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Schießspiele verbieten ist der falsche Weg

Mit Plastikpistolen schießen ist per se nicht gefährlich, sagen Kinderpsychologen – wenn eine Regel eingehalten wird.

Hände hoch, sonst schieß’ ich!
Hände hoch, sonst schieß’ ich! © 123rf

Sie rufen „Peng, Peng“, drücken auf Plastikwaffen ab oder auf einem Stückchen Holz. Das Gegenüber muss umfallen und sich tot stellen – für Kinder ist das ein Heidenspaß. Sie fühlen sich, als hätten sie die Macht über die Menschen um sich herum und jeder höre auf ihr Kommando. Die Eltern sehen das meist anders. Sie finden Waffen furchtbar und das Spiel überhaupt nicht lustig. Sie befürchten, dass es die Tür dafür öffnet, dass aus den Kleinen gewaltbereite Jugendliche werden.

Schießen spielen ist, solange es mit Plastikpistolen oder anderem Spielzeug gespielt wird, per se nicht gefährlich, entwarnen Kinderpsychologen und Erziehungsberater. Denn: „Kinder kompensieren im Spiel das Erlebte und das, was sie beschäftigt“, sagt Kerstin Lüking, Hebamme und siebenfache Mutter. Sie kennt aus eigener Erfahrung, dass Eltern irgendwann mit herumballernden Kindern in Kontakt kommen. Gemeinsam mit der Psychologin Annika Rötters arbeitet sie für die Homepage mutterkutter.de.

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„Kinder sind im Gegensatz zu Erwachsenen nicht dazu in der Lage, die Konsequenzen hypothetisch vollständig durchzudenken“, sagt Rötters. Sie wollten nicht wirklich, dass jemand stirbt. „Sie spielen es vielmehr durch, um den Gedanken daran, zum Beispiel, wenn die Oma gestorben ist, anders zu begreifen und sortieren zu können“, erklärt sie.

Schießen spielen könne für sie verschiedene „Zwecke“ erfüllen. Im Extremfall habe ein Kind etwas Traumatisches erlebt oder gesehen, was es über das Spiel verarbeiten möchte. „Vielleicht hat es aber auch nur einen Onkel, der im Schützenverein aktiv ist oder eine Mutter, die bei der Polizei arbeitet“, so Rötters. Also: Wenn ein Kind ab und zu mit Gegenständen zielt und schießt, dann will es das Gegenüber nicht erlegen und bringt das damit normalerweise auch nicht in eine direkte Verbindung.

Spielend Erlebnisse verarbeiten

Bettina Meisel, Vorsitzende der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten sagt: „Spielen hat für Kinder oft einen Als-Ob-Charakter.“ Dabei nehmen sie im Spiel eine Rolle oder eine Fähigkeit ein, die sie in der Realität nicht haben. Oder sie spielen etwas nach, um es zu verarbeiten. Denkbar sei laut Familientherapeut Peter Thiel aber auch, dass das Kind mit dem Schießen spielen stellvertretend für die Eltern oder einen Elternteil Aggressionen auslebt. „Hierbei würde es sich um eine ungesunde Verantwortungsübernahme handeln“, sagt er.

Es gibt aber auch eine Form des Spiels, bei der Sorgen von Eltern berechtigt sein können: „Nämlich dann, wenn das Kind während des Spiels hasserfüllt auftritt“, sagt Meisel. Dann sollten Eltern hellhörig werden und überlegen, woher dieser Hass kommt. Wenn ein Kind immer nur schießen will und dabei vielleicht sogar seine Mitspieler zu diesem Spiel zwingt, sollte geschaut werden, warum dieses Kind dauernd so voller Aggressionen ist. Der Blick auf das Verhalten sei in den allermeisten Situationen wesentlich wichtiger und wertvoller als ein einfaches Verbot.

„Passiert das Spiel aber nicht verbissen, ohne harte Emotionen und ohne Zwang, dann ist Ballern prinzipiell nichts Schlimmes“, findet Meisel. Also sollten Eltern das Schießen mit Stöcken oder Spielzeugwaffen gar nicht verbieten? „Nun ja, Kinder suchen meist einen Ausweg oder eine Alternative, wenn sie das verboten bekommen, was ihnen Spaß macht“, so Meisel.

Vertrauen statt Verbote

Ähnlich sieht das Psychologin Rötters: „So lange Waffen ein Bestandteil dieser Welt sind, und Kinder in Büchern, Hörspielen und Filmen damit konfrontiert werden, halte ich es nicht für empfehlenswert, ein generelles Spiel-Schießverbot auszusprechen.“ Etwas anders sei das Verbot, mit echten Waffen zu hantieren. Sinnvoll könne sein, Ballerspiele zeitlich und örtlich zu begrenzen. Etwa: „Im Wohnzimmer wird nicht mit Wasserpistolen geschossen.“ Das könne eine Familienregel sein.

„Es ist nie sinnvoll, den Kindern etwas zu verbieten, nur, weil es sich nicht schickt und einem bestimmten Klischee unterliegt. Reden hilft!“, sagt Kerstin Lüking. Dazu zähle, den Kindern zuzuhören, sie ernst zu nehmen und ausreden zu lassen: „Vertrauen in sie zu haben, ist das Beste, was ich als Mutter oder Vater machen kann.“ Das hieße nicht, dass man alles akzeptieren muss. „Aber der Reiz am verpönten Spielzeug verfliegt nur dann, wenn die Kleinen es einfach mal ausprobieren durften.“ Eltern, die ein Problem mit dem Rumgeballere haben, empfiehlt Bettina Meisel, das Spiel auf eine reale Ebene zu ziehen. So könnte man sagen: „Wenn du mich erschießt, bin ich tot und kann dir kein Abendessen mehr machen.“ Das grundsätzliche Verbieten sieht aber auch sie kritisch. „Es besteht die Gefahr, dass sich das Kind in Heimlichkeit übt. Die fatale Folge könnte sein, dass es für seine Eltern irgendwann gar nicht mehr erreichbar ist.“

Annika Rötters bringt noch eine Sichtweise ein: „Für die Entwicklung der Empathiefähigkeit ist es wichtig, dass Kinder im Spiel auch Situationen von ungleichen Machtverhältnissen nachspielen – und sich selbst im Spiel in alle möglichen Rollen begeben.“ In Familien könnten Machtverhältnisse bewusst außer Kraft gesetzt werden, wenn jedes Mitglied eine Wasserpistole bekommt und Wasserschlacht spielt. Kerstin Lüking rät dafür zu klaren Regeln, zum Beispiel, nicht in die Augen zu zielen. Und wer klar äußert, dass er nicht mitspielt, wird auch nicht nass gemacht. Wenn sich jemand nicht an die Regel hält, werden die Pistolen sofort eingesammelt. (dpa)

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