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Ein guter Fang

Den Tharandter Fischmarkt gibt es seit 20 Jahren. Mit dem neuen Radweg stellt sich die Chefin auf mehr Kunden ein.

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© Andreas Weihs

Von Erik Jahn

Tharandt. Ein gutes Gespür für die Geschmäcker ihrer Kunden scheint Heike Voss zu haben. Von „ihren Mädels“ jedenfalls, gemeint sind die Verkäuferinnen, wird die Inhaberin des Tharandter Fischmarktes immer wieder gefragt, welches Gefühl sie denn heute hat: „Welche Fischbrötchen laufen heute – die Sauren oder die Salzigen?“ Mit ihrer Einschätzung liegt sie dabei meist richtig. Denn ihre Kunden kaufen tatsächlich eher das von ihr Prognostizierte. Dabei kommt Heike Voss die viele Erfahrung zugute – seit gut drei Jahrzehnten hat sie schon mit Fisch zu tun. Dieses Jahr feiert sie mit ihrem Tharandter Fischmarkt 20-jähriges Bestehen. Voss machte von 1982 bis 1984 zunächst eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Binnenfischerei. „So war damals die Berufsbezeichnung für Fischzüchter in der DDR“, sagt sie. Ihr Großvater kaufte bereits 1934 die Forellenzucht in Tharandt. Anfang der 80er-Jahre übernahm dann der Bruder von Heike Voss das Geschäft. In dieser Zeit betrieb man ausschließlich die Zucht von Forellen.

Mit der Wendezeit brach der Absatz ein. „Damit war die Firma am Punkt Null angelangt.“ Daher entschloss sich die Familie, die eigenen Fische selbst zu verarbeiten und zu vermarkten. Die Nachfrage stieg und das Geschäft lief auch wieder. Die Räume wurden bald zu klein, sodass Heike Voss 1996 den Tharandter Fischmarkt gründete. Ihr Bruder, Peter Voss, betrieb auch weiterhin die Fischzucht des Familienunternehmens. Als 2002 der damalige Standort des Fischmarktes auf der Pienner Straße in Tharandt vom Hochwasser getroffen wurde, war Heike Voss erneut am Nullpunkt angekommen. Sie wollte einen Neuanfang wagen. Deshalb beschloss sie 2003, auf das heutige Gelände an der Tharandter Straße  20 – zwischen Freital und Tharandt – umzuziehen. Einerseits wollte sie besser vor erneutem Hochwasser geschützt sein, andererseits aber in relativer Nähe zur Wilden Weißeritz bleiben, um Wasser für die geplante Anlegung von Zuchtteichen entnehmen zu können. Die Eröffnung des Geschäfts verzögerte sich wegen fehlender Baugenehmigungen. Erst 2007 war es dann so weit – eine Übergangslösung fand sich in der Zwischenzeit auf der Roßmäßlerstraße in Tharandt.

In der Zeit stellte sie auch ihre Produktpalette um. Neben der Eigenproduktion von Fischen wie Karpfen, Saiblingen oder Lachsforellen führte sie erste, selbst kreierte Fischsalate ein und nahm auch Seefisch aus Nord- und Ostsee mit in ihr Angebot auf. „Darunter ist so ziemlich alles Mögliche, was man im Meer fangen kann – wie etwa Lachs, Dorade oder Kabeljau.“ Warm geräucherte Fische wie Forellen, Lachse, Aale, Saiblinge und Welse bietet sie an.

Durch einfaches Ausprobieren setzt Heike Voss neue Ideen für ihr Feinkostsortiment um. Dabei lässt sie sich auch von Zeitschriften inspirieren. „Zudem weiß ich ja, dass sich Geschmäcker nach Jahreszeit unterscheiden.“ Ihre Fischkreationen passt sie diesen Gegebenheiten an. Zum Beispiel gibt es im Winter eher herzhafte Sachen wie Häckerle und Matjes; im Sommer eher klare Dressings für ihre Salate und mehr Fisch zum Grillen. Zum Team des Tharandter Fischmarktes um Heike Voss gehören acht Frauen. „Eine klare Aufgabenverteilung gibt es bei uns nicht wirklich und jede macht im Prinzip alles“, so die 50-jährige Chefin. Jedoch können nur drei ihrer Mitarbeiterinnen das Räuchern und Filetieren der Fische übernehmen. Denn dafür braucht man ein gewisses Fingerspitzengefühl. „Es kann ja auch nicht jeder gut kochen. Trotz Übung würden sie es nicht hinkriegen.“

Derzeit baut Heike Voss den Imbissbereich aus, denn die Theke ist inzwischen zu klein geworden. Gerade auch im Hinblick auf den neuen Radweg zwischen Freital und Tharandt, an dem gerade weiter gebaut wird, rechnet die Betreiberin zukünftig vor allem sonnabends mit mehr Laufkundschaft. Deswegen soll es ab Herbst mehr zubereitungsfertige Speisen, wie zum Beispiel Fischpfannen, geben. Ihr Wissen und ihre Erfahrung in Sachen Fisch gibt sie gerne weiter. „Einmal im Jahr gehe ich in das Evangelische Gymnasium in Tharandt und halte eine Stunde Biologieunterricht für die Fünftklässler“, sagt die gebürtige Tharandterin. Dabei erzählt sie den Schülern vieles über die Lebensweise und Anatomie von Fischen. „Das ist zugleich Unterricht zum Anfassen für die Kinder. Sie bekommen die Chance, einmal echte Fische in ihre Hände zu nehmen.“ Der Ekel davor ist schnell überwunden. Am Ende hat Heike Voss es eher schwer, alle Fische zurückzubekommen.