch darum geht es auch gar nicht. Die Schüler haben mit mir einen Menschen, dem sie unbesorgt etwas anvertrauen können, denn alles unterliegt der Schweigepflicht. Wir können nach Lösungen suchen, die Frustration senken oder auch nur mal zusammen vor uns hingucken.“ Nicht nur mit dem Eintritt in die Pubertät lösten sich bei den Heranwachsenden scheinbar fest gefügte innere Strukturen auf. Die Grenzen inmitten der nur allzu gern propagierten Freiheit „jetzt doch alles tun zu können“, dehnten sich ins Unendliche.

Und würden die Schüler inmitten von subjektiv empfundenem Leistungsdruck, der Erwartungshaltung von Eltern oder Lehrern und einem verführerischen Sammelsurium an sozialen Netzwerken oft an ihre eigenen Grenzen stoßen lassen. Nicht jeder Jugendliche verfüge dabei über das emotionale Rüstzeug, zu unterscheiden, was zwar alles durch das Internet und die Medien allgemein möglich sei – aber nicht unbedingt getan werden müsse. Stundenlanges Spielen am Computer, Surfen durch einzelne Portale und der Vergleich mit imaginären Kunstfiguren etwa raubten Zeit und Energie. „Das Spannungsfeld, unter welchem die Schüler aufwachsen, ist wirklich groß. Viel größer, als ich es selbst noch vor zehn Jahren erlebt habe.

Aber ich kann mich noch gut in sie hineinversetzen und möchte helfen, es zu lösen“, bekennt Tom Kaiser. Dass der Student der Sozialwissenschaft dazu mit seinen Schützlingen auch mal kicken oder angeln geht, in den Ferien für einen Schwatz bereitsteht und auch für Eltern gern ein offenes Ohr hat, ist für ihn selbstverständlich. „Auch für Mütter und Väter gibt es immer wieder Situationen, in denen sie nicht mehr an ihre Kinder herankommen. In denen ihnen scheinbar der Draht fehlt und sie einfach mal einen Vermittler brauchen“, weiß Tom Kaiser.

Als Besserwisser versteht er sich deshalb aber nicht. Vielmehr als jemand, der ganz neutral von außen eine Situation beurteilen kann und ohne den pädagogischen Zeigefinger zu erheben, Kummerkasten mit Gegensprechfunktion darstellen könne. „Die Kinder und Jugendlichen sind nur das Produkt einer immer schnelllebigeren und vielschichtigeren Gesellschaft. In Schönfeld scheint die Welt ein wenig heiler zu sein, aber Unterstützung für die Schüler auf ihrem Weg ist auch hier dringend notwendig!“

Am Sonnabend lädt die Oberschule von 9 bis 12 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Um 10.30 Uhr wird Tom Kaiser über seine Tätigkeit sprechen.