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Fehlschüsse und Ladehemmung

Die Patronen beim Biathlon wiegen keine drei Gramm. Der falsche Umgang mit ihnen kann aber fatale Folgen haben.

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© Robert Michael

Von Daniel Klein, Oslo

Im Biathlon sind es die Leichtgewichte, dabei hat der falsche Umgang mit ihnen schwerwiegende Folgen. Im günstigsten Fall klappen die Scheiben einfach nicht um, was eine Strafrunde oder Strafminute zur Folge hat. In extrem seltenen Fällen hatte es auch schon gravierende Konsequenzen. Die Patronen sind im Biathlon nicht nur unverzichtbar, sondern auch eine Wissenschaft für sich.

Pro Nation werden in einer Weltcup-Saison etwa 750000 Exemplare benötigt - für Training und Wettkampf.
Pro Nation werden in einer Weltcup-Saison etwa 750000 Exemplare benötigt - für Training und Wettkampf. © Robert Michael

Exakt 2,59 Gramm sind die golden glänzenden Kaliber-22-Patronen leicht, nicht nur die Größe, auch das Gewicht ist genormt. Und doch gibt es Unterschiede. Fast alle WM-Starter vertrauen in Oslo auf Produkte der Firma Lapua, die in Schönebeck nördlich von Magdeburg jährlich rund 200 Millionen Stück produziert. Doch nicht jede Patrone findet in jedem Gewehr genau das Ziel. Deshalb wird im Sommer getestet - in Kältekammern bei null, minus fünf und minus 18 Grad. „Wenn jeder Biathlet perfekt schießen würde, müssten wir diese Tests nicht machen. Aber bei Randtreffern entscheidet die Munition, ob die Scheibe fällt oder nicht“, erklärt Christoph Tolonitz, Leiter Sportservice, der bei Weltmeisterschaften meist Vorort ist.

Rund 750 000 Patronen ordert jede Nation für eine Saison. Die meisten davon werden im Training verschossen. Dort wie auch bei den Wettkämpfen gelten strenge Regeln im Umgang mit der Munition. Die ist in Waffenkammern eingeschlossen, deren Zugang bei Weltcups oder Weltmeisterschaften bewacht wird. Denn was oft vergessen wird: Ein Schuss mit den Leichtgewichten kann gefährlich sein. Dem ehemaligen Altenberger Ricco Groß, der in Oslo die russischen Männer betreut, wurde einmal die Frage gestellt: „Was könnte man mit Ihrem Biathlongewehr erlegen?“ Seine Antwort: „Wenn man nah genug dran ist - alles.“ Auch deshalb sind der kleine Waffenschein und der europäische Feuerwaffenpass Pflicht. Die Patronen verlassen mit einer Geschwindigkeit von 300 Metern pro Sekunde den Gewehrlauf.

Deshalb sind auch die Regeln bei den Rennen so streng. Eine Missachtung wird streng bestraft. Bei der vergangenen WM in Oslo vor 16 Jahren etwa hatte der Norweger Frode Andresen ganz bewusst sein Magazin schon vor dem Start eingeführt, was streng verboten ist, am Schießstand aber einen minimalen Zeitvorteil bringt. Andrea Henkel griff bei der WM 2009 in Pyeongchang dagegen aus Versehen zu einem gefüllten statt einem leeren Magazin. Das Trockentraining in einer Halle war plötzlich keines mehr, als ein Schuss eine Holzwand durchschlug, zum Glück aber niemanden verletzte. Der Irrtum wurde mit einer Disqualifikation beim nächsten Rennen bestraft.

Florian Graf wollte beim Weltcup 2013 in Oberhof sein Gewehr am Schießstand vom Schnee befreien, also pustete er in den Lauf, seine Waffe war jedoch geladen. Seine Entschuldigung und sein Bedauern nach dem Zieleinlauf halfen nichts, auch er wurde disqualifiziert. Es gab auch schon einen Todesfall. 2010 starb ein 15-jähriger Nachwuchs-Biathlet, der von einem Trainingskameraden beim Putzen des Gewehres im Ohr getroffen wurde.

Ladehemmungen sind im Vergleich dazu harmlos, nur ärgerlich, weil sie Zeit kosten. Dass die Hülsen beim Repetieren nicht freiwillig herausfliegen, passiert immer mal wieder. Wie auch dem Wahl-Belgier Michael Rösch bei seinem ersten Anschlag in seinem ersten Einsatz am Sonnabend am Holmenkollen. „Da geht so ein Rennen natürlich gleich richtig gut los“, fand der Altenberger.

›› Dieser Beitrag ist Teil des Spezials „Kleins Kaliber“