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Eine Galerie auf Probe

Sponsoren finanzieren einen Raum für Kunst im Freitaler Technologiezentrum – zunächst zeitlich befristet.

© Thomas Morgenroth

Von Thomas Morgenroth

Görlitz – Immer eine Reise wert

Die Stadt Görlitz wird von vielen als „Perle an der Neiße“ oder „schönste Stadt Deutschlands“ bezeichnet. Warum? Das erfahren Sie hier.

Freital. Ein „Kolossal unkolonialer Walswels“ schwimmt in diesen Tagen durch die F1-Galerie im Technologiezentrum Freital. Das gewaltige Tier durchpflügt einen Ozean aus Kaffeesatz, Kaffee und Kaffeebohnen. Am besten ist er wohl bei einer Tasse frisch aufgebrühten Bohnenkaffees zu beobachten. Das schärft die Sinne, und der köstliche Duft lockt das seltsame Wesen aus seinem Versteck im Gestrüpp des Meeres. Es zeigt sich freilich nicht jedem.

Der aus Berlin-Pankow stammende Künstler Bernd A. Lawrenz bemalt und beklebt in einer ehemaligen Brauerei in Blankenstein seine Leinwände und Spanplatten mit großzügigen Gesten. Mit Farben, Pappen, Postern und Kaffee in verschiedenen Zuständen – bis zu 3 000 Bohnen befestigt er auf einem Bild – erkundet er die Welt. Was der 55-Jährige dabei findet, sind poetische Landschaften mit abstrakten Formen und verhuschten Figuren, die dazu einladen, selbst im Kaffeesatz zu lesen.

Oft regt seine lyrische Bildbeschreibung die Fantasie an. Lawrenz, der Kunst und Deutsch als Lehramt studierte und am Dreikönigsgymnasium in Dresden arbeitet, setzt lustvoll Wörter zu Halbsätzen und Notaten zusammen. Er spielt mit Assoziationen, kommentiert das Geschehen satirisch und ironisch. Selbst mit seinem Künstlernamen BAL geht er gern lautmalerisch um, nennt seine aktuelle Ausstellung in Freital „FREI BAL“. Da ist alles drin: Die Freiheit der Kunst und des Künstlers in einer Stadt, die die Freiheit sogar im Namen führt.

Als er auf einem seiner Gemälde Napoleon Bonaparte inmitten des aufgeklebten Kaffees entdeckte, nannte er es „Bohne Aparte (Na, Kleiner?)“. Aus dem Kamasutra machte BAL „Das Kammer Sutra (Leitfaden in Herzensangelegenheiten)“ oder stellte fest: „Herr Cerny besitzt den Verbandskasten.“ Seine Aufforderung „Und dann bräsig in der Sitzschnecke abhängen“ lässt sich in seiner bemerkenswerten Schau sogar sinngemäß verwirklichen: Es gibt zwei gepolsterte Sitzbänke für die Besucher.

Das ist freilich nicht die wichtigste Neuerung der Galerie, die sich jetzt wie das Gebäude F1 nennt. Vielmehr ist es einem Grüppchen Kreativer namens „Wir unternehmen Kunst“ gelungen, dem schon seit drei Jahren temporär genutzten Ausstellungsraum ein tragfähiges Konzept zu verpassen. Jedenfalls eines, das den Betrieb der F1-Galerie wenigstens für zwei Jahre sichert – und den Aufsichtsrat der Technologie- und Gründerzentrum Freital GmbH (TLG) zufriedenstellt.

Der Eigentümer, also letztlich die Stadt Freital, hatte unmissverständlich jede finanzielle Unterstützung abgelehnt und damit die Pläne des Baubürgermeisters Jörg-Peter Schautz beerdigt, der bis Ende 2016 die Geschäfte im TLG führte. Schautz wollte eine Galerie etablieren, die finanziell weitgehend vom Technologiezentrum getragen wird. Nun bezahlt das Haus gar nichts und streicht zudem noch die volle Miete für die rund 90 Quadratmeter ein.

„Wir müssen einschließlich Betriebskosten jeden Monat um die 800 Euro bezahlen“, sagt Olaf Stoy. Der Porzellankünstler, der nebenan seine Werkstatt hat, betreibt die F1-Galerie zusammen mit dem Bildhauer Steffen Petrenz sowie Carolina Bräuer und Verena Eichhorn vom Händewerk. Die Finanzierung übernehmen sieben Sponsoren aus der Wirtschaft, die TLG-Geschäftsführer Alexander Karrei geworben hat, wobei nur einer aus dem Technologiezentrum selbst kommt.

Die Zuwendungen, sagt Stoy, reichen allerdings nur für die Miete, nicht aber für das Personal. „Wir machen das alles ehrenamtlich“, sagt er. Was erhebliche Auswirkungen auf die Öffnungszeiten hat, die derzeit auf fünf Stunden am Freitag begrenzt sind. Außerdem, erklärt Stoy, sei das Projekt zunächst auf zwei Jahre befristet, „dann soll neu entschieden werden“. Um überhaupt Spenden entgegennehmen zu können, ist der Träger der Galerie ein Verein – das Soziokulturelle Zentrum Freital. Mit dessen Vorstand müssen die Inhalte der Ausstellungen abgestimmt werden.

Die Bedingungen und Perspektiven für die F1-Galerie sind also aus Betreibersicht alles andere als rosig. Für die Künstler indes eröffnen sich in Freitals Mitte neue Möglichkeiten. Das jedenfalls findet Bernd A. Lawrenz, der die Ehre hat, mit seinen Gemälden die neue Ära des Kunstraumes einzuläuten. Der „Walswels“ jedenfalls fühlt sich dort wohl, er hat ja auch genügend Kaffee. Die Besucher müssen sich ihren wohl selbst mitbringen – die Kantine im Haus schließt bereits halb vier.

F1-Galerie im Technologiezentrum Freital, Dresdner Straße 172 A; bis 4. Mai Ausstellung mit Bildern von Bernd A. Lawrenz, geöffnet freitags 14 bis 19 Uhr und nach Absprache, Midissage am 9. März, 19 Uhr.