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Das besondere Jubiläum der MDR-Kultsendung Biwak

Thorsten Kutschke wehrte sich einst gegen die Moderation von Biwak – erfolglos. Jetzt bürstet er weiter gegen den Strich. Ein Interview zum Geburtstag des Magazins.

Mit Biwak unterwegs. Seit 2001 ist Thorsten Kutschke das Gesicht der beliebten MDR-Sendung, hier im Regenwald Boliviens.
Mit Biwak unterwegs. Seit 2001 ist Thorsten Kutschke das Gesicht der beliebten MDR-Sendung, hier im Regenwald Boliviens. © Biwak-Team/Holger Lieberenz

Dresden. Mit 30 haben viele ihren Platz im Leben gefunden. So geht es auch der Biwak-Sendung im MDR-Fernsehen. Seit 2001 moderiert Thorsten Kutschke das Berg- und Outdoor-Magazin. Der 50-jährige Dresdner erzählt im Interview mit Sächsische.de, was sich seit der ersten Sendung am 12. Juli 1991 verändert hat, warum es nicht mehr nur um Klettern in der Sächsischen Schweiz geht und weshalb auch Pannen beim Drehen gezeigt werden.

Thorsten Kutschke, seit wann kennen Sie Biwak?

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Schon lange. Als Kind war jedes Nachtlager im Freien ein Abenteuer. Als Sportredakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten beschäftigten mich die sächsischen Himalaja-Expeditionen. Die TV-Sendung Biwak gehörte da zum Pflichtprogramm. Ab 1998 sah ich das noch intensiver, als ich zum MDR ging.

Wie kommt ein Zeitungsmann zum Fernsehen?

Mit dem Fahrrad. Im Ernst: Mich reizte das Neue. Meine Themen bei der Zeitung blieben regional begrenzt. Obwohl Dynamo Dresden meine Jugendliebe war, fühlte sich die Welt auf dem Trainingsplatz und erst recht nach dem Bundesliga-Absturz auf Dauer eng an. Beim Fernsehen sah ich eine Chance auf einen weiteren Horizont.

Fiel die Umstellung schwer?

Ja. Ich war gewohnt, alleine loszuziehen, um Leute zu befragen oder Ereignisse zu verfolgen. Da gab es aber nur mich, den Notizblock, die Schreibmaschine, später den Rechner. Fernsehen ist dagegen immer Teamarbeit, oft sehr zeitintensiv.

Gab es da schon Kontakt zu Biwak?

Aus der Ferne. Das war damals ein erfolgreiches Format, journalistisch brillant. Horst Mempel machte Biwak als One-Man-Show, wie er selbst sagte. Es gab keinen Grund, daran was zu ändern, bis es ihn mit seiner Vergangenheit erwischte. Es war die Zeit der Stasi-Enthüllungen.

Wie kamen Sie danach ins Spiel?

Durch Zufall. Ich reiste 2001 mit dem damaligen SZ-Sportredakteur Uwe Wicher privat zum Wasa-Lauf. In Lahti war Zwischenstopp zur nordischen Ski-WM. Dort wurde René Sommerfeldt sensationell Vizeweltmeister über 50 Kilometer. Da schnappte ich mir spontan ein ARD-Kamerateam für ein Interview. Das wurde gesendet. So geriet ich in der Biwak-Personalsuche ins Blickfeld, weil ich als Redakteur vor der Kamera auch funktioniert hatte.

War das ein Traumangebot?

Nein. Ich wehrte mich zuerst mit Händen und Füßen. Fernsehen ja, recherchieren, Geschichten finden und denen nachgehen, das war mein Ding – als Filmautor hinter der Kamera! Mich mal vor die Linse stellen zu müssen, war eher ein Albtraum. Aber Kameramänner und Tonleute, die zu den Konzept- und Namensgebern von Biwak gehörten und die Sendung nach dem Mempel-Aus unbedingt retten wollten, ließen nicht locker. Also sagte ich irgendwann: „Okay – ich mach‘s, übergangsweise.“

Wie war der Einstand?

Holprig. Es braucht Zeit, bis Du vor der Kamera keine Rolle mehr spielst, sondern wirklich ungeschminkt Du selbst sein kannst. Das war ein Stück Weg. Aber wir hatten Glück mit den Themen, starteten im Juni 2001 neu mit der Everest-Besteigung des Sachsen Jörg Stingl. Die journalistische Messlatte hing durch Horst Mempel sehr hoch. Auf ihn war die Sendung auch zugeschnitten. Wir wollten aus Mempels Ich ein Wir machen: Mit den Kamera- und Tonleuten, dem gesamten Redaktions-Team. Fast alle sind bei der Stange geblieben. Wir haben uns zu einem verschworenen Haufen zusammengerauft, sieben Leute in der MDR-Stammbesetzung, die bis heute für diese Sendung brennen, schwitzen, schleppen und ihr letztes Hemd geben würden.

Ungewöhnliche Perspektiven sind ein Markenzeichen von Biwak. Moderator Thorsten Kutschke steht dem Salar de Uyuni in Bolivien.
Ungewöhnliche Perspektiven sind ein Markenzeichen von Biwak. Moderator Thorsten Kutschke steht dem Salar de Uyuni in Bolivien. © Biwak-Team/Holger Lieberenz

Horst Mempel hat seine Erinnerungen an die Biwak-Anfänge aufgeschrieben. Sie haben das gelesen, wie wichtig waren diese ersten Jahre?

Ich habe das mit Interesse gelesen. Seine Verdienste um die Gestaltung und Profilierung dieses Nischen-Formats im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Ein brillanter Journalist im Reportage-Genre! Was mich allerdings wundert ist, dass er kein Wort der Wertschätzung über das schöne Thema verliert, dass er so lange beackern durfte, das sächsische Klettern. Und was mich regelrecht wurmt ist das permanente „ich musste“ anstelle von „ich durfte“. Er ist mit dieser Sendung zu einer Kultfigur in der Szene geworden. Aber dass er es bedauerlicherweise nicht schafft, auch nur ein einziges Wort über diejenigen zu verlieren, ohne die er das niemals geschafft hätte und ohne die es Biwak gar nicht geben würde: Die Jungs an der Kamera, am Ton, auch die, die ihn überhaupt eingeführt haben in die Kletterszene und die, die bei der Namensfindung für die Sendung behilflich waren. Biwak ist keine Ein-Mann-Show, und sie war es auch in den 1990er-Jahren nicht. Da hat er einfach leider einmal mehr vergessen, seinen engagierten Wegbegleitern wenigstens „Danke“ zu sagen. Schade.

Wurden Sie mit Horst Mempel verglichen?

Von manchen. Seine journalistischen Fußstapfen waren sehr groß. Ich wusste, dass wir aus seinem langen Schatten erst mal raus mussten. Deshalb versuchten wir auch gar nicht, ihn zu kopieren. Wir wollten eigene Handschriften und Wege finden, um manches anders oder vielleicht sogar besser hinzubekommen.

Welche Änderungen gab es?

Zunächst hat der Sender das bis dahin vergleichsweise üppige Budget korrigiert und aus der Privatproduktion wieder eine MDR-Eigenproduktion gemacht. Die Sendung wurde thematisch auf etwas breitere Füße gestellt, das hatte auch der MDR mit Blick auf schwächelnde Quoten als Marschrichtung ausgegeben. Und wir integrierten uns als Team in einigen Geschichten, wenn es sinnvoll und möglich war. Es war eben kein „Urlaubs-Mitbringsel“ mehr für ein eher symbolisches Honorar, wenn bei Biwak mal jemand auf den Elbrus gestiegen ist zum Beispiel. Das haben wir ganz offensiv immer öfter selbst gemacht, und schon 2002 mit einer MDR-Kamera plus schwitzendem Moderator einen Biwak-Zuschauer auf den höchsten Berg Europas begleitet.

Aber es blieb nicht beim Bergsteigen.

Wir griffen Themen auf, die Bergsteiger seit jeher tun wie Isergebirgslauf, Gleitschirmfliegen, beim Wasalauf starten. Und ich habe versucht, aktiv mitzumachen, soweit ich das konnte bis hin zum Paddeln im Wildwasser. Ich will damit den Akteuren nie Konkurrenz machen. Es soll Zuschauer ermuntern, Neues zu wagen. Ich sehe mich da als Crashtest-Dummy im Sinne von: Wenn der das kann, warum soll ich es nicht auch probieren?

Wird dieses Mitmachen akzeptiert?

Ja. So kommen wir unseren Akteuren näher, sie werden offener. Wenn ich zum Beispiel mit Ines Papert im gefrorenen Wasserfall gemeinsam am Seil in einer Eisschraube hänge, dann erzählt sie mir andere, bewegtere Geschichten als irgendwo auf einer Gartenbank beim Kaffee. Und wir schaffen authentischere Momente vor Ort, als wenn wir nur darüber sprechen, sind glaubwürdig, wenn wir mitschwitzen. Das ist unsere Philosophie, immer angepasst an die Gegebenheiten und das Können. So sind wir 2003 mit zwei Kamerateams und 60 Kilo Gepäck auf die Große Zinne geklettert. Das würden wir wohl heute nicht mehr schaffen, an einem Tag rauf und runter. Wir werden auch nicht jünger. (lacht)

Gibt es Unterstützung aus der Szene?

Wir haben inzwischen viele Kontakte. Da ist ein Netzwerk gewachsen. Frank Meutzner, Thomas Türpe, Helmut Schulze und ein paar jüngere Leute wie Felix Bähr und Alex Hanicke oder die Jungs von der Stativkarawane sind im Biwak-Team längst unverzichtbar. Ohne deren Know-How und akrobatischem Können beim Filmen in der steilen Wand wäre Biwak allerhöchstens halb so spannend.

Was ist das Besondere an Biwak?

Es ist ein cooles und sehr bodenständiges Format, einmalig im deutschen Fernsehen. In Biwak wird alles etwas hemdsärmeliger gemacht. Im Elbsandstein schlumpern aber auch die Typen durch Kamine, kriechen an Rissen hoch, springen von einem Gipfel zum anderen, zwängen sich durch Höhlen. Hier ist es manchmal dreckig, erdig, schräg – so wie die sächsischen und böhmischen Kletterer eben seit jeher sind. Wo findet man solch wunderbare, unverbogene Typen noch, die Ihr Herz auf der Zunge tragen? Und wo sonst sieht man sie noch im Fernsehen?

Sind die sächsischen Kletterer ein besonderer Menschenschlag?

Ja, mein Großvater war Kletterer. So wusste ich früh, dass die Bergsteiger hier sehr speziell sind. Zum einen können viele wesentlich besser über sich selber lachen als andere. Dazu passt ihr wunderbarerer Mutterwitz. Für viele war das Klettern in den 1980er-Jahren auch eine Flucht aus dem DDR-Alltag mit einem gewissen Galgenhumor, was sich in Gipfelbüchern nachlesen lässt. Es ist ein eigenes Völkchen mit großen Traditionen und liebenswert.

Die aber auch anders können.

Natürlich, im Elbsandstein kann es anstrengender sein als in anderen Gebirgen. Durch die strengen Regeln gibt es Traditionalisten, die in Verbänden organisiert sind und Verordnungen auf ihrer Seite wissen. Es kann ein zänkisches Bergvolk sein. Missgunst, Neid und Misstrauen gibt es ebenfalls. Da wurden Ringe abgeflext, oft auch Projekte torpediert, indem geplante Wege zugebaut wurden. Nicht alle klettern und leben hier mit der vielgepriesenen Leichtigkeit und bergsportlichen Kameradschaft.

Im Regen stand das Biwak-Team öfter und hat gelernt, die Technik zu schützen – wie hier im Regenwald von Bolivien.
Im Regen stand das Biwak-Team öfter und hat gelernt, die Technik zu schützen – wie hier im Regenwald von Bolivien. © Biwak-Team/Holger Lieberenz

Neues kam doch aber auch dazu?

Immer wieder. Was bis Anfang der 2000er-Jahre Götz Wiegand, Frank Meutzner, Jörg Stingl, Markus Walter, Thomas Türpe und viele andere bei ihren Expeditionen leisteten, das begeisterte. Das machte stolz in einer Zeit, in der viele Chefs plötzlich bayerisch oder schwäbisch sprachen und das Gefühl aufkam: Können wir denn gar nichts? Umso größer schienen Begeisterung und Spendenbereitschaft zu sein, als Sachsen auf Achttausendern standen. Das passte in die Zeit. Die Faszination für das Draußensein haben viele mitgenommen.

Ist das eine Rückbesinnung auf die Natur, das Natürliche?

Sicher, als ein Gegenpol zur digitalen Welt. Wer ewig vor dem Rechner sitzt, will irgendwann mal wieder die Sonne im Realtempo untergehen sehen. Deshalb lassen wir uns bei Biwak Zeit bei manchen Einstellungen, damit die Natur wirken kann. Da geht die Sonne bei uns eine halbe Minute lang am Falkenstein unter und nicht schon nach wenigen Sekunden, wie sonst im Fernsehen üblich. Dabei überlegen wir uns genau, was wir zeigen, weil inzwischen die Sächsische Schweiz aus allen Nähten platzt. Corona verschärfte diesen Trend.

Biwak hat sich verändert. Wie kommt das an?

Mitunter hören wir: Reist nicht so viel durch die Welt, zeigt mehr Sächsische Schweiz wie früher. Ich habe mal im Archiv nachgezählt. Seit 1991 gab es über 750 Beiträge, die sich um die Sächsische Schweiz drehten. Für den Nationalpark dürfte das eine enorme Quote sein. Es wird zunehmend schwierig, dort Geschichten zu finden, die etwas Neues bieten. Leider wachsen keine Felsen nach. Andererseits bekommen wir sehr viel Zustimmung von Zuschauern, wenn wir das Fernweh der Sachsen bedienen, wenn sie in aller Welt aktiv sind oder sich auf Vorwende-Ziele besinnen wie Tatra, Rila, Pirin. Es ist zeitgemäß, dass viele aus der Komfortzone raus wollen, ihre Grenzen ausloten möchten, egal wie alt sie sind.

Wie sind Ihre Zuschauer-Quoten?

Die thematische Öffnung und der lukrative Sendeplatz 19.50 Uhr waren für die Reichweite und Akzeptanz ein Segen: Aus 100.000 Zuschauern pro Sendung Ende der 1990er Jahre haben wir eine halbe Million gemacht. Als reines Felskletterer-Format wie einst würde es Biwak heute nicht mehr geben. Wir bürsten aber weiter konsequent gegen den Mainstream-Strich. Bei uns darf auch mal was schiefgehen. Jeder weiß, der selbst draußen Abenteuer sucht, dass es nie so glatt läuft wie geplant. Deshalb verzichten wir meist auf Drehbücher, weil wir wissen: Irgendwas Unvorhergesehenes passiert immer. Das zeigen wir dann auch, selbst wenn wir im Bach landen. Und wir müssen nicht jedes Wort, jeden Fluch unterwegs auf die Goldwaage legen. Das macht Biwak authentisch und spontan. Offenbar mögen die Zuschauer solch ungeschminkt-ehrliches Fernsehen.

Gibt es zum Jubiläum Ausgefallenes zu sehen?

Wir erinnern am Montag bei Biwak in der Jubiläumssendung an einen wirklich skurrilen Kracher aus den Anfangsjahren. Ab und zu werfen wir dann in der Woche noch einen Blick in den Rückspiegel, alles eingebunden in neue, frische und diesmal mit Blick auf die Sächsische Schweiz auch kritische Themen.

Planen Sie besondere Projekte?

Es gibt Ideen. Sibirische Felsen im Winter wären ein Projekt, konkret ist noch nichts. Wir beschäftigen uns demnächst ganz bestimmt auch intensiver mit der Böhmischen Schweiz. An Ideen mangelt es nicht, entscheidend bleibt, dass man richtig gute Typen in den Geschichten hat. Dann ist es fast egal, wo man unterwegs ist. Vor der Haustür kann es sehr schön sein, Hauptsache man ist draußen. Bei aller Planerei und tollen Ideen müssen wir auch zunehmend sparsamer mit Gebührengeldern umgehen.

Sind Sie selbst geklettert?

In jungen Jahren habe ich als „Mutprobe“ mal den Lok-Überfall machen dürfen, bin später mal bis 7c, 8a im Nachstieg geklettert. Also nix Dolles. Momentan ist es etwas schwierig und unbefriedigend: Nach einer Sprunggelenksverletzung und Schulter-OP merke ich, dass Selbstvertrauen und Sicherheit in der Vertikalen arg gelitten haben. Aber ich arbeite dran.

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Ich werde im September, wenn es Corona zulässt, eine Vulkan-Trekkingtour auf Kamtschatka leiten. Außerdem bin ich oft in Island. Da unser Neuankömmling in der Familie kirgisische Wurzeln hat durch seine Mutter, werden wir künftig auch viel Zeit in Kirgistan verbringen. Mal sehen, wie sich unser Nachwuchs entwickelt, vielleicht kommt irgendwann – erstmals seit 1977 – auch wieder ein Strandurlaub in Binz dazu (lacht). Aber ansonsten geht´s – wann immer es geht – natürlich weiter in die Berge!

TV-Tipp: Der MDR feiert das Biwak-Jubiläum in dieser Woche mit der fünfteiligen Serie „30 Jahre Abenteuer – zwischen Sandstein und 8.000ern“– jeweils um 19.50 Uhr.

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