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Erinnerungen an Steinbrückmühle

© Egbert Kamprath

Als das Dorf in der Talsperre Lehnmühle versank, war Elfriede Weiß acht Jahre. Besonders ein Haus faszinierte sie damals.

Von Annett Heyse

Osterzgebirge. Als sie die Fotos in der Zeitung sah und ein paar Tage später einen Bericht im Fernsehen, da kamen die Erinnerungen wieder. Erinnerungen an Wandertage, Verwandtenbesuche, Schulfreundinnen. Das alles hatte mit einem kleinen Ort zu tun, den es längst nicht mehr gibt. Welcher nun aber sprichwörtlich wieder aufgetaucht ist. „Ich hatte das schon fast vergessen. Aber ja, natürlich: Da war die Wassermühle, die Brücke, der Gasthof“, berichtet Elfriede Weiß.

Das Foto zeigt Elfriede Weiß (Mitte) Ende der Zwanziggerjahre mit einer Tante und einer Freundin auf den Wiesen bei Steinbrückmühle. Am rechten Bildrand ist ein Stück des Dorfes zu sehen. © privat

Es geht um Steinbrückmühle, ein Dörfchen an der Wilden Weißeritz, das 1932 in den Fluten der neu angelegten Talsperre Lehnmühle verschwand. Diesen Sommer ist Steinbrückmühle wieder zum Vorschein gekommen. Nach wochenlanger Trockenheit war der Wasserspiegel in der Talsperre so weit gesunken, dass zunächst die markante Brücke zu sehen war. Unter ihr fließt derzeit die Weißeritz in ihrem alten Bett hindurch. Neugierige entdeckten kurz darauf im getrockneten Schlamm Mauerreste und einen Teil des ehemaligen Mühlrades. Baumstubben sind ebenfalls zu sehen. Nun kommen täglich Schaulustige und laufen allen eilends aufgestellten Verbotsschildern zum Trotz die ehemalige Zinnstraße entlang über die Brücke. Der versunkene Ort fasziniert. „Dabei war das eigentlich ein ganz kleines, einfaches Dorf. Es gab dort nicht mal einen Laden“, sagt Elfriede Weiß.

Immer zu Fuß unterwegs

Sie wurde 1924 in Hartmannsdorf-Neubau als mittleres dreier Kinder geboren. Der Vater war Zimmermann. An Sonntagen machte die Handwerkerfamilie manchmal Ausflüge in die nähere Umgebung, immer zu Fuß – ein Fuhrwerk oder gar ein Auto besaßen sie nicht. Dabei kamen sie hin und wieder auch durch Steinbrückmühle. „Vor allem, wenn wir nach Hennersdorf liefen, um dort Verwandte zu besuchen oder auf die Kirmes zu gehen“, berichtet die Seniorin. 94 Jahre alt ist sie jetzt. Nie hätte sie gedacht, dass mal die Presse nach Steinbrückmühle fragt, dass überhaupt jemand fragt und dass die Geschehnisse in und um das Dorf noch eine Rolle spielen könnten. „Sonst hätte ich besser hingeschaut. Aber als Kind sieht man mit anderen Augen, interessiert sich doch nicht für Details.“

Als Kind interessierte Elfriede Weiß sich eher für die Blumen am Wegesrand. Ein Foto, entstanden Ende der Zwanzigerjahre, zeigt sie mit einer Tante und einer Freundin. Die beiden Mädchen pflücken Blumensträuße auf einer Wiese. Am rechten Bildrand sieht man die Bäume an der alten Zinnstraße in Richtung Hartmannsdorf und den Giebel eines Hauses.

Genau erinnern kann Elfriede Weiß sich an die Wassermühle des Ortes. Gerne blieben die Kinder dort stehen und beobachteten, wie sich das große Rad drehte. Und dann war da noch der Gasthof nahe der Brücke, in den die Familie allerdings nie einkehrte. Über die Brücke führte ein festgefahrener Weg. „Pflastersteine gab es nicht“, erzählt Elfriede Weiß. Auch sonst war Steinbrückmühle wenig spektakulär. Es gab ein paar Handwerkerhäuser und einige kleine Bauernhöfe – umgeben von breiten Wiesen und Wald. Keine Schule, keine Kirche.

1931 wird Elfriede Weiß in Hartmannsdorf eingeschult. Da war der Bau der Talsperrenmauer schon weit fortgeschritten. „Überall in der Gegend waren Arbeiter“, berichtet sie. An der Baustelle vorbei führten Wanderwege. Immer zu Pfingsten, erinnert sich Elfriede Weiß, ging es auf große Tour ins Weißeritztal: Von der Lehnmühle unterhalb der Staumauer wanderte die Familie zur Röthenbacher Mühle und dann zur Beerwalder Mühle. „Dort gab es eine Gaststätte, wir trafen uns da mit den Großeltern und gingen etwas essen.“

Das Wasser kam plötzlich

Elfriede Weiß kann sich noch erinnern, wie das Wasser in der Talsperre allmählich eingestaut wurde. Es sei immer weiter in Richtung Steinbrückmühle vorgerückt, so die Augenzeugin. Dann passierte im Frühjahr 1932 etwas, was die Planer nicht einkalkuliert hatten. Die Schneeschmelze verlief rasant. Plötzlich stand Steinbrückmühle eher als geplant unter Wasser, während die letzten Bewohner noch beim Packen und Beräumen waren. Alte Fotos zeigen, wie Menschen per Boot aus dem Gasthaus evakuiert werden. Die Gastwirtsfamilie Pretzsch zog nach Hartmannsdorf-Neubau um, eröffneten dort kurz darauf ein Café. Die Bauern und Handwerker aus Steinbrückmühle verteilten sich wohl in der Region. Dann verschwanden die Reste von Steinbrückmühle im Wasser.

Von und nach Hennersdorf mussten die Menschen jetzt einen Umweg machen. „Manche nahmen auch den Weg über die Talsperrenmauer, obwohl das verboten war“, erzählt die Rentnerin. An das Talsperrengelände kam man bald nur noch schlecht heran. Gezielt waren die einst breiten Talwiesen aufgeforstet worden. „Überall wurden Bäumchen angepflanzt.“ Ein Haus von Steinbrückmühle blieb allerdings noch Jahrzehnte stehen: Das Forsthaus, welches außerhalb des Ortes am Waldrand gebaut worden war und über der Wasserkante lag. Eine Schulfreundin von Elfriede Weiß wohnte da. Jahre später rückte das Forsthaus nochmals in den Fokus. „1945, als die Russen kamen, hat der Förster uns Frauen im Wald versteckt.“

Elfriede Weiß kam da nur noch auf Besuch nach Hartmannsdorf-Neubau. Sie hatte ihr Zuhause bereits 1939 mit dem Ende ihrer Schulzeit verlassen. „Eigentlich wollte ich Kindergärtnerin werden, aber mein Bruder ging bereits in eine Lehre als Klempner und zwei Ausbildungen konnte sich meine Familie nicht leisten.“ Die damals 15-Jährige kam als Hilfskraft in einer Pretzschendorfer Bäckerei unter. Später ging sie nach Dresden und arbeitete dort als Hausmädchen. Als der Krieg zu Ende war, zog Elfriede Weiß mit ihrer Mutter – der Vater war inzwischen gestorben – bei den Großeltern in Pretzschendorf ein. Dort heiratete sie Ende 1945 den Bäckergesellen Karl Weiß. Mit ihm zog sie später nach Dresden, ab 1962 führten die beiden eine Bäckerei im Dresdner Süden.

Heute leben nur noch wenige Menschen, die Steinbrückmühle gekannt haben. Elfriede Weiß kann von einer Cousine in Reichenau berichten, auch schon 92 Jahre alt, die sich an das Dorf erinnert. Allen anderen bleibt nur der Blick auf die alte Brücke und die Mauerreste. Bis das Wasser der Talsperre Lehnmühle alles wieder für Jahrzehnte bedeckt.