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Eine vorbildliche Volksbadeanlage

© Postkarte: Sammlung Holger Naumann

Das Sachsenbad ist Teil eines in Dresden seltenen Architektur-Ensembles im Stil des Neuen Bauens.

Von Ralf Hübner

Die Stadt sucht einen Retter für das Sachsenbad in Pieschen. Erst unlängst hat sie auf der Immobilienmesse Expo Real in München um Investoren geworben, die das denkmalgeschützte Gebäude möglichst in ein Gesundheits- und Therapiebad verwandeln sollen. Seit der Badebetrieb 1994 eingestellt wurde, ist das Haus zur Ruine verfallen. Mit einer Feierstunde war es vor 70 Jahren am 3. Oktober 1948 nach dem Krieg offiziell wiedereröffnet worden. Allen Schwierigkeiten zum Trotz sei es gelungen, den Dresdner Schwimmsportlern eine Halle zur Verfügung zu stellen, die auch größeren Ansprüchen genügen und dem Sportleben der Stadt weiteren Aufschwung verleihen werde, wurde in Zeitungen berichtet. Generationen von Dresdnern haben dort als Kind erste Schwimmversuche unternommen.

Das 1928/29 gebaute Sachsenbad galt laut Architekturführer als „vorbildliche Volksbadeanlage“ und „bemerkenswertes Beispiel des Neuen Bauens“, eines zweckbetonten Stils, der sich ab dem Ersten Weltkrieg vom Historismus des 19. Jahrhunderts bewusst absetzte. Quaderförmige Körper gliedern den massigen Bau. Die Fassade mit ihren gleichförmigen Fensterreihen ist abgesehen von einigen Reliefs nahezu schmucklos. Eine stählerne Satteldachkonstruktion trägt die gestaffelten Aufbauten. Dem Haupteingang mit leicht vorspringenden Seitenflügeln antwortet auf der Rückseite ein auf Säulen gestützter Querriegel mit Terrasse. Diese war als Übergang zu einem Freibad gedacht, aus dem am Ende nichts geworden ist.

Im Erdgeschoss erwarteten den Besucher ein römisches und ein Dampfbad, Massage- und Ruheräume und ein elf Meter breites und 25 Meter langes Hauptschwimmbecken. Bei Sportwettkämpfen konnten Zuschauer das Geschehen von einer Galerie aus verfolgen. Dusch- und Umkleidemöglichkeiten waren seitlich, im zweiten Oberschoss gab es Wannen-, Brause und Kurbäder, im Dachgeschoss einen großen Gymnastiksaal. Der Fußboden im Bad war beheizt. Es gab ein Restaurant.

Der Entwurf für das Sachsenbad stammt von dem aus Schrozberg im jetzigen Baden-Württemberg stammenden Paul Wolf (1879–1957). Er hatte 1922 die Nachfolge von Hans Erlwein (1872–1914) und Hans Poelzig (1869–1936) als Stadtbaurat angetreten. Wolf hatte in Stuttgart Architektur studiert und stand vom Kaiserreich bis zur DDR ungeachtet der jeweiligen politischen Systeme als Städtebauer hoch im Kurs. Dessen Bebauungspläne, von ihm entworfene Schulen, Wohnhäusern und Versorgungseinrichtungen wie die Ilgenkampfbahn, das spätere Dynamo-Stadion, das Georg-Arnhold-Bad, das Kraftwerk Mitte mit seinem 2006 abgerissenen, architektonisch wertvollen Kesselhaus, der Straßenbahnhof Waltherstraße oder das Julius-Ambrosius-Hülße-Gymnasium in Reick bestimmten in den 1920er- und 1930er-Jahren zunehmend das Stadtbild.

Das Sachsenbad war Teil von Neuplanungen für das Industrie- und Arbeiterviertel Pieschen und Mittelpunkt eines Ensembles mit Sportforum, Wohn- und Bibliotheksgebäude sowie der Auftakt für das Sportareal, die anschließenden Kleingärten und den Dorfkern Altpieschen hinter dem Bad. In durchgrünten, aufgelockerten Kleinsiedlungen sollten die Menschen gesünder leben können. Die Planungen wurden zwar nur teilweise ausgeführt. Dennoch gilt das Ensemble an Wurzener und Rehefelder Straße als eines der wenigen Räume neusachlichen Bauens in Dresden. Nach dem Krieg gingen dort immer wieder politische Kundgebungen über die Bühne.

Bei der Feierstunde zur Wiedereröffnung des Sachsenbades 1948 wies der Leiter des Stadtgesundheitsamtes, Hübner, auf die besondere Bedeutung des Schwimmsportes für die „schaffenden Menschen“ hin. Mit einem „Gut Nass“ habe dann der Chef des Sportamtes, Glasewitz, das Bad der Bevölkerung übergeben, heißt es in Berichten. Dann folgten „durchschnittlich gute“ Vorführungen der FDJ-Schwimmgemeinschaft Blasewitz, die von den Zuschauern mit „lebhaftem Beifall“ quittiert wurden. Höhepunkt war ein Wasserballspiel zwischen Dresden und Nossen, das die Gastgeber mit 4:0 „überlegen gewannen“.

Er habe auf der Expo Real viele Gespräche mit potenziellen Investoren geführt, teilt Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) auf Anfrage mit. Die Dresdner Projekte seien auf großes Interesse gestoßen. Interessenten für das Sachsenbad könnten jetzt ihre Projekte einreichen.