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Ein Leben für die Dampfer

Fast 50 Jahre war Eberhard Herschel bei der Weißen Flotte. Ein Verkauf der historischen Schiffe ist für ihn undenkbar.

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© T. Wolf

Von Tobias Wolf

Mit prüfendem Auge inspiziert Eberhard Herschel den Unterboden des Stahlkolosses, bespricht sich kurz mit dem Vorarbeiter und geht weiter. Immer wieder bleibt er an der Außenwand des Dampfers Leipzig stehen und sucht nach Schwachstellen im Blech. Mit ein paar anderen ehemaligen Elbe-Kapitänen ist der 68-Jährige zu Besuch auf der Laubegaster Werft. Hinter dem Rumpf der Leipzig fließt die Elbe gemächlich vorbei. Auf dem Oberdeck ist alles für einen Neuanstrich vorbereitet.

Mit Mitte 20 war er schon Kapitän.
Mit Mitte 20 war er schon Kapitän. © privat

Herschel nickt den Werftarbeitern anerkennend zu, „Vorsicht, schwenkt aus“, ruft er plötzlich, als hoch über den Köpfen der Männer ein schwerer Kombüsenlüfter am Kran baumelt. Herschel ist in seinem Element. Die Leipzig ist das Schwesterschiff seiner Dresden, die inzwischen ein junger Schiffsführer übernommen hat. Herschel gilt als einer der dienstältesten Kapitäne der Sächsischen Dampfschiffahrt und kennt jeden Winkel der Elbe. Knapp 600 000 Kilometer ist er auf dem Fluss gefahren. Als er 2012 in Rente ging, blickte er auf 49 Dienstjahre zurück. Er sagt: „Ich habe mein halbes Leben bei der Flotte verbracht.“ Ein Leben auf dem Wasser, ein Leben in permanenter Bewegung. Bis heute treffen sich die pensionierten Dampferkapitäne einmal im Monat zur gemeinsamen Wanderung. Schiff oder Wasser, eines der Elemente sollte immer dabei sein. Die Teilnahme ist Ehrensache für die Männer. Genauso wie die Liebe zu den Dampfern. Wann immer ein Ex-Kapitän an einem Dampfer auftauche, gebe es ein freundliches Hallo mit den Nachfolgern.

Herschel, in Bad Schandau geboren, sagt, er sei immer mit der Elbe verbunden gewesen. Der Vater war erst Heizer, später Maschinist auf der Dresden. „Als kleiner Junge bin ich immer mitgefahren“, erinnert sich der Kapitän. „Der Höhepunkt waren für mich damals immer die Wendemanöver am Endpunkt in Schmilka.“ Als Teenager weiß Herschel nicht, dass die große Dresden Jahrzehnte später sein Schiff werden würde.

Im September 1963 beginnt Herschel die Ausbildung. Es ist eine Tippeltappeltour bis zur Kommandobrücke. Zunächst Matrose, arbeiten sich die meisten zum Bootsmann hoch, sind für ein paar Jahre Zweiter und dann Erster Steuermann, bevor sie sich Kapitän nennen dürfen. Herschel war anfangs vor allem als Ablöser tätig und sprang für Kollegen ein, die krank oder im Urlaub waren. Für ihn bedeutete der Titel des Schiffsführers zunächst Dienst auf der Krippen und der Diesbar. Auf den kleineren Schiffen lernen die Elbe-Kapitäne den Fluss besser kennen, bevor sie die Großen wie die Dresden fahren dürfen. „Je größer das Schiff, desto stolzer ist man als Kapitän“, sagt Herschel. Zumal die Kapazitäten der Dampfer zu DDR-Zeiten deutlich großzügiger ausgelegt waren. Auf die Dresden und die Leipzig passten seinerzeit um die 1 500 Fahrgäste, heute sind es noch etwas mehr als 600 – aus Sicherheitsgründen.

Damals kosteten aber auch die Tickets viel weniger als heute. Von Pillnitz bis ans Terrassenufer waren 80 Pfennig fällig, die Strecke Dresden–Schmilka kostete gerade einmal 3,10 Mark. „Die Schiffe waren immer voll“, sagt Herrschel. „Im Jahr hatten wir um die eineinhalb Millionen Passagiere.“ Solche Zahlen erreicht das Unternehmen nicht mehr. Waren es 2014 noch rund 670 000 Fahrgäste, blieben im vergangenen Jahr etwa 35 Prozent weg, weil das Niedrigwasser der Elbe die Dampfer in der Saison zur Zwangspause verdonnerte.

Vor Kurzem wurde bekannt, dass die Dampfschiffahrt Schiffe verkaufen wolle, um die Bilanz zu sanieren. Das könne aber nur die etwas jüngeren Motorschiffe treffen, sagt Herschel. Ein Verkauf der historischen Schätze sei undenkbar. „Die Dampfer gehören nach Dresden. Alle Schiffe müssen im Paket zusammenbleiben und dürfen nicht verkauft werden.“ So können die Erinnerungen mit den Dampfern weiter über die Elbe schippern. Da sind die 1.-Mai-Fahrten zu DDR-Zeiten, die nur dazu dienten, Demonstranten für die staatlich organisierten Kundgebungen ins Zentrum zu bringen. „Sogar hinten in Söbrigen haben wir die Leute eingesammelt.“ Die traditionellen Dampferparaden fanden damals noch im April statt und zählen bis heute zu Herschels Kapitänshöhepunkten. Immer wieder durfte er das Führungsschiff der Formation steuern.

Inmitten seiner Schiffer-Karriere verbrachte er 17 Jahre im Innendienst, koordinierte Technik und Mannschaften. Bis heute kann er wie ein Lexikon die wichtigsten Eckdaten oder Wasserstände der Elbe herunterbeten. Auch wenn der Abschied aus dem aktiven Dienst schwerfiel: im Herzen ist Herschel bis heute Kapitän. Als in dieser Woche ein tschechischer Frachter vor der Albertbrücke havariert, sind es Herschel und seine Kollegen, die sofort zum Gucken hinfahren. Noch Stunden später fachsimpeln sie, wie man das Schiff wohl am besten wieder freibekommt.

Jetzt gilt es, noch ein paar historische Fakten und eigene Erinnerungen für das große Jubiläum der Flotte zusammenzutragen. Wenn die 180 Jahre gefeiert werden, ist den alten Kapitänen ein Ehrenplatz sicher. Immerhin sind sie ein Teil dieser langen Schifffahrtsgeschichte auf der Elbe.