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ARD-Serie „Lauchhammer“: Alles so schön schrecklich ostig hier

Der MDR ist stolz auf die Lausitz- Thriller-Serie „Lauchhammer“. Leider sieht „der Osten“ darin aus wie ein West-Klischee aus den Neunzigern.

Von Oliver Reinhard
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Ein Mädchen wird ermordet, die Spur führt zurück in die DDR-Zeit. Davon erzählt in einer halb fiktiven, halb realistischen Lausitz die Serie „Lauchhammer“ jetzt in der ARD-Media
Ein Mädchen wird ermordet, die Spur führt zurück in die DDR-Zeit. Davon erzählt in einer halb fiktiven, halb realistischen Lausitz die Serie „Lauchhammer“ jetzt in der ARD-Media © MDR/HA Kommunikation

Normalerweise ist überwiegend Entspannung angesagt, wenn man sich in die Lausitz begibt, in diese besondere Landschaft aus dichten Wäldern, weiten Ebenen und kleinen Orten, aus Teichen, Seen, renaturierten Tagebauen und immer noch offenen Wunden der Braunkohleindustrie. Die Lausitz im ARD-Sechsteiler „Lauchhammer“ hingegen ist anstrengend und abstoßend. Was einerseits in Ordnung geht, schließlich erzählen Regisseur Till Franzen und seine Autorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zeitz eine schreckliche Geschichte.

Ein Mädchenmord geschieht, die Spuren führen zurück in der Zeit bis hinein in die DDR, mitten in die Familienhistorie eines heimkehrenden Ermittlers. Die ganze Region ist im Auf- und Umbruch, die Kohle bald Vergangenheit, Jobs erodieren, Existenzen brechen weg. Ganze Gegenden werden abgewirtschaftet, viele Menschen sind es schon, in Blüte steht nur der Drogenhandel. Klar, dass es in einer TV-Lausitz, die der Hintergrund für eine solche Geschichte sein soll, nicht aussieht und auch nicht aussehen kann wie sonntags um 20.15 Uhr Südengland im ZDF.

Müssen sich zusammenraufen: Die Ermittler Annalena Gottknecht (Odine Johne) und Maik Briegand (Misel Mticevic).
Müssen sich zusammenraufen: Die Ermittler Annalena Gottknecht (Odine Johne) und Maik Briegand (Misel Mticevic). © MDR/HA Kommunikation

Menschen, Häuser, Orte - alles hier ist verkommen

Ebenso klar: Eine Fiction-Serie ist Märchen, Fantasie, Kunstfreiheit und keinesfalls zu verwechseln mit einer näherungsweise realitätsverpflichteten Dokumentation. Und der soziale Hintergrund der Story ist nun mal hart, rau, ruppig, das Leben an und mit der Kohle kein Ponyhof. Andererseits kann man es aber auch übertreiben mit der szenenbildnerischen Härte, Rauheit und Ruppigkeit. Und das tut sie mächtig gewaltig, die Kooperation von Mitteldeutschem Rundfunk, Radio Berlin Brandenburg, ARD Degeto, Arte und der Produktionsfirma Moovie.

Die Lausitz von „Lauchhammer“ besteht eigentlich nur aus Tagebaulandschaften und Verkommenheit. Alles hier ist Staub und Dreck, die Orte, die Gebäude, die Wohnungen. Die Menschen tragen gerne Namen wie Jennifer, Maik, Dustin und Jackie, haben entweder nichts zu tun oder Zwielichtiges, sie trauern der DDR nach oder sind Klimaaktivisten an der Grenze zur Legalität. Zudem tragen sie meist hässliche Billig-Klamotten, kleben vor Schweiß und haben, so sie Drogies sind, auch noch schlechte Zähne. Sogar die Polizei residiert in einer Kraftwerks-Schaltzentrale, fährt nur Schrottkarren und ist durchwirkt von vierschrötigen Antipathen. Der einzige Wessi ist natürlich Immobilien-Abzocker in Anzug und Cowboystiefeln.

Dustin (Franz Schmidt) ist der Sohn einer Drogensüchtigen. Zum Glück kümmert sich Oma.
Dustin (Franz Schmidt) ist der Sohn einer Drogensüchtigen. Zum Glück kümmert sich Oma. © ARD/MDR

Nach jeder Folge möchte man unter die Dusche springen

Derart keimig ist das Setting dieses reanimierten Ost-Klischee-Sortiments aus den Neunzigern, dass man nach jeder Folge den Drang verspürt, unter die Dusche zu springen. Das liegt am Stilwillen von Regisseur Till Franzen und Kameramann Felix Novo de Oliveira. Er tritt gerade in den ersten beiden Folgen intensiv zutage und ist ästhetisch durchaus reizvoll: das Licht, die erdigen Farbtöne, die Sommergrelle, das Drückende und Bedrückende – stimmig ist das schon. Doch das angestrengt Unbedingte, beinahe Penetrante dieses Willens zur totalen Abgefucktheit wirkt auf Dauer auch enervierend und erzeugt Juckreiz.

Neben Lob gibt es vor allem deswegen auch einige Kritik an „Lauchhammer“. Im Ort selber sorgen sich Menschen um die Außenwirkung dieses Serien-Bildes, der Bürgermeister persönlich fühlte sich zum Hinweis darauf bemüßigt, dass das Film-Lauchhammer und das Echt-Lauchhammer zwei verschiedene Paar Schuhe seien. Der gebürtige Ostberliner Autor und Verleger Tom Müller deutete in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sogar an, diese Serie könnte die Unzufriedenheit „der Ostdeutschen“ bestätigen oder steigern. Was wiederum ein bisschen zu mimimi klingt.

Empathie für die Menschen und Schicksale in der Lausitz

„Sozial-Surrealismus“ nennt Regisseur Franzen seinen Ansatz. Er will Figuren zeigen, deren Biografien mehr Verletzungen aufweisen als an den meisten anderen Orten in Deutschland: „durch das politische System der DDR, in der Krise des Umbruchs nach 1989 und nun wieder durch die schnellen Schritte des Strukturwandels, der das endgültige Ende des Kohleabbaus bedeutet.“ All das deutet „Lauchhammer“ tatsächlich an, ohne es jedoch auszuspielen. Ob er funktioniert, dieser Versuch, per Thrillerserie auf dem dramaturgischen Nebengleis bundesweit Empathie für die Menschen in der Lausitz zu erzeugen?

Sicher nicht, wenn man sie und ihre Region so darstellt wie „Lauchhammer“ das tut. Mag sein, dass ein paar Ossis im Leitungsstab der Produktion die Serie vor ein paar allzu dicke Zonen-Klischees hätten bewahren können. Dass der Sechsteiler aber auch im Getriebe schwächelt, sich immer wieder im Figurengestrüpp verheddert und mit dem Erzählen über weite Strecken nicht so recht vom Fleck kommt, hat garantiert nichts mit Herkunft zu tun.