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Das war das MDR-Fernsehballett

Noch einmal eine glamouröse Show und Stars garnieren – nach 58 Jahren endete das Fernsehballett. Dabei sollte es zur Weltmarke wie „Riverdance“ werden.

Das Ballett des Fernsehens der DDR in "Ein Kessel Buntes", aufgenommen 1989.
Das Ballett des Fernsehens der DDR in "Ein Kessel Buntes", aufgenommen 1989. © dpa-Zentralbild

Von Bernd Klempnow

Lange Beine für einen langen Abend. Wenn die Tänzerinnen des Fernsehballetts ihre Beine hochwerfen, extrem hoch, präzise und synchron, dann hat das etwas Magisches. Nur zwei, drei Girlreihen in der Welt können das, um dann beim Cancan noch jauchzend auf dem Boden zu landen, im Spagat natürlich. Mit dieser Kunst brachten sie noch jeden Saal zum Kochen – sogar die Semperoper in der Inszenierung der „Lustigen Witwe“. Am vergangenen Sonnabend war diese Kunst ein letztes Mal gefragt. Der MDR zeigte ab 20.15 Uhr eine unlängst aufgezeichnete TV-Show – 130 Minuten nahm das Deutsche Fernsehballett Abschied. Das 1962 fürs DDR-Fernsehen gegründete Ensemble wird aufgelöst.

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Tänzerinnen des MDR-Fernsehballett bei Dreharbeiten zur TV-Produktion "Alles Balletti.
Tänzerinnen des MDR-Fernsehballett bei Dreharbeiten zur TV-Produktion "Alles Balletti. © dpa-Zentralbild

„Man muss der Realität ins Auge sehen. Die Zeiten der großen Shows im Fernsehen mit Ballett sind vorbei“, sagt der Geschäftsführer Peter Wolf. Bis auf den MDR seien die anderen Sender nicht mehr bereit gewesen, für das Ensemble zu zahlen. Er hatte 2012 das Ballett vom MDR, einer Berliner Agentur und einer Beteiligungsgesellschaft, deren Mehrgesellschafter neun katholische Bistümer waren, in Privatregie übernommen. Er sah in ihm das „Potenzial für eine Weltmarke“ wie „Riverdance“. Mit innovativen Choreografen und Designern wollte er ein erotisches und glamouröses Spektakel entwickeln, das international Standards setzt. Ein Jahr später verkündete er das erste Mal das Aus. Ob er diesmal seine Truppe wirklich schließt?

Schade wär’s, denn die 32 Tänzerinnen und Tänzer aus 18 Nationen sind eine tolle Truppe. Sie können klassisch Spitze, rocken umwerfend zu Welthits von Lady Gaga & Co., sie sind im Stepptanz, Cancan wie Hip-Hop perfekt. Freilich ist es auch das letzte Ensemble seiner Art, denn TV-Ballette sind Institutionen einer anderen Zeit. Sie entstanden für die großen Musikshows, die in den 60er- und 70er-Jahren populär waren. Die Ballette von ARD und ZDF wurden deshalb in den 80ern aufgelöst. Das vom DDR-Fernsehen, ohne das Shows wie „Ein Kessel Buntes“ undenkbar waren, überlebte: weil es ein anderes Profil mit eben auch exzellenten Eigenproduktionen hatte und vom Publikum geliebt wurde. Kostüme und Musik waren meist exotisch. Die temporeichen, oft witzigen, zuweilen aufreizenden Choreografien stammten von Meistern mit überbordender Fantasie und waren TV-spezifisch arrangiert. Das Magazin „Der Spiegel“ schwärmte von „der schönsten Altlast der DDR“.

Susan und Emöke: Das Tanzduo des Fernsehballetts.
Susan und Emöke: Das Tanzduo des Fernsehballetts. © dpa-Zentralbild

Freilich wurde das Ensemble nach der Wende von Sendern wie dem MDR in eher volkstümlichen Shows eingesetzt. Die Tänzer, jung und sexy, hatten vor allem Künstler zu garnieren, statt Vielseitigkeit und Können zu zeigen. Das sorgte für den etwas faden Ruf.Auch in der Sonnabend-Show droht dies bei Gästen wie Entertainer Ross Antony, Geiger David Garrett oder Schlagersängerin Michelle. Emöke Pöstenyi, einst Solistin, Choreografin und Chefin des Ensembles, benennt das Dilemma: „Wenn man einem tollen Ballett nicht die Wertschätzung eines Stars schenkt und es in einer großen, zeitgemäßen Sendung präsentiert, dann wird oder bleibt es auch kein Star.“

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