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Endlich wieder satt

Nach einer Magen-OP hat sich Ines Prause innerhalb eines Jahres halbiert. Dafür musste sie erst anderen Ballast abwerfen.

© Norbert Millauer

Von Henry Berndt

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Hmmm, dieser Duft. Er erinnerte sie immer an glückliche Stunden mit ihrer Mutter. Deshalb gab sie sich dem Duft auch dann noch hin, als ihre Mutter längst nicht mehr da war. Heimlich schaufelte sich Ines Prause die Teller mit Spaghetti voll, sobald ihr Mann und ihre Kinder aus dem Haus waren. Aus dem Genuss wurde eine Sucht. 800 Kalorien mal so nebenbei zwischen den Mahlzeiten. Fast jeden Tag. Niemals hinterfragte sie, was sie sich da gerade antut. Für Besinnung war kein Platz im Leben von Ines Prause.

Kaum ein Foto gibt es aus den Jahren, in denen Ines Prause 115Kilogramm auf die Waage brachte. Dieses hier zeigt sie mit ihrer Nichte auf dem Spielplatz.
Kaum ein Foto gibt es aus den Jahren, in denen Ines Prause 115Kilogramm auf die Waage brachte. Dieses hier zeigt sie mit ihrer Nichte auf dem Spielplatz. © privat

Schon als Kind erlebte die gebürtige Dresdnerin hautnah, was Sucht bedeutet. Drei ihrer vier Onkel fanden früh durch Alkohol den Tod. „Wenn mein Onkel beim Einkaufen seine Flasche Schnaps geholt hat, dann habe ich meine Bonbons bekommen und sie genauso heimlich hinter dem Sofakissen versteckt, wie er seine Flasche“, erinnert sich die heute 46-Jährige. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Da auch ihre Mutter nicht ohne Alkohol leben konnte, verbrachte Ines viel Zeit bei der Oma.

Als junge Frau musste sie sich später fast ein Jahr lang allein um ihren Sohn kümmern, während ihr Mann 600 Kilometer entfernt bei der Bundeswehr diente. Nach ihrer Elternzeit begann sie, in Schichten als Verkäuferin zu arbeiten. 1999 starb ihre Mutter, ab 2003 wurde ihre Oma zunehmend dement. Bis zu ihrem letzten Atemzug pflegte Ines Prause sie zu Hause. Zehn Jahre lang. Nebenbei kümmerte sie sich um ihre inzwischen vier Kinder und den Haushalt. Die Familie war aus Dresden in ein Häuschen nach Moritzburg gezogen. All den Stress schluckte Ines Prause mit den Nudeln herunter.

„Als meine Oma gestorben ist, habe ich zum ersten Mal in den Spiegel geschaut und mich gefragt, wer da eigentlich steht.“ Sollte dieser Koloss von 115 Kilo wirklich sie selbst sein? Sie litt unter massiven Gelenkschmerzen, die sie mit Unmengen an Schmerzmitteln bekämpfte. Ihr Blutdruck spielte verrückt, ihr Herz raste.

Dabei hatte Ines Prause nie in ihrem Leben faul auf der Couch gesessen, Cola getrunken und Chips in sich reingestopft. Ihre große Familie hatte sie immer auf Trab gehalten. Ihre Wege erledigte sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad und ihr Hund Pepper war und ist sowieso ihr „vierbeiniges Sportgerät“, wie sie selbst sagt. Und doch war aus der einst zierlichen jungen Frau über die Jahre ein dicker Mensch geworden.

Zum ersten Mal in ihrem Leben horchte sie nun in ihren Körper hinein. Sie versuchte mehrere Diäten, doch der Jo-Jo-Effekt schlug unerbittlich zu. Erst im Adipositaszentrum in Dresden-Neustadt wurden ihr Wege aus der Esssucht gezeigt. Zum Beispiel eine Magen-OP. Sie sprach mit niemandem darüber, zögerte ein Jahr lang und rang sich schließlich durch. Nach unzähligen Untersuchungen, psychologischen Gutachten und Ernährungsberatungen stand fest: Im Februar 2016 würde Ines Prause ein Magen-Bypass gelegt, durch den der Magen deutlich verkleinert und direkt mit dem Dünndarm verbunden wird.

„Es war von Anfang an klar, dass das nur ein Anfang sein kann und keine Garantie für einen Erfolg“, sagt Ines Prause. Schon lange vor der OP stellte sie ihre Ernährung um, nahm von nun an große Mengen Eiweiß zu sich und trennte das Essen konsequent vom Trinken.

Nach der Operation spürte Ines Prause schnell, dass sich nicht nur in ihrem Kopf etwas verändert hatte. „Ich hatte nun endlich wieder das Gefühl des Sattseins zurück, das ich gar nicht mehr kannte.“ Auch ihr Geschmackssinn änderte sich. Knacker kamen ihr auf einmal ungeheuer salzig vor, Schokolade unendlich süß. Sie aß nun bewusster und viel kleinere Portionen.

In drei Monaten verlor Ines Prause zehn Kilo. Im März 2017 wog sie nur noch 60 Kilo und hatte sich damit fast halbiert. „Zwischendurch gab es auch Phasen des Stillstands, aber ich habe immer gewusst, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Noch schwerer, als Gewicht zu verlieren sei aber, es danach auch zu halten.

Wiederum ein Jahr später wiegt Ines Prause heute 59 Kilogramm und man glaubt ihr gern, dass sie ein glücklicher Mensch ist. Ohne Schmerzen und ohne Tabletten. „Früher bin ich hinter meinem Hund gelaufen, heute läuft er hinter mir“, sagt sie und lacht. Gerade vor wenigen Wochen hat sie ihre zweite und letzte Hautstraffungs-OP hinter sich gebracht. „Es ist toll, beim Duschen nicht mehr den Bauch hochheben zu müssen, um sich zu waschen“, sagt sie und denkt dabei an die vielen Leidensgenossen, die gerade hart bei den Krankenkassen dafür kämpfen müssen, dass nach der Magen-OP auch diese Operationen bezahlt werden. Die Kassen sprechen dann gern von „Schönheitseingriffen“. „Dabei habe ich doch auch jetzt keinen Modelkörper, mit dem ich für einen Pin-up-Kalender posieren könnte“, sagt Ines Prause. Was sie gewonnen habe, sei Selbstbewusstsein. Eine neue Liebe zu sich selbst. „Mein Mann steht seit 28 Jahren hinter mir. Jetzt hat er die Frau zurück, die er damals kennengelernt hat. Es fühlt sich an wie unser zweiter Frühling.“

Der Ruck sei durch die ganze Familie gegangen. Alle ernährten sich nun gesünder, auch, weil sie die Tomatensuppe wieder aus echten Tomaten kochen würde. „Und das Beste ist: Ich kann mich heute noch genau so am Essen erfreuen“, sagt die Mama. Bald will sie nach 15 Jahren zu Hause wieder in Teilzeit arbeiten gehen.

Um sich mit anderen Menschen auszutauschen, die unter ihrem Körpergewicht leiden oder schon einen Schritt weiter sind, trat Ines Prause vor anderthalb Jahren der Selbsthilfegruppe „Die Mollybetiker“ am Neustädter Krankenhaus bei. Die Gruppe hat derzeit 76 Mitglieder aller Gewichtsklassen. „Wer sich Gedanken über eine OP macht, für den ist es der sicherste Weg, sich zunächst an die Selbsthilfegruppe zu wenden“, sagt sie. An jedem zweiten Samstag im Monat treffen sich die Mitglieder im Krankenhaus. Außerdem gibt es „Plauderabende“ in Lokalen der Stadt. Ausgerechnet in Lokalen, könnte man sagen. Früher hätten sie hier sicher alle Nachschlag verlangt. Heute bringen sie ihre Tupperdosen mit, verrät Ines Prause – und nehmen die halbe Portion mit nach Hause.

Mehr unter www.mollybetiker.de