merken
PLUS Feuilleton

Warum der MDR zwischen die Fronten gerät

Der MDR steht für Nostalgie. Dafür greift er immer wieder auf die Vergangenheit zurück. Doch, stimmt das so? Ein Teil unserer Serie "Was nun, ARD & ZDF?"

© MDR/HA Kommunikation

Von Heiko Hilker

Der ganze Osten soll es sein: Im Oktober 2021 will der Mitteldeutsche Rundfunk „ein wissenschaftlich fundiertes Genrebild über die Menschen in Ostdeutschland“ starten. Man plant, sich mit einem Online-Projekt und einer „Event-Doku“ auf die Spur zu begeben und danach zu fragen, was den Osten anders macht. Wird der MDR auch danach fragen, was ihn anders als andere ARD-Anstalten gemacht hat und immer noch macht? Und wie er wurde, was er ist?

Es war einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik, wie ein Mehr-Länder-Sender in weniger als einem Jahr gegründet wurde. In kürzester Zeit verhandelte man einen Staatsvertrag, schuf Gremien, berief Direktoren. Insbesondere die sächsische CDU achtete darauf, dass mit dem Mitteldeutschen Rundfunk ein „absoluter Neuanfang gesetzt werden“ müsse, der mit Ostdeutschen in den Führungspositionen nicht zu machen sei. Wer in der DDR Verantwortung gehabt hatte, auch in den Medien, galt von vornherein als belastet und links. Um in der ARD mithalten zu können, brauche man Professionalität und Kompetenz, die man nur als westdeutsche Rundfunkmacher habe gewinnen können, so der Glaube damals.

Zoo Dresden
Tierisch was erleben
Tierisch was erleben

Welche spannenden Neuigkeiten gibt es bei Pinguin, Elefant und Co.? Wer wird Tier des Monats? Hier können Sie abstimmen und erfahren mehr über die tierischen Bewohner des Zoo Dresden.

Journalistinnen und Journalisten, die 1989 und 1990 erlebt hatten, was journalistische Freiheiten sind und dass Journalismus gesellschaftlich relevant und vom Publikum anerkannt sein kann, durften Programme mit aufbauen. Es wurden Redaktionen geschaffen, provisorisch Studios eingerichtet und Sendezentralen eingerichtet. Dann, um Mitternacht vom 31. Dezember 1991 zum 1. Januar 1992, ging man auf Sendung, mit einem Fernsehprogramm und sieben Hörfunkprogrammen.

Investigatives ist selten

Seinen besonderen Ruf, der bis heute nachhallt, erarbeitete sich der MDR vor allem über sein Fernsehprogramm. Als zu Jahresbeginn 1992 die Quoten zusammenbrachen, griff man auf beliebte DDR-Sendungen zurück. Jahrelang galt der MDR als „Schunkelsender“, der die auf dem Abstieg befindliche Volksmusik am Leben hielt. Große journalistische Leistungen hingegen wurden vermisst. Der entschlossene Durchgriff der Regierungen auf das Programm schien normal zu sein.

Zudem war der MDR immer wieder von großen und kleinen Skandalen betroffen. Doch war dies „typisch ostdeutsch“? Gab es das nicht auch in anderen ARD-Anstalten und beim ZDF? Der MDR existiert nicht losgelöst für sich. So steuerte er über 140 Millionen Euro – gut ein Fünftel seines Etats – für das Erste und die über 50 Gemeinschaftseinrichtungen bei, darunter den KIKA. Ihm ist per Staatsvertrag vorgegeben, dass er ein Fernsehprogramm und mindestens fünf Radioprogramme anbieten muss. Er hat über 2.000 feste und 1.400 fest-freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach Tarifverträgen zu bezahlen sind. Laut Staatsvertrag müssen eine Programmdirektion in Halle, die Werbegesellschaft in Erfurt und die Zentralbereiche in Leipzig sitzen. Im 43-köpfigen Rundfunkrat, der Intendanten und Direktoren mit bestellt, sind auch Parteien und Regierungen, aber ebenso 31 weitere Organisationen vertreten. Dies muss jeder berücksichtigen, der Reformen im Sender vorantreiben will.

Der MDR hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass er technisch versiert, journalistisch investigativ und programmlich innovativ sein sowie ressourcenschonend produzieren kann. Trotz extrem kurzer Vorbereitungszeit lief die Übertragung von den Olympischen Winterspielen 2018 weitgehend reibungslos. Die Live-Berichterstattung von verschiedenen Sportarten aus dem Sendegebiet ist umfangreich, Investigatives aus dem Bereich jedoch eine Seltenheit. Die schon totgeschriebene Volksmusik wurde als Event für die ganze Familie, bei der sich drei Generationen treffen, reformiert.

Allerdings nimmt die Eintönigkeit zu. Mit seinen Event-Serien wie dem Langläufer „In aller Freundschaft“ und Filmen spielt der MDR zweifellos in der ersten Reihe der ARD-Fiction mit. Sicher hat ein Melodram den Gesetzen des Films zu folgen, doch gerade wenn es historische Stoffe behandelt, sollte es historisch genau sein. Das aber ist nicht immer der Fall. Auch baute der MDR über Jahre das Dokumentarische aus, allerdings werden zu viele Stoffe den engen Vorgaben des Formats unterworfen. Und: Manches, das qualitativ herausragend ist oder sogar fast einzigartig, könnte früher statt spätabends im Programm laufen. Nicht zuletzt die Kurzfilme, die kein anderer Sender außer Arte so stark im Programm hat.

Kein Drittes sendet so früh

Die „Königsdisziplin“, der investigative Journalismus, wurde in den letzten zehn Jahren ebenfalls stark vorangetrieben, der MDR recherchiert Hintergründe, gibt Studien in Auftrag und hebt damit hoch relevante Themen ins Programm. Ganze Serien gehen den Fragen nach „Wer beherrscht den Osten?“ oder „Wem gehört der Osten?“. Doch oftmals vermisst man die gewonnenen Erkenntnisse in der Tagesberichterstattung. Die Politmagazine Fakt und exakt reagieren schnell auf politische Ereignisse, doch ein Teil der Beiträge ist zu oberflächlich.

Viele Inhalte finden sich auch in den Radioprogrammen wieder. Dagegen spricht nichts. Doch was bedeutet es für die Demokratie, wenn die Nachrichten, für fast alle Angebote zentral produziert, im Radio nur kürzer werden? Darf der MDR bei den Hörspielen und Features sparen und etwa die selbst produzierten Kalenderblätter reduzieren, wenn es doch eine spezifische ostdeutsche Praxis gibt? Es wäre gerade Aufgabe des MDR, dieser Tradition gerecht zu werden und sie zu erhalten.

34 Millionen Euro haben die zentralen Radioprogramme zur Verfügung, das Fernsehen liegt bei fast 130 Millionen. Allein für das Onlineangebot sollen 2021 über 32 Millionen Euro eingesetzt werden. Hat der MDR das Radio schon abgeschrieben? Wird online nicht Geld verpulvert? Bisher gibt es hier keine „differenzierte Rückführungsstrategie“. Das meint: Zielgruppen auf Drittplattformen ansprechen und so bedienen, dass sie wieder auf die eigenen Plattformen und Kanäle kommen. Bisher macht man vor allem Konkurrenten stark.

Überhaupt sendet der MDR sehr umfangreich. Ein Onlineangebot, zehn Radioprogramme, elf Webchanel, über 130 Angebote in den sozialen Netzwerken sowie ein Fernsehprogramm, das schon um 11 Uhr mit einem Ländermagazin beginnt. Kein anderes Drittes geht so früh auf Sendung. Sieben Stunden Live-Programm sind keine Seltenheit. Das ist viel, offensichtlich für manche Redaktionen zu viel. Zu viele sind im Tagesbetrieb mit aktuellen Aufgaben gefesselt. Es wird oft nur abgebildet, nicht journalistisch eingeordnet. Zu hoher Arbeitsdruck erhöht wiederum die Gefahr, der PR von Politik, Wirtschaft und anderen auf den Leim zu gehen. Es fehlen Fachredakteure, die Entwicklungen schnell und präzise einordnen können. Der Kommentar, eine wesentliche journalistische Disziplin, findet im MDR viel zu wenig statt.

Demokratie wird gerade in der Region wahrgenommen. Hier kann sie ihren Ruf gewinnen – oder auch verlieren. Da muss der MDR viel stärker berichten, in Lücken springen, die andere Medien aufreißen.

Für all das braucht man Personal. Doch der MDR soll in jedem Jahr zehn Personalstellen abbauen. So will es die Politik. Die will auch, dass der MDR transparent ist, die hiesigen Produktionsfirmen unterstützt und für mehr Präsenz Sachsen, Sachsen-Anhalts und Thüringens im Ersten sorgt. Aber in der Medienpolitik findet man keinen gemeinsamen Kurs.

Viele zerren am Heimatsender

Sicher, der MDR kann dem Publikum den Dialog anbieten. Doch nicht jede Kommentarmöglichkeit ist sinnvoll. Anders ist es, wenn „Hörer Programm machen“ oder über „MDR fragt“ versucht wird, die Stimmung von über 40.000 Menschen einzufangen. Wird der MDR dann, in einem nächsten Schritt, Bertolt Brechts „Radiotheorie“ entsprechend versuchen, „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen“?

Viele zerren am MDR. Dort will man möglichst vielen dieser Ansprüche gerecht werden. Doch das sind angesichts der Rahmenbedingungen oftmals zu viele. Die Möglichkeiten des MDR von Fernsehen bis Social Media sind fast unbegrenzt. Jetzt geht es darum, die Frage zu klären, ob das Budget auch wirklich optimal genutzt wird – auch was die Qualität der Resultate anbelangt.

Unser Autor ist 54 und seit 1997 Mitglied im MDR– Rundfunkrat. Von 1994 bis 2009 war er Abgeordneter der Linkspartei im Sächsischen Landtag. Hilker arbeitet als Referent beim Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung.

Lesen Sie in dieser Serie auch:

Weiterführende Artikel

Es muss nicht immer Rundfunkgebühr sein

Es muss nicht immer Rundfunkgebühr sein

Nicht nur in Deutschland wird über öffentliche Sender gestritten. Wie machen es andere Länder? Ein Überblick.

Und dieser Teil erscheinen:

  • Wie machen’s die anderen? Öffentlich-rechtliche Sender im Ausland.

Mehr zum Thema Feuilleton