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Eine Stadt, die sich schwer entscheiden kann

Riesa peppt seine Silhouette auf, fällt ein Wahrzeichen und debattiert über einen Häftling. Ein kurioser Rückblick.

Kevin Schwarzbach © Lutz Weidler

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Riesa. Kunst sorgt bekanntlich meist für Aufsehen, liebe Leserinnen und Leser. Ob es nun die Rosteiche am Riesenhügel, die Riesenskulptur am Krankenhaus oder die Gestaltung irgendwelcher Fassaden ist. Für die einen ist es Kunst, für die anderen kann es weg. Wobei es in diesem Fall gleich eine ganze Hauswand wäre, die in den Mülleimer müsste. Und mit einer offenen Wohnung wollen wohl die wenigsten Leute leben. Oder bringe ich da gerade irgendjemand auf schräge Ideen?

Denn die Stelle, über die wir hier sprechen, ist durchaus prominent. Ob nun zu Fuß, per Rad oder Auto oder doch aus der Bahn – Tausende Menschen sehen diese Stelle täglich. Vermute ich. Denn wer die Elbbrücke in Richtung Riesa quert, kann gar nicht anders, als die Silhouette der Stadt zu bestaunen. Nirgendwo anders bekommt man eine solche Vielfalt aus Plattenbau, Kirchtürmen, Industriegebilden und Neubauten zu sehen. Man spürt sofort, dass man es mit einer Stadt zu tun hat, die sich schwer entscheiden kann.

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Für die Wohnungsgesellschaft gilt das offenbar nicht. Die will den Gebäuden an der Bahnhofsstraße 12 bis 34 neue Farben schenken. Aber nicht etwa so, wie man das gemeinhin macht, wenn man eine Fläche anpinselt: Deckel auf, Farbeimer umgekippt und fertig. Nein, nein, die WGR wagt sich an viel ausgefallenere Designs. Nach der Pixel-Fassade an der Hans-Beimler- und der Heinz-Steyer-Straße kommt jetzt das Wirbel-Design. Eine bewusste Entscheidung, heißt es von der WGR. Schließlich präge man mit dem Wohnkomplex die Silhouette der Stadt. Die kann nach Auffassung der Wohnungsgesellschaft offenbar etwas Lebendigkeit vertragen.

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Nicht ganz so quickfidel ist die alte Winterlinde im Riesaer Ortsteil Nickritz. Denn das Wahrzeichen ist neulich gefällt worden. Ein Graus für die Anwohner, war die Linde doch schon 100 Jahre alt und somit quasi ältester Einwohner von Nickritz. Demnächst wäre sicher Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) vorbeigekommen und hätte dem Baum eine Urkunde überreicht. Das alles wäre dann im Amtsblatt abgedruckt worden. Doch daraus wird nun nichts mehr.

Die Linde ist für immer von uns gegangen. Doch versteht man die Worte aus dem Riesaer Rathaus richtig, lag der Baum ohnehin im Sterben. Weil seine Vitalität nachließ und sich immer mehr Totholz bildete, entwickelte er sich zur Gefährdung für die Verkehrssicherheit und hätte in den nächsten zwei Jahren gefällt werden müssen. Da man aber noch in diesem Jahr die betreffende Kreuzung umbauen will, hat man dem Baum jetzt sozusagen den Gnadenstoß gegeben. Nun ja, Menschlichkeit kann manchmal hart sein.

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Auch bei der Toleranz stehen wir manchmal vor großen Herausforderungen. Diese Erfahrung wird Manuel Matzke sicher noch des Öfteren machen müssen. Der gebürtige Riesaer sitzt noch bis Mitte dieses Jahres in der JVA Zeithain eine Haftstrafe wegen Wirtschaftsbetruges ab. Dennoch will er jetzt für die Partei Die Linke in Kreistag und Stadtrat.

Während sich die einen über einen Mann freuen, der an seiner Resozialisierung zu arbeiten scheint, schimpfen die anderen, dass ein Gefangener nicht in ein politisches Amt gehöre. Aber zu welchem Zeitpunkt in seinem Leben kann man es schon allen recht machen?

Diese Woche kann wohl kaum kurioser werden.