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Eine unbarmherzige Mutter

Für Lotte Ulbricht war unbedingte Disziplin Lebensprinzip. Das bekam auch ihre Adoptivtochter Beate zu spüren.

© picture alliance / ZB

Von Jörg Marschner

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Mit Oppacher gelassen losradeln

Eine ausgedehnte Fahrradtour ist fabelhaft – wenn sie gut vorbereitet ist.

Heile Familienwelt im DDR-Fernsehen 1953: Lotte und Walter Ulbricht, damals SED-Generalsekretär und ab 1960 auch Staatschef, spielen im Garten ihres Hauses lachend Tischtennis. Tochter Beate, ein schlankes, hübsches Mädchen, sitzt in unmittelbarer Nähe am Tisch und knobelt an den Hausaufgaben; die Neunjährige macht einen glücklichen Eindruck.

Schauspielerin Angeline Anett Heilfort als Lotte Ulbricht mit Adoptivtochter Beate in der MDR-Serie „Geschichte Mitteldeutschlands“. Dem Mädchen brachte die Adoption kein Glück. © obs

48 Jahre später, im Sommer 1991, wird diese Beate einer Journalistin des Boulevardblattes „Super“ über ihre Mutter sagen, dass sie „kalt, rabiat und herrschsüchtig“ gewesen sei; „im goldenen Käfig war keine Liebe“. In diesem Spannungsfeld lebt das Dokudrama „Lotte Ulbricht – Zwischen Parteidisziplin und Mutterrolle“ des Autors Steffen Jindra.

Im Januar 1946 reisen Walter Ulbricht und Lotte Kühn nach Dresden – aus einem nicht alltäglichen Anlass: Sie wollen ein Kind adoptieren. Die beiden lernten sich schon Mitte der 1930er-Jahre im Moskauer Exil kennen, leben seitdem zusammen, nun soll die Familie komplett werden, auch wenn sie erst 1950 heiraten werden. Die Leiterin des Dresdner Jugendamtes kennt Walter Ulbricht noch aus seiner Berliner Zeit vor 1933. Sie hat alles eingefädelt, vorbereitet und das Mädchen Maria Pestunowa ausgesucht, geboren am 6. Mai 1944, Tochter einer sowjetischen Zwangsarbeiterin, die bei einem Bombenangriff auf Leipzig ums Leben kam, Vater unbekannt. Lotte Kühn gibt ihr den Namen Beate .

So weit, doch nicht so gut. Denn Autor Steffen Jindra hat im Dresdner Staatsarchiv brisante Dokumente gefunden: Sie belegen, dass Maria bereits sehr ordentlich untergebracht war bei einer Dresdner Pflegemutter. Gegen ihren Willen musste sie es hergeben. „Frau F. weiß nicht, wohin das Kind gekommen ist. Sie ist sehr unglücklich, dass es ihr weggenommen wurde.“ Das schreibt die Fürsorgerin der Pflegemutter einige Zeit später ans Jugendamt. Das Familienleben der Ulbrichts beginnt also mit einem dicken Betrug. Glück bringt er weder der Tochter noch der Mutter.

Walter Ulbricht ging mit seinem Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, mit dem er wenige Wochen vorm Mauerbau die Welt täuschte, in die Geschichte ein. Von seiner Frau ist außer den Bildern, die sie bei Staatsbesuchen ihres Mannes freundlich lächelnd an dessen Seite zeigen, selbst älteren gelernten DDR-Bürgern wenig in Erinnerung geblieben. Der Film zeichnet nun mit intensiver Archivrecherche und Gesprächen mit Zeitzeugen und Historikern das Bild einer überzeugten Kommunistin.

Mit 18 wird die gelernte Büroangestellte Mitglied der Partei und zweifelt selbst dann nicht an ihren Idealen, als 1935 ihr erster Mann Erich Wendt in Moskau ein Opfer des Stalin’schen Terrors wird. Das Wort der Partei ist und bleibt für Lotte Kühn Gesetz und unbedingte Disziplin ihr Lebensprinzip. In Diskussionen lässt sie kein Wenn und Aber zu, berichten Zeugen der Moskauer Zeit. Diese Strenge erlebt später auch die Tochter: „Geschlagen hat sie mich nicht, aber bestraft.“ Kommt Beate zu spät heim, gibt es Stubenarrest. Auch wenn es nur wenige Minuten sind, für die Mutter gilt: „Zu spät ist zu spät.“

Beruflich steigt Lotte Ulbricht schnell auf. Sie wird persönliche Mitarbeiterin ihres Mannes, entwirft Redetexte, managt Termine, veranlasst die Bildung von Frauenausschüssen in den Betrieben. Manchen gilt sie gar als graue Eminenz, als Takt- und Ratgeberin ihres Mannes. Vielen SED-Größen geht der Einfluss der Lotte Ulbricht zu weit. Unmittelbar nach dem von sowjetischen Panzern niedergeschlagenen Juniaufstand des Jahres 1953 muss sie deshalb diese spezielle Funktion aufgeben.Sie studiert, naheliegenderweise, Marxismus-Leninismus, wird wissenschaftliche Mitarbeiterin am gleichnamigen Institut des SED-Zentralkomitees und genießt ab 1960 bei Staatsbesuchen die Auftritte als Landesmutter. 1965 beispielsweise werden Walter und Lotte Ulbricht in Ägypten mit lautstarken Sprechchören stürmisch gefeiert,

Tochter Beate indes leidet eher unter dem Namen Ulbricht, der nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1953 und dem Mauerbau noch schlechter klingt. Selbst an einer Berliner Russisch-Spezialschule fühlt sie sich manchmal gemobbt. Ihr Abi macht Beate deshalb in Leningrad. Als sie an der Newa Geschichte und Russisch studiert, verliebt sie sich in den Italiener Ivanko Matteoli, Sohn eines KP-Funktionärs. Die beiden heiraten gegen allen Widerstand der Ulbrichts, die auch danach alles tun, um das Paar zu trennen.

Die zweite Ehe mit einem Russen scheitert an dessen sich verstärkender Trunksucht und seinen Schlägen. Wieder zurück in der DDR mit zwei Kindern, nimmt die junge Frau Ende 20 verschiedene Jobs an, wird aber nicht mehr heimisch, rutscht selbst in den Alkohol ab. Unterstützung bei den Eltern findet sie nicht. Im Testament des 1973 verstorbenen Walter Ulbricht kommt sie nicht vor. Der Absturz ist nicht aufzuhalten. Die Behörden entziehen ihr das Sorgerecht.

Nur drei Monate nach dem „Super“-Interview wird Beate Matteoli im Dezember 1991 erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden, die näheren Umstände werden nie aufgeklärt. Lotte Ulbricht, die nach dem Tod ihres Mannes politisch nichts mehr zu melden hatte, bleibt Beates Beerdigung fern. Einsam und verbittert stirbt sie 2002.

Im DDR-Fernsehen war von diesem tragischen Mutter-Tochter--Verhältnis natürlich nichts zu sehen. Das zeigte die beiden zum letzten Mal – scheinbar einträchtig trauernd – nebeneinander am 7. August 1973 beim offiziellen Staatsakt zum Tod von Walter Ulbricht.

Die 17. Staffel der „Geschichte Mitteldeutschlands“

        läuft am 2. August 2015, 20.15 Uhr im MDR-Fernsehen.

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