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Das Ende der Angst in Weißrussland

Der Widerstand gegen Präsident Lukaschenko hat viele Gesichter. Die Farben Weiß-Rot-Weiß zeugen von einem neuen Gemeinschaftsgefühl.

Eine Demonstrantin in Minsk trägt eine Krone aus Pappe, die an die New Yorker Freiheitsstatue erinnert.
Eine Demonstrantin in Minsk trägt eine Krone aus Pappe, die an die New Yorker Freiheitsstatue erinnert. © TUT.by/AP/dpa

Von SZ-Korrespondent Paul Flückiger

Auf den ersten Blick fällt gar nichts auf: Ein Kinderspielplatz, wie es sie Tausende in Minsk zwischen den gesichtslosen Hochhaussiedlungen gibt. Doch die kleinen Abfalleimer aus Gussbeton sind hier weiß-rot-weiß angepinselt. Ein kleines Zeichen des Widerstandes gegen das Regime im westlichen Minsker Stadtteil Kamennaja Gorka. Die fünf riesigen Wohnblocks wurden alle vor rund zehn Jahren gebaut. Ein großes Bürohaus in der Nachbarschaft, in dem sich IT- und Outsourcing-Firmen eingemietet haben, hat dem Quartier seinen informellen Namen gegeben.

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Doch nun wird der Innenhof neu getauft: „Kwartal der Solidarität“, Solidaritätsquartier, heißt es in roten Lettern auf weißem Grund an einem Transformatorhäuschen. Jemand hat ein Graffito der beiden Minsker DJs aufgesprüht, die es kurz vor den Präsidentschaftswahlen gewagt hatten, auf einer Veranstaltung für den Amtsinhaber statt einer vorgesehenen Hymne den sowjetischen Rocksong „Peremen“ (Wende) von Wiktor Tsoi aufzulegen. Die beiden vom Staat angestellten DJs kamen wegen „Hooliganismus“ ins Gefängnis. Und wurden so zu den ersten Helden des weißrussischen Volksaufstands.

Die sowjetische Rocklegende Tsoi und die Farben Weiß-Rot-Weiß bringen nun im „Solidaritätsquartier“ die Generationen zusammen. Dazu kommen auch Luftballons in den Farben der oppositionellen, vom Autokraten Alexander Lukaschenko verbotenen Landesflagge, was den vielen Kindern gefällt. Die Leute haben Tee und Glühwein in Thermoskannen in den Innenhof gebracht, dazu Gebäck. „Es ist das erste Mal, dass wir uns zu so einem lockeren Plausch treffen, bisher kannte ich meine Nachbarn kaum“, sagt ein junger IT-Fachmann.

Zu den Demonstrationen gehen weder er noch seine Ehefrau. Noch beschränkt sich ihr Widerstand und Veränderungsdrang auf den Innenhof. Doch dies ist viel in Weißrussland, dessen 9,5 Millionen Einwohner von Angst zerfressen 26 Jahre lang den Sowjetnostalgiker Lukaschenko schweigend ertragen haben. Zu den Wahlen seien sie früher einfach nicht hingegangen, so wie zuvor ihre Eltern in der Sowjetunion, sagen die beiden. „Wenn meiner engsten Familie Böses geschieht, erst dann gehe auch ich auf die Straße“, sagt die Frau. „Dann hält mich nichts mehr zurück, und meine Angst ist weg“, schätzt sie.

Die friedlichen Frauen-Demonstrationen provozieren Lukaschenkos Sicherheitskräfte.
Die friedlichen Frauen-Demonstrationen provozieren Lukaschenkos Sicherheitskräfte. © TUT.by/AP/dpa

Die neusten Entwicklungen in Minsk zeigen, dass gerade dies nun beginnt. Das Regime war nach der bis zuletzt geheim gehaltenen sechsten Amtseinsetzung Alexander Lukaschenkos als Staatspräsident in der Innenstadt massiv gegen die spontanen Proteste vorgegangen. Mindestens 200 Demonstranten wurden festgenommen.

Anfang September hatten Lukaschenkos Sicherheitskräfte zudem damit begonnen, die friedlichen Frauen-Demonstrationen teils brutal aufzulösen. Provoziert hat das Regime damit jedoch dezentralisierte Kleindemonstrationen zwischen den gesichtslosen Wohnblocks. Schnell wurden es so viele Mini-Proteste, dass Lukaschenkos Einsatzkräfte sie an vielen Orten der Zwei-Millionen-Stadt gewähren ließen. Solche lokalen Märsche sind unspektakulär für die Medien, doch sie integrieren wie ein Quartierfest. Und dies in einem Land, in dem bisher fast alles von oben organisiert wurde.

Derweil konzentriert sich das Hauptinteresse auf die Teilnehmerzahl der sonntäglichen Großdemonstration. In Kiew wurde der Maidan 2013/14 erst dann zu einer Gefahr für die Machthaber, als Sonntag für Sonntag immer mehr Bürger hinfuhren, viele aus anderen Landesteilen. In Minsk geht die Zahl der Teilnehmer an den Protestmärschen trotz massiver Repressionen immerhin nicht zurück.

Der nächste Schritt jedoch wären Risse in Lukaschenkos Machtbasis. In Weißrussland ist kein so einflussreicher Ex-Minister wie Petro Poroschenko in der Ukraine auszumachen, der plötzlich die Seiten wechselt. Der ehemalige Kulturminister und Botschafter Pawel Latuschko erscheint dagegen nicht als politisches Schwergewicht, zumal auch er nun wie die informelle Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja im Exil weilt. Dass auch Latuschko den Autokraten gewaltig störte, zeigen jedoch die Drohungen des Regimes gegen ihn.

Im Internet tauchen dazu immer wieder Aufnahmen von Sicherheitskräften auf, die aus Protest ihre Uniformen verbrennen. Sogar Staatsanwälte haben gekündigt. Bislang sind es indes Einzelfälle, die noch keinen Frühling machen.

Die Opposition wiederum mag vielen als führungslos erscheinen, doch ihre Forderungen sind klar: Lukaschenkos Abtritt, freie und faire Neuwahlen, ein Dialog der Machtstrukturen mit Tichanowskajas „Koordinationsrat“, dem auch Latuschko angehört, und die Freilassung aller politischen Gefangenen. Dazu kommt, dass die Opposition ihre Machtdemonstrationen auf der Straße auch ohne Führung ganz gut hinkriegt, und dies landesweit.

Boris Pasternak, der Moskauer Herausgeber von Swetlana Alexiewitsch, zeigt in einer nächtlichen Fahrt quer durch Minsk die Schlüsselstellen der Protestmärsche in der Hauptstadt. Zwölf Stunden vor der Massenkundgebung gegen Lukaschenko herrscht dort noch langweiliger Normalzustand. Auf dem Siegesboulevard werden gerade die Fahrbahnen geputzt. Einzig beim neuen protzigen Präsidentenpalast verweist eine unscheinbare Stahlkonstruktion auf jene weit über mannshohen Gitter, die bald hier angebracht werden, um den Diktator vor jenem Volk zu schützen, das ihn angeblich immer noch liebt. Die Emotionen dieser Märsche lasse er sich trotz seines Alters und der Gefahren nicht nehmen, sagt der 75-Jährige.

Pasternak indes gehört nicht zu den euphorisierten Optimisten. Der Aufstand könne wie in Polen 1980 – 89 durchaus zehn Jahre dauern, gibt er zu bedenken. Der Moskauer Verleger unterstreicht in einem weiteren Bogen im Gespräch auch die Signalwirkung dieser weißrussischen Proteste für Russland selbst. Noch habe Putin die Mehrheit hinter sich, so wie sie bis vor Kurzem auch Lukaschenko hatte, doch könne sich dies schnell ändern.

Lukaschenkos Diskussionsangebot über eine Verfassungsänderung dient deshalb auch Putin dazu, Zeit zu gewinnen, auch um einen russlandfreundlichen und loyalen Alternativkandidaten für 2022 aufzubauen. Dann sollen in Weißrussland vorgezogene Präsidentenwahlen stattfinden. Lukaschenko hat durchblicken lassen, dass auch er dann erneut antreten will. „Beide spielen auf Zeit, doch die Weißrussen interessiert dieses Angebot gar nicht, sie wollen die Wende hier und jetzt“, fasst der in Minsk aufgewachsene Pasternak die Stimmung zusammen.

Das Volk hat genug von Lukaschenko, doch viele fürchten sich dennoch vor den Folgen einer Revolution. Ein Autofahrer, der gerade mit einer Buße von 135 weißrussischen Rubeln (umgerechnet rund 45 Euro) für sein Solidaritätshupen für eine Demonstration bestraft worden ist, erzählt von seinen Sorgen mit dem Gaspreis. „Wenn Putin das Gas wieder subventioniert, bin ich auch finanziell aus dem Schneider“, sagt der Alleinstehende, der mit rund 350 Euro pro Monat über die Runden kommen muss. Zum Demonstrieren habe er gar keine Zeit, sagt der Mann, fügt dann aber an, auch er habe vom 9. bis 12. August Verletzte transportiert.

Von ihm haben viele genug: Alexander Lukaschenko
Von ihm haben viele genug: Alexander Lukaschenko © Uncredited/BelTA/dpa

Widerstand hat viele Gesichter, Straßenproteste sind nur eines davon. Dennoch berichten Sonntagsdemonstranten in höchsten Tönen vom dortigen Gemeinschaftsgefühl. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch einmal in meinem Lande erlebe, diese Freude, dieses Ende der Angst“, erzählt der Fotograf Andrei Liankiewitsch, dessen Projekte vom inhaftierten Präsidentschaftskandidaten Wiktor Babariko gefördert wurden. Mittendrin zu sein, sei ein tolles Gefühl, aber wieder heil herauszukommen oft gefährlich, warnt eine Verkäuferin im patriotischen Modegeschäft „LSTR Adziennie“ unweit der Komarouski-Markthalle. Der linke Arm der jungen Frau ist bandagiert, auch sie wurde am vorletzten Sonntag von Lukaschenkos Sicherheitskräften geschlagen. Der Hit des Ladens sind rot-weiß-rote Flaggen geworden, und das Gefängniswagen-T-Shirt in den offiziellen Landesfarben Grün-Rot mit der Aufschrift „Welcome“ ist gänzlich ausverkauft.

Wie alle Revolutionen braucht auch der weißrussische Volksaufstand Erinnerungsorte und Helden. Zu einem zentralen Punkt in Minsk hat sich die U-Bahn-Haltestelle „Puschkinskaja“ an einer Ausfallstraße nach Westen entwickelt. Hier wurden in der Wahlnacht Barrikaden gebaut. Radikalisierte Demonstranten warfen Molotow-Cocktails auf die Sicherheitskräfte. Bei den Auseinandersetzungen wurde Alexander Tarajkowski getötet. Das Innenministerium ließ tags darauf offiziell mitteilen, Todesursache sei ein in den Händen des Demonstranten explodierter Molotow-Cocktail gewesen. Videoaufnahmen zeigten allerdings, dass der 34-Jährige unbewaffnet und gar am Weggehen war. Seinem Vater wurde es verweigert, die Leiche in Augenschein zu nehmen. Erneut wurde damit klar, dass das Regime nicht nur die Wahlen massiv gefälscht hat.

Die rund fünf Kilometer vom Zentrum entfernte U-Bahn-Station ist inzwischen zu einem Mahnmal der Proteste geworden. Selbst wer an ihnen nicht teilnimmt, kommt hier vorbei und legt Blumen für Tarajkowski nieder. Es kommen Familien mit Kindern, Rentner und viele Angestellte. Eine junge Frau, die gerade je zwei weiße und eine rote Nelke an der schlichten Stelle am Bordstein hingelegt hat, berichtet, sie komme jeden Tag extra hier vorbei. „Ich fühle einen inneren Drang, es ist das Einzige, was ich tun kann“, erklärt sie. Während die Archivarin einer Privatfirma Auskunft gibt, kommen weitere Hauptstädter dazu, es entspinnt sich eine rege Diskussion. Ein junger Mann stellt sich an die mehrspurige Ausfallstraße und zeigt das Siegeszeichen. Sofort erhebt sich ein Hupkonzert. Dann kommt die Polizei. Es handle sich um eine unerlaubte Versammlung von über drei Personen, wird die Gruppe informiert. Die Ordnungshüter sind nett, aber bestimmt. Die Gruppe geht auseinander. Doch kaum sind die beiden Polizisten weg, bildet sich eine neue Kleindemonstration vor den Blumengebinden.

Diese werden jeden Abend weggeräumt. Das Spektakel erinnert an die Kerzen für vom kommunistischen Regime ermordete Arbeiter in Polen vor 1989. „Solidarnosc“-Anhänger hatten sich damals in allen wichtigen Städten solche Gedenkorte auserkoren. Es herrschte ein dauerndes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Doch das unerwünschte Gedenken schuf Solidarität auch unter jenen, die zum aktiveren Widerstand nicht in der Lage waren.

„Jesus liebt Dich“, steht rot auf weißem Grund auf einer Flagge, mit der sich eine Frau im Innenhof der Kirche des Heiligen Rochus umwickelt hat. Die katholische Kirchgemeinde von Minsk hat zum Friedensgebet geladen. Am Eingang stehen zwei Polizisten in Zivil. Die Messe wird vom Minsker Weihbischof Juri Kazabudski zelebriert, und der Kirchenmann findet deutliche Worte, die viele der versammelten Katholiken lange vermisst haben. Das Regime verweigert die Wiedereinreise des Kirchenoberhauptes Tadeusz Kondrusiewicz, der zuvor Gewalt der Sicherheitskräfte kritisiert und Lukaschenko zum Dialog mit der Opposition aufgerufen hatte. „Die Gläubigen sollen eingeschüchtert werden“, kommentiert Kazabudski im persönlichen Gespräch das Aufgebot der Sicherheitskräfte. Es ist keine Klage, sondern eine Feststellung. Viele Teilnehmer der anschließenden Prozession gegen Gewalt nehmen auch an den Demonstrationen teil. Das Gebet helfe gegen die Angst, die ihr stetiger Begleiter sei, sagt eine IT-Fachfrau.

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Geradezu ausgelassen ist derweil die Stimmung im Minsker „Quartier der Solidarität“ in Kamennaja Gora. Das rührige Organisationskomitee hat den bekannten Minsker Rocksänger Pit Palau für ein akustisches Konzert vor dem Transformatorhäuschen gewonnen. Palau trägt mit krächzender Stimme die weißrussischsprachige Revolutionshymne „Drei Schildkröten“ seiner alten Band N.R.M., was so viel bedeutet wie „Unabhängige Republik der Träume“, vor. Die rund 300 versammelten Nachbarn singen mit. Sie singen korrekt, obwohl sie wie fast alle Weißrussen im Alltag nur Russisch sprechen. Kaum ist das Konzert gespielt, raunt Palau dem Reporter ins Ohr: „Und nun bloß weg hier! Ich fürchte Lukaschenkos Rache, ich will nicht Weißrusslands Victor Jara werden.“ Der chilenische Barde starb 1973 beim Militärputsch von General Augusto Pinochet einen grausamen Tod. 

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