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Endlich dicht!

Fast acht Jahre nach der großen Flut ist der Witka-Staudamm bei Hagenwerder fertig. Die Anwohner an der Neiße sind erleichtert.

© Jens Trenkler

Von Frank Seibel, Katarzyna Wilk-Sosnowska und Katrin Schröder

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Ein 20 Zentimeter breiter Strich in knapp zwei Metern Höhe erinnert Rosemarie Rutsch jeden Tag an das Ereignis, das ihr Zuhause auf den Kopf gestellt hat. Links neben der Eingangstür ist die chromfarbene Plakette mit dem Strich an die Hauswand geschraubt. Dazu ein paar Buchstaben und Zahlen: Hochwassermarke 7.8.2010.

Folgen der Neißeflut von 2010 und was draus wurde

Die Fassade leuchtet in frischem Orange, die Kunststoffrahmen der Fenster sind neu, die Tür strahlt weiß. Auf den ersten Blick wirkt das Haus von Rosemarie Rutsch nicht wie eines aus dem 19. Jahrhundert. So lange kauert es schon am Ufer der Neiße im alten Dorf Hagenwerder und hat schon viel Wasser kommen und gehen gesehen. 1938 konnte man mit dem Boot durchs Dorf fahren, erzählt man sich in der Familie der Rentnerin, die seit Jahrzehnten hier zu Hause ist. 20 Jahre später gab es auch noch ein besonders schlimmes Hochwasser, sodass ein Damm aufgeschüttet wurde, der die alten Häuser von Hagenwerder schützen sollte. In den 1970er Jahren wurde er erhöht, 1981 erneut überspült. So schlimm aber wie am 7. August 2010 war es nie. Und nie ging es so schnell. Nur wenige Kilometer südöstlich von Rosemarie Rutschs Haus in Hagenwerder war der Staudamm gebrochen, der das Wasser bremsen sollte, das vom Isergebirgskamm durchs Flüsschen Witka ins Tal fließt. In den Tagen zuvor hatte es stark geregnet, die Talsperre nahe Radomierzyce (Radmeritz) war übervoll – bis die Staumauer an jenem 7. August 2010 gegen 19 Uhr nachgab und die Wassermassen sich ihren Weg bahnten.

Das ist lange her, und die Menschen in Hagenwerder denken längst nicht mehr oft an die verheerende Flut, bei dem das Erdgeschoss des Hauses von Rosemarie Rutsch komplett unter Wasser stand. Sie hat danach das Beste daraus gemacht, hat das Haus von Grund auf modernisiert. Die 150 Jahre sieht man dem Gebäude mitsamt dem schönen Garten heute nicht mehr an. Nicht alle hatten dieses Glück. Die Familie, die direkt neben der Turnhalle Hagenwerder wohnt, plagt sich bis heute mit Feuchtigkeit. Für eine große Modernisierung hat das Geld nicht gereicht. Es war eine schwierige Zeit seit jener Flut im August 2010.

Für Menschen wie Rosemarie Rutsch, die seit Jahrzehnten ganz nah am Fluss leben, gehört es zur Routine, immer mal rüberzufahren zum polnischen Dörfchen Niedów (Wolfsberg), zu dessen Territorium der Staudamm gehört. Wie viel Wasser steht in der Talsperre? Diese Frage war schon vor der Katastrophe wichtig, denn immer wieder kam es vor, dass die Verwaltung des Staudamms große Mengen Wasser abgelassen hat, ohne die Anrainer vorher darüber zu informieren. Nasse Neißewiesen gab es zumindest bis zum EU-Beitritt Polens immer wieder. Dann wurde die Kommunikation zwischen dem Kraftwerksbetreiber PGE in Turow, der den Staudamm betreibt, und den Behörden der benachbarten Orte und Städte besser. Zu dünn und zu niedrig sei die Staumauer gewesen, die schließlich dem Wasserdruck nicht standhielt.

Vor Kurzem war die Neiße-Nachbarin wieder dort. Und nun ist sie beruhigt. Dick, hoch, vertrauenserweckend: So bewertet Rosemarie Rutsch die neue Stau-Anlage in Niedów, die nun endlich fertig ist. An diesem Mittwoch soll die neue, leuchtend weiße Anlage in Betrieb gehen. Die Endabnahme ist für den 31. Januar geplant, teilt Iwona Paziak, Koordinatorin für Kommunikation beim Energieversorger PGE, mit. Dem Unternehmen gehören See und Staumauer. Seit Juni 2014 ist der Staudamm für rund 15 Millionen Euro neu aufgebaut worden. Mit seiner Betonkonstruktion, der Fischtreppe und dem neuartigen Schleusensystem in Labyrinthform ist die Staumauer die erste ihres Typs in Europa überhaupt, heißt es vonseiten der Bauherren.

Die Belastungsproben hat der neue Staudamm bestanden, erklärt Iwona Paziak. Dazu haben die beauftragten Ingenieure bis Ende November das Staubecken probehalber mit Wasser gefüllt, es dann wieder abgelassen und die Verformung der Konstruktion gemessen. Alles funktionierte wie geplant, betont die PGE-Mitarbeiterin. Der Verlauf der Tests sei in einem Bericht dokumentiert und die gesamten Unterlagen mit dem Antrag auf Nutzungserlaubnis zur Bauaufsicht der Woiwodschaft nach Breslau geschickt worden. Die Endabnahme soll nun an diesem Mittwoch erfolgen. Geben die Vertreter der Bauaufsicht grünes Licht, kann der Staudamm in Betrieb gehen.

Die Nachricht wird auch in den Rathäusern von Görlitz und Zgorzelec gern gehört. „Auf der Bürgermeisterebene haben wir uns mit Zgorzelec regelmäßig über die Baufortschritte informiert“, sagt Oberbürgermeister Siegfried Deinege. Sein Amtskollege Rafal Gronicz ergänzt: „Das neue Objekt sieht sehr solide aus, daher können wir uns als Bürger der Stadt am Fluss sicher fühlen.“ Damit ist das Kapitel „Flut 2010“ endgültig abgeschlossen.