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Fehlalarme frustrieren

Die Eigentümer von defekten Brandmeldeanlagen werden zur Kasse gebeten. Das ist fast das einzige Erziehungsmittel.

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© André Braun (Archiv)

Von Natasha G. Allner

Döbeln. Fehlalarme gibt es immer wieder. Sie tauchen in Zeitungsmeldungen, Einsatzberichten und in den sozialen Netzwerken zahlreicher Ortswehren auf. Aber eine klare Statistik zu bekommen, wie viele Fehlalarme es im Landkreis Mittelsachsen wo gegeben hat und welches die Ursachen dafür waren, gestaltet sich schwierig. Dabei wäre es wichtig, nicht nur Ursachenforschung zu betreiben, sondern auch Abhilfe zu schaffen. Denn ein Fehlalarm bindet die Energie der Einsatzkräfte und zerrt an den Nerven. Im Fachkreisen wird sogar von der „Gefahr einer Gewöhnung der alarmierten Personengruppen“ gesprochen. Wodurch eventuell berechtigte Alarme nicht mehr ernst genommen werden könnten, heißt es dort.

Konkrete Analyse nicht zu stemmen

Zum Thema Fehlalarme erklärt der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes Mittelsachsen Ehrenfried Keller: „Es ist derzeit nicht möglich, detailliert auf die insgesamt 470 Fehlalarmierungen im Jahr 2015 im Bereich der Leitstelle Freiberg, einzugehen. Dazu käme noch der Bereich der Leitstelle Grimma, der den Einzugsbereich Döbeln absichert.“ Denn dafür wäre es notwendig, die Einsatzberichte aller Einsatzgruppen in den Ortsfeuerwehren zu analysieren, so der Fachmann weiter. Aber, „es gibt derzeit keine Software, die aus den eingegangenen Meldungen die unterschiedlichsten Abfragen analysieren kann. Dies wäre nur mit erheblichem manuellem Aufwand zu bewerkstelligen.“

Trotzdem versuchte der DA eine Auskunft beim Rettungszweckverband der Versorgungsbereiche Landkreis Leipzig und Region Döbeln (Landkreis Mittelsachsen) zu bekommen. Astrid Tennert erklärte: „Leider können wir Ihnen auch keine genauen Zahlen zu Fehlalarmen im Bereich Mittelsachsen geben.“

Gerald Nepp, Kreisbrandmeister des Landkreises Mittelsachsen), spricht von 215 Feuerwehren im Landkreis, deren Einsätze dafür analysiert werden müssten: „Das kann keiner leisten“. Eine Alarmierung ausgelöst durch einen Brandmelder habe ihre Tücken. Die Übermittlungsstrecke sei technischer Art. „Der Brandmelder in einer Firma schlägt an, gibt Meldung an die zuständige Leitstelle beispielsweise in Grimma. Dort springt ein Computer an und gibt die Information an die zuständige Feuerwehr zurück, welche Firma betroffen ist. So ist es in der Alarmordnung eingepflegt. Die Alarmierung geht in jedem Fall raus. Es gibt kaum Möglichkeiten, im Vorfeld zu prüfen, ob es sich um einen Fehlalarm handelt. Die Kameraden fahren auf jeden Fall hin und stellen vor Ort fest, ob es brennt oder eben nicht.“

Unter dem deutschen Durchschnitt

Handelt es sich um einen Falschalarm wird die Anlage zurückgesetzt und ein Einsatzbericht geschrieben. Laut Nepp handelt es sich bei Alarmierungen durch Brandmelder mehrheitlich um Falschalarme. Im deutschen Durchschnitt fährt jede Mannschaft bei jedem zweiten Einsatz pro Jahr umsonst zum Einsatzort. „Wir liegen darunter“, betont Gerald Nepp. Aber das Thema Fehlalarme sei trotzdem „nicht ohne“, so der mittelsächsische Kreisbrandmeister weiter. Ein besonderes Problem sei die Demoralisierung der Kameraden. Nepp erinnert an Fälle in Freiberg, das durch seine hohe Dichte an Unternehmen und Industriebetrieben zwar ein Spezialfall sei. Trotzdem gäbe es dort Phasen, in den die Feuerwehrleute bis zu dreimal in der Woche ausrückten, oftmals wegen Falschalarmen: „Die haben die Faxen dicke. Da guckt dann nicht nur der Arbeitgeber, sondern auch die Familie irgendwann kritisch.“ In Freiberg schicke man deswegen schon weniger Leute zum Einsatzort, um die Belastung geringer zu halten.

„Bei Firmen mit solchen Anlagen“, sagt Nepp, „hängt immer ein Risiko mit dran“. Manch ein Kamerad fahre gar nicht mehr mit, wenn die Alarmierung über einen Brandmelder eingegangen sei. Der Kreisbrandmeister wünscht sich deshalb, dass nach einem solchen Fehlalarm am nächsten Tag einer zum Chef gehe und sage: „Pass auf, jetzt kann das nicht mehr geleistet werden.“ Der Appell gelte den führenden Köpfen der Firma: Kontrolliert die Anlagen, lasst sie warten.

Jeder Einsatz kostet

Schließlich ist auch ein sogenannter Falschalarmeinsatz kostenpflichtig. Der Verursacher beziehungsweise Eigentümer einer defekten Brandmeldeanlage wird zur Kasse gebeten. Laut Nepp sei dies oft das einzige Erziehungsmittel.

Eine Inspektion der Brandmeldeanlagen erfolgt nach DIN 14675 und DIN VDE 0833-1 / 0833-2, empfohlen ist ein vierteljährlicher Intervall. „Allerdings wird nur die Funktionstüchtigkeit getestet, aber nicht, ob der Alarm falsch ausgelöst wird“, weist Gerald Nepp hin. Das Problem sei nur mit Aufklärungsarbeit zu lösen beziehungsweise mit einer Sensibilisierung im entsprechenden Unternehmen.

Mit einem anderen, wenngleich üblen Sachverhalt hat sich die Feuerwehr in Leisnig herumzuschlagen. Hier scheint sich der Missbrauch des Notrufs zu wiederholen. Jüngst wurde die Feuerwehr zu einem Dachstuhlbrand mit einer vermissten Person (DA berichtete am 1. März) gerufen, der sich als „blinder Alarm“ herausstellte. Ähnliches sei vor zwei Jahren schon einmal passiert. Gegen den Anrufer wurde Anzeige wegen Missbrauchs des Notrufes erstattet. Oft rückten die Kameraden umsonst aus, erklärte Wehrleiter Bernd Starke. Zu zehn Einsätzen pro Jahr fährt die Wehr zusätzlich aufgrund technischer Defekte von Brandmeldeanlagen.

Für Feuerwehrmänner ist eine solche Situation allgemein belastend, denn sie nehmen ihren Job ernst. Im Falle von Leisnig betont Bernd Starke: „Denn ein Brand in der Altstadt wäre wegen der verwinkelten Hinterhöfe brisant.“ Die Ortswehr Ostrau postete zu diesem Thema im Internet folgenden treffenden Spruch: „Mitten in der Nacht, Melder geht, aufgesprungen, angezogen, so halb gelungen, ins Auto gehüpft, Gas gegeben und warum das  alles? ... es geht um Leben!“

Falschalarmierungen ziehen sich leider durch den Kameradenalltag. Sie betreffen aber nicht nur die Großweitzschener und Ostrauer Wehr, sondern auch die Mochauer und weitere. Letztgenannte rückte in der Vergangenheit ebenfalls zu Fehlalarmen aus. Oft ins Gewerbegebiet „Am Fuchsloch“. Ein Einsatz führte auch am 17. Oktober 2015 dorthin. Eine Brandmeldeanlage hatte den Alarm ausgelöst. „Schon auf der Anfahrt wurde bekannt dass, es sich um eine Fehlauslösung handelte. Die Kameraden fuhren dennoch die Einsatzstelle an, kontrollierten die BMA sowie den auslösenden Melder, stellten diese zurück und übergaben sie dem Betreiber“, heißt es auf deren Internetseite: Kurze Zeit später sei der Einsatz beendet gewesen, und „die Feuerwehrleute konnten in Ruhe ihren Frühstückskaffee trinken.“