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Darum ist die Serie "Deutsches Haus" über den Auschwitz-Prozess so gut

Ein deutsch-polnischer TV-Mehrteiler zeigt, wie Juristen vor 60 Jahren erstmals beweisen konnten, dass es den Holocaust tatsächlich gegeben hat.

Von Oliver Reinhard
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Setzt der Serie ein Glanzlicht auf: Iris Berben als Auschwitz-Überlebende Rachel Cohen, eine Zeugin der Anklage im Frankfurter Prozess von 1963.
Setzt der Serie ein Glanzlicht auf: Iris Berben als Auschwitz-Überlebende Rachel Cohen, eine Zeugin der Anklage im Frankfurter Prozess von 1963. © Foto: Krzysztof Wiktor/Disney+

Fehler passieren. Erst recht, wenn man so nervös ist wie Eva vor ihrem ersten Job als Dolmetscherin für Polnisch. Sie springt ein für irgendwelche Juristen bei irgendeinem Prozess, mehr weiß sie nicht; keine Zeit zur Vorbereitung. So sitzt sie im Gerichtssaal und übersetzt die Aussage irgendeines Zeugen aus Polen. Der berichtet von Gästen in einer Herberge, die erleuchtet wurden. Erleuchtet? Eva schlägt im Wörterbuch nach. Ah: „erstickt“ wäre die genaue Übersetzung. Und ja, richtig muss es statt „Gäste“ auch „Gefangene“ heißen und nicht „Herberge“, sondern „Block“.

Als Eva Bruhns in der TV-Serie „Deutsches Haus“ Stunden später das Gericht verlässt, ist ihr altes Leben vorbei. Aus dem Backfisch, der kurz zuvor im besten Kleid den schwerreichen Verlobten empfangen hat, ist eine verwirrte und erschütterte junge Frau geworden. Zum ersten Mal hat sie vom deutschen Massenmord gehört, vom Holocaust, begangen an Millionen Menschen. Das Verfahren, dessen Teil Eva bleiben wird und umgekehrt, ist der erste Frankfurter Auschwitzprozess, der 1963 beginnt, ein Meilenstein nicht nur der deutschen Rechtsgeschichte.

Eine Generation will vergessen und verdrängen

Zwar hat es vorher schon Verfahren gegen NS-Kriegsverbrecher gegeben, doch die mit braunen Altlasten durchsetzte Justiz der Bundesrepublik hat eine wirkliche Aufarbeitung ausgebremst bis verhindert. Nun aber, 18 Jahre nach Kriegsende, wird die industrielle Menschenmassenvernichtung erstmals dokumentiert und zweifelsfrei nachgewiesen. Zum Unwillen vieler Deutscher, die es sich im Wirtschaftswunder gerade erst endlich gemütlich machen können nach all den Entbehrungen von Kriegs- und Nachkriegszeit und lieber weiterhin vergessen und verdrängen wollen, was ebenfalls viel Platz hat in der Serie.

Dem Fünfteiler von Autorin Annette Hess ist viel Skepsis entgegengebracht worden. Schließlich ist „Auschwitz“ die Chiffre schlechthin für das größte Menschheitsverbrechen aller Zeiten und entsprechend hoch das Risiko, die Verantwortung. Zumal in einer TV-Serie, zumal von Disney; beides suggeriert eine gewisse Leichtgewichtigkeit, wenn auch längst zu Unrecht.

Katharina Stark (M.) schafft Erstaunliches als Dolmetscherin Eva Bruhns im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess.
Katharina Stark (M.) schafft Erstaunliches als Dolmetscherin Eva Bruhns im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess. © Disney+

Von „Kudamm ’56“ und „Weissensee“ nach Auschwitz

Doch Annette Hess und deren Serien „Kudamm ’56“ sowie noch mehr „Weissensee“ mit ihren komplexen Charakterstudien aus Westberliner- und DDR-Zeit standen gegen jene Skepsis. Man mag sich sogar verwundert die Augen reiben, so rundum gut ist „Deutsches Haus“ geworden – trefflich symbolschwanger benannt nach der Gaststätte von Evas Eltern –, dass die Schwächen kaum ins Gewicht fallen.

Es liegt an Annette Hess’ Drehbuch und nicht zu knapp daran, dass die Geschichte und deren Geschichten bei den Regisseurinnen Isa Prahl und Randa Chahoud sowie bei Produzentin Sabine de Mardt in besten Händen lag. Was interessanterweise oft der Fall ist, wenn sich endlich auch Frauenteams Themen nähern, die für sehr lange Zeit als reine Männersachen galten.

Evas Eltern (Anke Engelke und Hans-Jochen Wagner) wollen am liebsten nicht mehr über Auschwitz reden. "Ich war nur Koch", verteidigt sich der Vater, und: "Es war die beste Zeit unseres Lebens."
Evas Eltern (Anke Engelke und Hans-Jochen Wagner) wollen am liebsten nicht mehr über Auschwitz reden. "Ich war nur Koch", verteidigt sich der Vater, und: "Es war die beste Zeit unseres Lebens." © Disney+

Quälend langes Verlesen der Anklagepunkte

Manchmal wagen Prahl und Chahoud sogar völlig Außergewöhnliches, was öffentlich-rechtliche Redaktionen wohl niemals zulassen würden: Quälend langsam, aus extrem naher Seitenperspektive verliest ein Jurist die Anklagepunkte, minutenlang, mit stockender, trocknender Stimme – ohne Schnitt, ohne Kamerablickwechsel, ohne irgendwas.

Später, beim Ortstermin des Gerichts in Auschwitz, wird auch die Schweigeminute an der berüchtigten Schwarzen Wand bis auf die Sekunde durchgehalten. Über weite Strecken wechselt „Deutsches Haus“ zwischen Gerichts- und Gesellschaftsdrama hin und her. Identifikationsfigur bleibt Dolmetscherin Eva Bruhns, eine Aufgabe, die die junge Katharina Stark erstaunlich souverän und glaubwürdig meistert.

Im Prozess war es schwierig, den Tätern ihre Taten nachzuweisen. Doch unter anderem Lagerarzt Wilhelm Bogner (Heiner Lauterbach) wurde des mehrfachen Mordes schuldig gesprochen.
Im Prozess war es schwierig, den Tätern ihre Taten nachzuweisen. Doch unter anderem Lagerarzt Wilhelm Bogner (Heiner Lauterbach) wurde des mehrfachen Mordes schuldig gesprochen. © Disney+

Die eigenen Eltern haben in Auschwitz gearbeitet

Was umso herausfordernder ist, als Annette Hess nichts weniger um den Prozess herum zeichnet als ein bundesrepublikanisches Gesellschaftsbild jener Zeit. Für „Eva“ bedeutet das wiederum, dass die Figur einiges schultern und in ihrem Schicksal widerspiegeln muss, was „typisch“ für „damals“ ist, ohne dabei zur reinen inhaltlich-didaktischen Projektionsfläche zu verkommen.

Das gelingt im Zusammenspiel mit einem großteils großartigen Ensemble. Annegret Bruhns (Ricarda Seifried) will wie deren Eltern nichts von „damals“ wissen, obwohl sie älter ist als ihre Schwester Eva und mehr mitbekommen hat von Auschwitz, wo die Familie gelebt und der Vater (Hans-Jochen Wagner) gearbeitet hat, „aber nur als Koch“, wie er beteuert.

Eva Bruhns vor der Gaststätte ihrer Eltern, die der Serie ihren Namen gibt.
Eva Bruhns vor der Gaststätte ihrer Eltern, die der Serie ihren Namen gibt. © Disney+

Nie wurde die Alt-BRD-Gesellschaft derart „kaputt“ gezeigt

Einen Höhepunkt der Serie steuert Anke Engelke bei als Gattin und Mutter Bruhns: Vor Gericht muss sie zugeben, dass sie einen der Hauptangeklagten, den sadistischen KZ-Mediziner Wilhelm Bogner (Heiner Lauterbach) sogar denunziert hat, als der sich einmal systemkritisch geäußert hat. Auch sie steht weiter zu ihrem Tun. „Alles andere hätte uns das Leben kosten können“, verteidigt der Vater die Gattin und sich; ein selbstbetrügerischer Klassiker.

Noch nie wurde die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft derart schonungslos traumatisiert und „kaputt“ gezeigt wie hier. Erst recht kein Thema war, dass zu den Altnazis und sonstigen Unverbesserlichen sehr viele Frauen zählten. Auch in "deutsches Haus" übertragen sich die Verwerfungen auf die Kindergeneration. Evas Verlobter Jürgen (Thomas Prenn) gehört zu den psychisch Lädierten. Dass er ihr das Arbeiten erfolgreich verbietet, ist indes eine der kleinen Schwächen der Serie, die manchmal wie hier zu viel will: So etwas konnten Ehemänner untersagen, nicht Verlobte.

Auch ihr Verlobter Jürgen (Thomas Prenn) ist ein Opfer der Vergangenheit. Das merkt Eva jedoch erst spät.
Auch ihr Verlobter Jürgen (Thomas Prenn) ist ein Opfer der Vergangenheit. Das merkt Eva jedoch erst spät. © Disney+

Henry Hübchen als Millionär und Ex-Kommunist

Ebenfalls sperrig wirkt die Rolle des Mannes, in den Eva sich verliebt: Die jüdischen Eltern von Gerichtsreferendar David Miller (Aaron Altaras) konnten aus dem Deutschen Reich flüchten, doch eben deshalb plagen David Schuldgefühle. So wichtig die Figur als Perspektivenlieferant für den jüdischen Blick auf den Prozess und die Geschichte bleibt, so herbeikonstruiert wirkt sie auch.

Letzteres gilt ebenso für jene Zeugin, deren Bekanntschaft Eva massiv beeinflusst, doch Iris Berben gibt jener Holocaust-Überlebenden namens Rachel Cohen eine Tiefe, die den Opfern ansonsten fehlen würde. Ein noch größerer Coup ist Annette Hess’ kunstvollste Erfindung, Millionär Walther Schoormann, Vater von Evas Bräutigam Jürgen, einstiger Kommunist und dafür jahrelang in NS-Haft gewesen.

Allein im Konzentrationslager Auschwitz wurden während des Zweiten Weltkriegs bis zu 1,5 Millionen Menschen fabrikmäßig ermordet. Die genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt.
Allein im Konzentrationslager Auschwitz wurden während des Zweiten Weltkriegs bis zu 1,5 Millionen Menschen fabrikmäßig ermordet. Die genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt. © Robert Michael/dpa

Alle wollen vergessen - einer muss es, gegen seinen Willen

Diese Figur und das, was Henry Hübchen daraus macht, setzen „Deutsches Haus“ ein weiteres Glanzlicht auf: Wo fast alle um ihn herum vergessen wollen, ist Schoormann senior der Einzige, der vergessen muss, gegen seinen Willen – weil die Demenz ihm keine Wahl lässt. Ein genialer Einfall. Inzwischen ist es erneut so weit, dass viele Menschen nichts Näheres mehr wissen über den Holocaust, erst recht nicht über die Anfänge der bundesrepublikanischen Aufarbeitung.

Auch in dieser Hinsicht ist „Deutsches Haus“ mit seiner Protagonistin Eva eine geeignete Identifikationsfigur, deren glaubhafte Unbefangenheit jene Befangenheit, die dieses Thema nun mal mit sich bringt, ein wenig erträglicher macht, ohne sich ihrer zu entledigen. Dass die Serie als deutsch-polnische Koproduktion entstand, darf in mehrerlei Hinsicht als Glücksfall empfunden werden.

Auch der Schlüsselsatz fällt auf Polnisch, als Eva einen Überlebenden um Verzeihung bittet. „Was will sie?“, fragt dessen Frau. Seine Antwort: „Trost. Sie wollen, dass wir sie trösten.“

„Deutsches Haus“ ist erhältlich bei Disney+