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„Es war gespenstisch“

Beim Fußballabend erzählen Peter Kotte und Matthias Müller, was 1981 tatsächlich passierte. 150 Zuhörer halten den Atem an.

Matthias Müller, Gert Zimmermann und Peter Kotte (v.l.) stellten sich am Donnerstag vor dem Fußballtalk zum Foto im Wendelstein von Schloss Schönfeld den Fotografen. 150 Zuhörer wollten vor allem wissen, was 1980/81 tatsächlich geschah. Müller und Kotte l © Foto: Anne Hübschmann

Von Thomas Riemer

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Schönfeld. Matthias Müller hat auch mit 64 noch immer fast sein Wettkampfgewicht. Zu seinen aktiven Zeiten galt er als der „Filigrane“. Peter Kotte, gleicher Jahrgang, war eher der „Bullige“. Gemeinsam haben sie in den 1970er Jahren und bis 1980 die goldenen Zeiten beim DDR-Fußball-Krösus Dynamo Dresden erlebt. Müller als „Allrounder“ im Team. Kotte als Vollblutstürmer. Ihre sportlichen Erfolge – DDR-Meister, Pokalsieger, Nationalspieler – haben sie berühmt gemacht. Doch sie eint leider auch eine Geschichte mit verhängnisvollem Ausgang: das Ende ihrer Leistungssport-karriere.

Zum Fußballtalk mit Gert Zimmermann im Schönfelder Schloss einen Tag nach Weihnachten hat Kotte offenbar halb Lötzschen mitgebracht. Hier ist er aufgewachsen, hat in Lampertswalde Fußballspielen gelernt, ging in Schönfeld zur Schule. Heute ist er Rentner. Matthias Müller wiederum bringt eine große Radebeuler Fangemeinde mit. Beim dortigen Ballsportverein ist er seit fünf Jahren Trainer, arbeitet außerdem nach wie vor als AOK-Angestellter. 150 Zuhörer füllen den Saal – einige verfolgen den Abend im Stehen. „Für mich fallen heute Weihnachten und Ostern zusammen“, sagt ein sichtlich bewegter Bürgermeister Hans-Joachim Weigel, der Erfinder des Fußballtalks von Schönfeld, angesichts der großen Resonanz.

Es sind zwei grundverschiedene Halbzeiten inklusive erheblicher Nachspielzeit, die Gert „Zimmi“ Zimmermann an diesem Abend geschickt steuert. Vor Pausenbier und Bratwurst geht es um die aktive Zeit auf dem Weg zu Dynamo Dresden und Trainer Walter Fritzsch. Peter Kotte nahm eine „Zwischenstation“ bei Stahl Riesa. „Als junger Spieler gab es dort nichts zu lachen“, sagt er. Als er zum ersten Training unter Fritzsch erschien, habe der zu ihm gesagt: „Du gehst erstmal zum Friseur.“ Auch Matthias Müller erinnert sich, dass der einstige Erfolgscoach an jüngeren Spielern „gern mal ein Exempel statuierte“. Kennengelernt haben sich Kotte und Müller weit früher: bei einem Pokalfinale der B-Jugend in Cossebaude. Müller verlor im Dynamo-Dress 0:5 gegen Kotte im Riesaer Look. Letzterer kann sich daran nicht mehr erinnern. Doch ein früherer Mitspieler hat den Foto-Beweis von Ende der 1960er Jahre mit nach Schönfeld gebracht. So geht Fußballabend!

Beide wurden DDR-Auswahlspieler. Kotte gehörte zur Nationalmannschaft, die um die WM-Teilnahme 1982 kämpfte – letztlich erfolglos. Müller wurde ins Olympia-Team für Moskau 1980 geholt, gewann mit der Mannschaft Silber nach einer 0:1-Finalniederlage gegen die ČSSR. Im Halbfinale hatte man die Sowjetunion geschlagen, was den Regierenden offenbar wichtiger als Gold war. DTSB-Chef Ewald soll später gesagt haben: „Wenn Ihr gegen die Russen gewinnt, könnt Ihr gegen die Tschechen ruhig verlieren.“ Für Silber gab es den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze. Beim Empfang bedankte sich auch der Volkspolizei-Angestellte Matthias Müller brav mit dem Satz „Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik“. Das sei schon komisch gewesen, sagt er. Einen zum Orden gehörigen Umschlag sollte es später geben. „Aber den habe ich nie bekommen“, sagt Matthias Müller und schmunzelt.

Das war im August 1980. Wenige Wochen später nimmt das Unheil seinen Lauf. Beim Europacup-Spiel beim holländischen Verein Twente Enschede gibt es einen Zettel für Mitspieler Gerd Weber. Darauf ein vermeintliches Angebot, in ein Auto zu steigen und künftig für den 1. FC Köln im Westen zu spielen. „Wie geht man damit um?“, fragt sich nicht nur Matthias Müller. Peter Kotte: „Ich hatte nie einen Gedanken abzuhauen, ich hatte kein Interesse.“ Die nächste Cup-Runde gegen Standard Lüttich wird für beide zu einer Art Schicksalsspiel. Beim 1:4 im heimischen Dynamostadion schießen ausgerechnet die direkten Gegenspieler von Kotte und Müller die Tore für die Belgier. „Das hat man uns später auch noch versucht unterzuschieben“, so Müller. Sein Blick ist traurig.

24. Januar 1981. Flughafenhotel Berlin-Schönefeld. „Als wir zum Frühstück kamen, stand Hugo Herrmann (Mitglied der Zentrale der SV Dynamo in der DDR – Anm. d. Red.) da, und wir mussten in einen B 1000 einsteigen“, erzählt Matthias Müller. Statt Länderspielreise nach Südamerika heißt das Ziel für Weber, Kotte und Müller Dresden, die „Villa“ am Großen Garten. „Es war gespenstisch!“, erinnert sich Matthias Müller. Auf der Fahrt darf das Trio nicht miteinander reden. In der „Villa“ gibt’s Einzelzimmer mit ständiger Kontrolle. „Sogar wenn ich auf Toilette ging, war die Tür offen. Jeden Morgen ging es zum Verhör“, ergänzt Peter Kotte. 

Nach sieben Tagen kommen beide frei und werden in der Chefetage vom damaligen Vorsitzenden der SG Dynamo Dresden, Horst Rohne, in Unehren entlassen. „Wir waren Volkspolizei-Angestellte und wurden wie Fahnenflüchtige behandelt. Das hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt Matthias Müller. Peter Kotte: „Ich wollte Fußball spielen. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.“ Denn: Neben dem Ausschluss von Dynamo Dresden wurde dem Duo verboten, weiterhin in der DDR-Oberliga sowie der zweitklassigen Liga zu spielen.

Es ist mucksmäuschenstill im Schönfelder Schlosssaal. Die Zuhörer halten den Atem an. Diese „zweite Halbzeit“ des Fußballabends rührt sogar zu ein paar Tränen. Und sie ist noch nicht zu Ende. Müllers Vater Lothar, damals im Bereich der Kinder- und Jugend-Sportschulen angestellt, muss bei DTSB-Boss Ewald antanzen und wird zurückgestuft. „Das war eine Art Sippenhaft“, so Matthias „Lotte“ Müller. Er selbst findet auf Bezirksebene mit der TSG Meißen eine neue fußballerische Heimat. „Die haben sich für mich eingesetzt“, sagt er. Peter Kotte schließt sich Fortschritt Neustadt an, ballert den Verein mit seinen Toren in die DDR-Liga – und darf dort nicht spielen.

1984 das endgültige Aus: Bei einem Spiel in Gröditz zieht sich der damals 30-Jährige einen offenen Bruch des Sprunggelenks zu. Der wird zunächst in Riesa, später in Dresden offenbar nicht richtig behandelt – und Kotte zum Invaliden. Der gelernte Schlosser wechselt 2003 als Hallenwart zum Dresdner SC. Inzwischen ist er „Jungrentner“. Die Rolle falle ihm noch schwer, vor allem im Winter, wenn es 16 Uhr dunkel wird. Albträume habe er nicht mehr. „Das ist vorbei“, sagt er nachdenklich. „Mit Fußball will ich eigentlich nichts mehr zu tun haben“. Doch Kotte gesteht, dass er sich über die Einladung zum 65. Vereinsgeburtstag in Lampertswalde im kommenden Sommer freut.

Matthias Müller fällt etwas „weicher“. 1989, im Wendeherbst, ist er Spielertrainer in Elsterwerda, kämpft um den Aufstieg. „Zum Ende der Halbserie fehlten dann plötzlich sieben Spieler…“ Vater Lothar knüpft alte Kontakte zu Tennis Borussia (Tebe) Berlin. Am 4. Januar 1990 meldet sich „Lotte“ dort zum Probetraining, fährt kurz darauf zum Trainingslager nach Florida. Tebe ist seine letzte Station als Spieler, bevor er endgültig ins Trainergeschäft einsteigt. Mit 37 Jahren.

Gerd Weber, der Dritte „im Bunde“ wird 1981 zu einer Haftstrafe verurteilt. Bis heute ist sein Part nicht restlos öffentlich aufgeklärt. Peter Kotte hat seit 1981 keinen Kontakt mehr zum einstigen Mitspieler. Matthias Müller hat sich Mitte der 1990er mal mit Weber ausgesprochen. „Wir haben kein freundschaftliches, aber ein normales Verhältnis“, sagt „Lotte“. Das Pikante an allem: Das vermeintliche Angebot des 1. FC Köln war überhaupt keins, wie Recherchen nach 1990 ergaben. Sondern eine Aktion von Hochstaplern – in wessen Auftrag auch immer.

„Hier sitzen keine verbitterten Typen.“ Gert Zimmermann fasst die sehr emotionale Gesprächsrunde zusammen. Denn Matthias Müller und Peter Kotte reden wieder gern über die Sternstunden, die sie vorrangig mit Dynamo Dresden erlebten. Die Spiele an der „Anfield Road“ beim FC Liverpool zum Beispiel. „Das ist Emotion pur, Singen, Wertschätzung auch für den Konkurrenten – Gänsehaut eben“, so Matthias Müller. Peter Kotte nickt zustimmend. Er verschoss mal gegen Weltklassetorwart Ray Clemence einen Elfer. „Der Clemence war sooo stark“, sagt er anerkennend. Fußball kann eben auch so schön sein.

Die Zeit hat viele Wunden geheilt. Nicht alle. Und doch haben Peter Kotte und „Lotte“ Müller irgendwie ihren Frieden und einen inneren Kompromiss gefunden.