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Einer wie keiner

© Andreas Weihs

Wolfgang „Wolle“ Förster wird heute 60. Ein schöner Anlass, ihm mal ein paar Takte zu sagen.

Von Nadja Laske

Torten mit einer Sahne-Sechzig darauf willst du nicht, lieber Wolle. (Obwohl in deiner Nachtbar so manch Geselle mit Sprühsahne auf blanken Brüsten Abschied von seiner ungebundenen Jugend genommen hat.) Auch Plakate mit Geburtstagswünschen verbittest du dir, ebenso wie Tempo-60-Schilder und Sushi-Rollen, drapiert in Form deiner sechsten Dekade.

Nicht ohne seine Kuscheltiere ging Wolle in unzähligen Kulturhäusern der DDR auf die Bühne. Mit seiner Dynamic Disko war er von 1974 bis zur Wende Kult. © privat
Wolfgang (r.) und sein Zwillingsbruder Frank mit Mama und Papa auf Tour. Guten Kontakt haben die Geschwister heute noch, aber über Hunderte Kilometer. © privat

Gut möglich, dass du heute all das trotzdem bekommst und dich insgeheim freust. Selbst wenn du die Gratulanten für diese „Dämlichkeiten“ aus deinem Büro jagst. In dieser Schaltzentrale wirst du mindestens einen Teil des Tages verbringen. Warum auch nicht. Schließlich ist dir egal, nach welchem Jubiläum das Geburtsdatum des Wolfgang Förster verlangt. Von einem riesigen Schreibtisch aus steuerst du deine Geschäfte – die in der Bar gleich gegenüber, die in den vier Sushi-Restaurants, in der Wolle-Werbung, in den Spielhöllen und dem Koch-Eck, wo sich manch Gast mit Nigiri- und Maki-Seminaren von seinem 60. Geburtstag ablenkt und hoffentlich trotzdem noch Sex hat. Ersteres unter deiner Regie, wie es sich für einen Regenten deines Schlags gehört.

Du überlässt nichts dem Zufall und hast auf alles und alle ein Auge. Wer dich besucht und an der Eingangstür artig auf den Klingelknopf drückt, ist längst entdeckt. Dafür reicht dir ein Blick auf das halbe Dutzend Monitore im Büro. Nur die Miniküche, in der du dich kürzlich am Senfeier-Rezept deiner Mutter versucht hast, scheinst du nicht einsehen zu können. Sonst wärest du nicht so platt darüber gewesen, den Topf bis auf den letzten Löffel geleert zu finden. Ganz zufrieden mit deiner Kochkunst warst du ja nicht, aber deinen Mitarbeitern hat es geschmeckt. Deine Türen stehen offen, nicht nur Freunden, Partnern und der Presse, sondern auch allen, die um deine Hilfe für gute Zwecke bitten. Aber nur denen mit ehrlichem Herzen. Die anderen verfolgst du schon mal bis in die dritte Instanz und holst dir dein Geld zurück, das in irgendeinem undurchsichtigen Schattenreich verlustig zu gehen drohte. „Der Wolle könnte noch viel reicher sein, wenn er nicht immer so viel geben würde“, das sagt man von dir. Nicht Neid, sondern Achtung spricht daraus. Du selbst bekommst ja auch nix geschenkt, außer Torten zum Geburtstag vielleicht. Ansonsten hast du dein Leben lang gelernt, probiert, dich in neue Materien gekniet, nie das Risiko gescheut, immer den rollenden Rubel gesehen, aber auch ordentlich Miese gemacht, hast Firmen eröffnet und Firmen geschlossen, bist von sinkenden Schiffen gegangen und zu anderen Ufern aufgebrochen. Zum Beispiel, als die neue Freiheit auch freizügige Lokalitäten erlaubte und du 1990 das Klax eröffnet hast. Oder als du Tiefkühlkost über die Nation der selbst versorgenden Kleingärtner brachtest und ihnen die nötigen Mikrowellen gleich mit verklingeltest – absolut kundenbindend unter Einkaufspreis. Das ging gut, bis die Sicherungen völlig überlastet durchbrannten und alle Ware auftaute.

Aber es gab ja nicht nur Hausfrauen, sondern auch Spielwütige zu versorgen, also hast du dein Geld künftig mit Automaten gemacht. Auch die erste Schwulendisco Dresdens geht auf deine Kappe. Und zehn Jahre nachdem dich die Staatsorgane der DDR wegen illegaler Einfuhr von technischen Geräten aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet zu drei Jahren Gefängnis verknackt haben, hast du diese Erfahrung Mitte der 90er mit deiner Knast-Kneipe aufgearbeitet. Die Hälfte hast du „nur“ abgesessen und noch am Abend deiner Entlassung im Parkhotel – aufgelegt– würde man heute sagen. Denn eigentlich kennt dich der Dresdner als „Schallplattenunterhaltungsformation“. So nannten die für deine Gage zuständigen Kulturfunktionäre damals deinen super laufenden Job als Discjockey von „Wolles Dynamic Disco“.

Tja, acht Jahre nach der Wende ließest du die Puppen im „Banana“ tanzen, und als auch dessen Zeit um war, hast du gesagt: „Die Leute bezeichnen mich immer als Millionär. Wenn die wüssten, dass ich auch ne Million Schulden habe.“ Für mehr als eine Million Steuerzahlung an die Stadt reicht es jedes Jahr trotzdem und für den Lohn an deine 50 Köche, Kellner und Werbefachleute ebenfalls. Auch ohne Torte: Herzlichen Glückwunsch, Wolle!