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Mir drohte eine Fehlgeburt

Risikoschwangere werden in einem Modellprojekt der Dresdner Uniklinik intensiv betreut. Es rettet kleine und große Leben.

Alles gut gegangen! Janine Laube aus Dresden hält ihr Söhnchen Paul fest im Arm.
Alles gut gegangen! Janine Laube aus Dresden hält ihr Söhnchen Paul fest im Arm. © Ronald Bonß

Satt und zufrieden schläft Paul in den Armen seiner Mutter. Dick eingemummelt macht dem kleinen Dresdner der kühle Wind beim Fotoshooting an der Elbe nichts aus. Seine Mama, Janine Laube, strahlt ohnehin über das ganze Gesicht. Sie ist einfach froh, dass sie ihren Sohn gesund und unter normalen Umständen zur Welt bringen konnte. Denn das, sagt sie, sei alles andere als selbstverständlich gewesen.

Zweimal musste die 36-Jährige Fehlgeburten erleiden, bevor sie 2018 mit Pepe schwanger war, Pauls großem Bruder. „Damals ist festgestellt worden, dass ich eine Gerinnungsstörung habe und mein Thromboserisiko erhöht ist“, sagt Janine Laube. Eine ernst zu nehmende Bedrohung für sie und ihr ungeborenes Kind. Etwa 100.000 Menschen sterben hierzulande pro Jahr an den Folgen der Gefäßverstopfung, hat die Deutsche Gesellschaft für Gefäßmedizin errechnet.

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Bei Janine Laube hat sie das Risiko einer Schwangerschaftsvergiftung erhöht. Ärzte sagen Präeklampsie dazu. Den Blutverdünner, den sie sich während der Schwangerschaft spritzen musste, hatte die Dresdnerin nicht vertragen. Durch das Mittel hatte sie sich müde und abgeschlagen gefühlt, die Leberwerte hatten sich verschlechtert. „Ich wollte darauf verzichten, als ich mit Paul schwanger war“, sagt sie. Wegen dieses Wunsches und ihrer Vorgeschichte überwies die Gynäkologin sie zur Intensivschwangerenberatung an die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Dresdner Uniklinikum. Die Ärztin wusste von einer neuen interdisziplinären Versorgung von Risikoschwangeren.

Frauen wie Janine Laube, denen eine Schwangerschaftsvergiftung droht oder deren Baby im Mutterleib nicht richtig wächst, werden dabei auf dem sogenannten Feto-Neonatalen-Pfad engmaschig und ganzheitlich betreut. Die Idee: Pränatalmediziner und Neonatologen der Klinik sowie niedergelassene Frauenärzte, Kinderärzte und Psychologen betreuen Mutter und Kind gemeinsam und stimmen sich dabei eng miteinander ab. Dadurch, so die Hoffnung, lassen sich gesundheitliche Folgen für Schwangere und ihre Kinder minimieren. Die intensive Umsorgung beginnt, wenn bei der ersten frauenärztlichen Untersuchung in der zehnten Schwangerschaftswoche der Verdacht auf eines der beiden Risiken aufkommt. Bei rund fünf Prozent aller werdenden Mütter besteht diese Gefahr. „Mit dem Projekt können niedergelassene Frauenärzte sensibilisiert werden, auf bestimmte anamnestische Risikofaktoren zu achten. Damit wird auch augenscheinlich unauffälligen Schwangeren ermöglicht, ihr tatsächliches Risiko für eine Präeklampsie oder Wachstumsverzögerung zu ermitteln“, sagt Professor Mario Rüdiger, Direktor des Zentrums für Feto-Neonatale Gesundheit am Uniklinikum Dresden. Dort wird der Vorsorgepfad koordiniert.

Risiko für Mutter und Kind

Verläuft die Schwangerschaft entsprechend auffällig, muss jedes dritte bis vierte Neugeborene nach der Geburt stationär behandelt werden. „Viele davon für mehrere Wochen bis Monate“, erklärt Rüdiger. Doch damit sind die möglichen Konsequenzen der Wachstumsverzögerung noch lange nicht behoben. „Die Kinder haben als Erwachsene ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes“, sagt er. Für die Frau ist die Präeklampsie sogar lebensbedrohlich.

Janine Laube war die Gefahr sehr bewusst. „Ich habe mir viele Gedanken gemacht und hatte Sorge, dass ich das Kind verlieren könnte“, sagt sie. Die monatlichen Untersuchungen in der Uniklinik, die sie zusätzlich zu den normalen Vorsorgeterminen bei ihrer Frauenärztin hatte, gaben ihr mehr Sicherheit. Mit Doppler-Ultraschall kontrollierten die Ärzte dort, ob der Blutfluss zwischen ihr und Paul in ihrem Bauch ausreichte, um das Baby gut zu ernähren. Regelmäßige Termine in der Gerinnungsambulanz halfen dabei, eine Thrombose zu verhindern. Hätte es zu irgendeinem Zeitpunkt einen Hinweis auf eine Gefäßverstopfung gegeben, hätten die Ärzte rechtzeitig handeln können. „Zu wissen, dass dieses Netz gespannt ist, dass ich immer sofort jemanden erreichen kann, der mir hilft, dass ich nicht lange herumtelefonieren und nach einem Facharzt suchen muss, wenn ich ihn brauche, das hat viel mit mir gemacht“, sagt sie. Besonders geholfen haben ihr die Telefonate mit den Psychologen. Denn ein Teil ihrer Schwangerschaft fiel genau in die Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Ihr großer Sohn Pepe durfte nicht in die Kita. Sie musste den quirligen Zweijährigen daheim betreuen. Dazu die Sorge, wie sich eine mögliche Ansteckung auf die Schwangerschaft auswirken könnte. Das war nicht immer leicht. „Aber der Pfad hat gegriffen“, so Laube.

Seit Januar 2020 ist die Betreuung auf dem Feto-Neonatal-Pfad möglich. 200 Frauen haben ihn bereits genutzt. Paul gehört zu den ersten Babys, deren Mütter in der Schwangerschaft so sorgsam betreut wurden. „Für sie wurde dadurch diese besondere Zeit leichter und die Familien konnten sich mit weniger Sorgen auf ihr Baby freuen“, sagt Rainer Striebel, Vorstandchef der AOK Plus. Die Krankenkasse arbeitet wie die Barmer und das Uniklinikum Jena mit den Dresdner Ärzten für den Pfad zusammen. Gemeinsam wollen sie in den kommenden drei Jahren nachweisen, dass mit der engmaschigen, interdisziplinären Betreuung der Risikoschwangeren die Chancen für eine normale Entwicklung ihrer Babys steigen. Das Geld – fünf Millionen Euro – steuert der Bund aus seinem Innovationsfonds bei. Daraus werden alle anfallenden Behandlungskosten bezahlt, auch die individuellen Leistungen, für die Eltern bislang selber aufkommen mussten. Unterstützt wird das Projekt auch von den Kassenärztlichen Vereinigungen und Landesärztekammern in Sachsen und Thüringen.

Ziel ist, die Versorgungsstrukturen auf ganz Deutschland zu übertragen. Die Erfahrungen sollten flächendeckend in die Regelbetreuung Schwangerer einfließen, so Rainer Striebel. „Wenn es gelingt, diese ganzheitliche Herangehensweise in die allgemeine Versorgung zu integrieren, wäre das ein großer Schritt, der Eltern und Kind schon in einer ganz frühen Entwicklungsphase hilft“, sagt Fabian Magerl, Barmer-Chef in Sachsen. Der Freistaat hat bundesweit die geringste Säuglingssterblichkeit.

Kommen Kinder trotz der Betreuung im Vorsorgepfad zu klein oder krank zur Welt, werden sie zunächst medizinisch am Uniklinikum versorgt. Später schließt sich eine intensive Nachbetreuung beim ambulanten Kinderarzt an. Durch die Finanzierung können sich die Ärzte mehr Zeit für die Beratung nehmen.

Jedes 10. Baby kommt zu zeitig

Der Feto-Neonatal-Pfad ist nicht das einzige Pilotprojekt zur besseren Versorgung von Schwangeren und kranken Neugeborenen am Uniklinikum. Zusammen mit der AOK Plus hat die Klinik das Versorgungsnetzwerk „Sichere Geburt“ für Frühchen in Ostsachsen entwickelt. Per Telemedizin unterstützen die Hochschulmediziner die Kinderärzte in den Partnerkliniken Hoyerswerda und Kreischa beispielsweise per Videoschaltung, wenn sie Neugeborene erstversorgen oder nach komplizierten Geburten weiter betreuen. Zehn Prozent der deutschen Babys kommen zu zeitig auf die Welt, ein Prozent sogar vor der 32. Schwangerschaftswoche. Die Kinder wiegen dann gerade einmal 1.500 Gramm. Ohne Intensivversorgung hätten sie keine Chance.

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