Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Eine Kirche für Flüchtlinge

Vor 60 Jahren bauten sich vertriebene Katholiken ein Gotteshaus – mitten in Wilsdruff und mitten im Sozialismus.

Teilen
Folgen
NEU!
© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

Wilsdruff. Manfred Kastner hat sein Fotoalbum mitgebracht. Jetzt blättern sie zu dritt, zu viert durch die Seiten, andere schauen ihnen über die Schulter. Finger tippen auf Personen und Gebäude, die vor 60 und mehr Jahren aufgenommen wurden. Viele leben nicht mehr, manches existiert nicht mehr. Doch das Haus hinter ihnen – das wurde damals erst gebaut und hat in Wilsdruff seinen festen Platz gefunden: die römisch-katholische Kirche St. Pius X. Im September 1956 geweiht, wird sie nun 60 Jahre alt.

Ende 1955 stand der Rohbau.
Ende 1955 stand der Rohbau. © privat
1955 machte Kaplan Hermann Scheipers (3.v.l.) den ersten Spatenstich für den Bau der katholischen Kirche.
1955 machte Kaplan Hermann Scheipers (3.v.l.) den ersten Spatenstich für den Bau der katholischen Kirche. © privat

An den Tag, als der damalige Bischof zur Weihe nach Wilsdruff kam, kann sich Manfred Kastner noch gut erinnern. „Es war warm und sonnig. Der Bischof wurde mit einem Motorradkonvoi nach Wilsdruff begleitet.“ Die ganze Stadt sei auf den Beinen und der Platz vor der evangelischen Nikolaikirche gut gefüllt gewesen, fügt Oswald Schulz hinzu. „Einwohner, Bürgermeister, Kommunisten, evangelische und katholische Christen standen nebeneinander.“ Dann schritt der Bischof zur Pforte der neuen Kirche und klopfte mit dem Stab dagegen. Ein Ritual, aber eines, das vielen Zuschauern im Gedächtnis geblieben ist. „Der Bischofsstab zerbrach bei der Zeremonie“, berichtet Manfred Kastner. Das kleine Malheur störte nicht weiter: Anschließend wurde im Gasthof „Linde“ groß gefeiert.

Kastner und Schulz waren damals Anfang 20 und gehörten zu jenen Neu-Wilsdruffern, die am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße vertrieben worden waren. Sie wurden im katholisch Glauben erzogen wie viele ihrer Schicksalsgenossen. Nach 1945 stieg der Anteil der Katholiken in Wilsdruff und Umgebung sprunghaft an und lag plötzlich nicht mehr bei wenigen Hundert, sondern bei mehr als 1 500 Gemeindemitgliedern.

Doch für sie gab es keine Kirche. Messen, Kommunion, Hochzeiten wurden in der Kapelle des Wilsdruffer Schlosses gefeiert. „Die war für uns viel zu klein“, berichtet Margarethe Schmidt, heute 79 Jahre alt und als Kind nach Wilsdruff geflüchtet. Zudem wurde das Schloss beschlagnahmt und zu einer Fabrik – dem Spiegelwerk – umfunktioniert. Die Katholiken mussten in die Friedhofskapelle ausweichen, teilweise auch in kleine Veranstaltungssäle.

Genau in jener Zeit wurde ein neuer Kaplan nach Wilsdruff geschickt – Hermann Scheipers, damals Anfang 40. Scheipers gehörte zu jenen Priestern, die unter den Nationalsozialisten als Staatsfeinde eingestuft wurden und im Konzentrationslager Dachau interniert waren. Auf einem Todesmarsch war ihm die Flucht gelungen, ihn konnte so schnell nichts erschrecken. Der charismatische Geistliche nahm den Kampf gegen die sozialistische Bürokratie auf und setzte durch, dass sich die katholische Gemeinde eine eigene Kirche bauen durfte. Zugute kamen ihm ein gewisser „Bonus“ als ehemaliger KZ-Häftling und die Tatsache, dass nach dem Volksaufstand 1953 die Zügel etwas gelockert waren.

1954 begannen die Arbeiten. Zunächst mussten auf dem Gelände eines ehemaligen Fuhrgeschäfts am Kirchplatz alte Gebäude abgerissen werden. Viele Gemeindemitglieder packten mit an. „Nach der Arbeit kamen wir hierher und schachteten die Baugrube mit der Hand aus, Bagger gab es ja nicht“, erzählt Manfred Kastner. Teilweise kam das Baumaterial über Scheipers Verbindung – er stammte aus dem Münsterland – aus dem Westen. Der Dachstuhl war gebraucht, die Ziegel stammten von Abrissgebäuden. Die Frauen der Gemeinde reinigten sie vom Putz. Das Mauern übernahm eine Baufirma.

Es sei ein Zusammenhalt da gewesen, den man sich nur mit der Biografie vieler Wilsdruffer Katholiken erklären konnte, schildert Margarete Schmidt. „Wir waren Kriegsflüchtlinge und hier nicht von jedem willkommen. Und wir waren katholisch, was uns ebenfalls zu Außenseitern machte.“ Die Kirchgemeinde gab Halt und war ihnen eine neue Heimat – auch deshalb halfen alle mit, was noch mehr zusammenschweißte.

Es wurde ein schlichter, zweckmäßiger Bau, ohne den zunächst geplanten Turm. Der Altar stand frei im Raum – für damalige Zeiten ein Novum in katholischen Kirchen. Scheipers Nachfolger ließen eine Orgel und farbige Fenster einbauen. Mehrmals wurde die Kirche zwischenzeitlich renoviert, bevor sie von 2008 bis 2010 gründlich saniert und im Inneren teilweise umgestaltet wurde.

Heute ist hier Bernhard Dittrich Pfarrer und für noch 500 Gemeindemitglieder zuständig. Die Umstände vor 60 Jahren, den Bau der Kirche und die Mühen kennt der 68-Jährige nur aus den Erzählungen und aus Scheipers Autobiografie. Und von den Fotos in Manfred Kastners Album.

Kirchweihfest am 11. September mit Festgottesdienst um 10.30 Uhr; ab 12.30 Uhr Feier im Rittergut Limbach mit Mittagsbuffet, 14.30 Uhr Festvortrag, 17 Uhr Vesper im Festsaal, 18 Uhr gemütlicher Ausklang