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Unsere Nachbarn schlagen ihre Kinder

Was soll man tun, wenn man mitbekommt, dass Eltern ihre Kinder schlagen? Kinderpsychiater Veit Rößner weiß Rat.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden.
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden. © [M] Matthias Rietschel/SZ

Ich habe mitbekommen, dass ein Paar in unserem Haus seine vier und sechs Jahre alten Kinder schlägt, wenn sie nicht hören. Ich finde das sehr schlimm und weiß nicht, was ich genau tun soll.

Prof. Dr. med. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum:

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Zunächst einmal finde ich es gut, dass Sie auf Kinder in Ihrem Umfeld achten. Gerade in der jetzigen Situation sind Heranwachsende darauf angewiesen, dass wir alle als Gesellschaft genau hinschauen.

Jedes Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Verankert ist dies unter anderem in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Es ist vollkommen inakzeptabel, Kinder zu schlagen, auch wenn dies mitunter auf breitere Zustimmung und das in allen Gesellschaftsschichten stößt, als man denkt. Viele sehen es als akzeptable Erziehungsmethode, ganz nach dem Motto „Uns hat es damals auch nicht geschadet“.

Dabei wissen Eltern, denen so was schnell von den Lippen geht, doch gar nicht, wie viel „gelungener“, sicherer und geborgener sie tatsächlich im Leben stehen würden, wäre ihnen diese Ohnmachtserfahrung in der Kindheit erspart geblieben. Fall-Kontrollstudien sind da ja leider nicht möglich.

Zu Gewalt zählen übrigens der berühmte „Klaps auf den Hintern“ oder „ein paar auf die Finger“ oder die „Backpfeife“, nicht zuletzt aber auch verbale Erniedrigung. Dabei handelt es sich keinesfalls um harmlose Erziehungsmaßnahmen. Vielmehr werden die Kinder auf der Stelle in eine Hilflosigkeit katapultiert, und ihr Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit wird ausgehebelt.

Die Gründe von Elterngewalt sind vielfältig. Manche sind sich des Unrechts bewusst, wenn ihnen die „Hand ausrutscht“, manche verharmlosen, rechtfertigen oder unterstützen körperliche Züchtigung offen oder begründen sie sogar mit „passenden“ Bibelstellen. Hier ist dringend transparente Aufklärung notwendig!

Gleichzeitig entsteht Gewalt zumeist dann, wenn Eltern sich nicht anders zu helfen wissen, sie erschöpft sind oder Handlungen des Kindes als Kränkung gegen sich selbst empfinden. Kinder können in einigen Entwicklungsphasen sehr fordernd, für manche Eltern überfordernd sein. Wenn Stress und Sorgen im Job dazukommen, können sie nach einem Arbeitstag schon mal die Geduld verlieren, wenn das Kind nicht das tut, was es soll. Konflikte in der Beziehung verschärfen die Probleme. Ich bin dennoch überzeugt: Die wenigsten schlagen ihr Kind mit gänzlich reinem Gewissen.

Suchen Sie bitte dringend das Gespräch mit Ihren Nachbarn. Verdeutlichen Sie, dass Schläge inakzeptabel sind und das Vertrauensverhältnis zerstören. Versuchen Sie zu ergründen, warum die Kinder durch Schlagen gezwungen werden, zu „gehorchen“. Bieten Sie Ihre Unterstützung an oder machen Sie auf Hilfsangebote aufmerksam. Bei den Elternkursen des Kinderschutzbundes „Starke Eltern – Starke Kinder“ beispielsweise lernen Eltern, mit konfliktreichen Situationen anders umzugehen. Und sie lernen, dass in der Erziehung das „Gehorchen“ nicht an erster Stelle stehen sollte, sondern ein liebevolles Begleiten der natürlichen Entwicklungsschritte.

Sind die Eltern nicht zugänglich und reagieren abweisend oder gar aggressiv, informieren Sie das Jugendamt. Das ist auch anonym möglich. Genauso wichtig: Haben Sie das Gefühl, die Kinder befinden sich in akuter Gefahr, verständigen Sie die Polizei. In solch einer Situation können Sie nichts falsch machen – außer, wegzusehen.

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Noch eine Bitte direkt an alle Eltern: Sollten Sie aus Überforderung oder Hilflosigkeit nicht weiterwissen, warten Sie nicht zu lange. Holen Sie sich Hilfe, bevor es für Ihr Kind und für Sie als Familie zu spät ist.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

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