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Wer ist der beste TV-Talker im Land?

Fünf Polittalks von ARD und ZDF unter der Lupe. Werden Politiker in Watte gepackt oder zur Rede gestellt? Sächsische.de hat eingeschaltet und nachgefragt.

© NDR

Quasselbude oder Meinungsforum? Folgenlose Unterhaltung oder Einfluss auf die Politik? Immer dieselben Gesichter oder überraschende Gäste? Die Ansichten über die politischen Gesprächssendungen von ARD und ZDF gehen weit auseinander, sie reichen von purer Ablehnung bis zu treuem Stammpublikum.

Beherrschende Themen der vergangenen Monate waren, wenig überraschend, in allen fünf Formaten Corona und der monatelange Machtkampf um die Kanzlerkandidatur zwischen CDU und CSU, zwischen Armin Laschet und Markus Söder. Die Sächsische Zeitung fragte in den Redaktionen der Sender nach: Welche Alleinstellungsmerkmale sollen die Polittalks auszeichnen? Welche Sendung wird am meisten gesehen? Und welche Wunschgäste hätten sie gern?

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Unser Fazit nach wochenlangem Dauervergleich: Fünf Polittalks und fünf ähnliche Ansätze. Journalisten organisieren Gespräche mit Politikern und vorrangig Prominenten. Profis treffen Profis. Streit ist angesagt, manchmal forciert, Ausgewogenheit unerwünscht. Es wird viel erklärt, hin und her gewendet, selten aufgeklärt. Die Trennlinien, die sich durch die Gesellschaft ziehen, spiegeln sich in den Sendungen wider. Bedient wird vorwiegend der Mainstream. Soziale Konflikte wie Mietendruck, Arbeitslosigkeit, Kinder- und Altersarmut, Ost-West-Lohngefälle sind selten Thema. Politiker kommen, wenn es ihnen nützt und ihren Bekanntheitsgrad erhöht. Sie sagen, was sie preisgeben wollen.

Wer auf die Gästeliste schaut, weiß vorher, was zu erwarten ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dennoch tragen alle Formate dazu bei, ein Stück hinter die Fassade von Politik, Gesellschaft und Demokratie zu lugen. Sie sind, so gesehen, deutlich besser als das Image, das sie bei vielen Menschen haben.

Anne Will: Einflussreich

Als meistgesehene Talksendung mit über vier Millionen Zuschauern beeinflusst „Anne Will“ die politische Meinungsbildung am stärksten. Sie sorgt für Schlagzeilen, gibt den Takt der Woche vor und profitiert dabei stark vom Sendeplatz unmittelbar nach dem ARD-Quotenbringer „Tatort“. Die erfahrene Moderatorin Anne Will, 55, hält ihre Gäste gern an der langen Leine. Sie strahlt eine gewisse staatstragende Aura aus, nicht zufällig kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel am liebsten zu ihr.

Seit 2007 sendet Anne Will am Sonntagabend. Zwischen 2011 und 2015 musste sie auf den Mittwoch ausweichen, weil das Erste den Sonntag für den populären Entertainer Günther Jauch frei machte. Nach Kritiken warf er hin, und Anne Will kehrte an ihren alten Platz zurück.

„Anne Will“ ist die Talksendung mit den meisten Zuschauern und der größten Aufmerksamkeit. Die Moderatorin ist oft ziemlich staatstragend, sie kann aber auch bissig sein.
„Anne Will“ ist die Talksendung mit den meisten Zuschauern und der größten Aufmerksamkeit. Die Moderatorin ist oft ziemlich staatstragend, sie kann aber auch bissig sein. © NDR/Wolfgang Borrs

Wie bissig und bestimmt die Gastgeberin sein kann, erlebte jüngst Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: „Es steht im Raum, dass Sie es nur geworden sind, weil Sie eine Frau sind.“

Was macht „Anne Will“ aus? „Die Sendung befasst sich mit einem aktuellen tages- oder parteipolitischen Thema von bundesweiter Relevanz. Wir haben den Anspruch, hierfür politische Entscheiderinnen und Entscheider miteinander in einen öffentlichen Diskurs zu bringen. Die Auswahl der Gäste erfolgt ausschließlich nach journalistischen Kriterien.“ So die Sicht der Redaktion.

Neben den üblichen Politikern wie SPD-Vizekanzler Olaf Scholz, CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig oder FDP-Chef Christian Lindner zählen Wissenschaftler, Ärzte, Experten und vorwiegend Hauptstadt-Journalisten zu Wills häufigen Gästen. Man trifft sie in der Regel, oft in derselben Woche, auch bei der Konkurrenz wieder. Nirgendwo wegzudenken ist SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Wunschgast der Redaktion wäre US-Vizepräsidentin Kamala Harris: „Es könnte eine amerikanische Präsidentschaft werden, in der sie eine größere Rolle übernehmen könnte.“

Markus Lanz: Schillernd

Der Anspruch von „Markus Lanz“ wird oft unterschätzt als launiger Plausch am späten Abend. Dabei kann der Moderator ein echter Wadenbeißer für erfahrene Politiker sein.
Der Anspruch von „Markus Lanz“ wird oft unterschätzt als launiger Plausch am späten Abend. Dabei kann der Moderator ein echter Wadenbeißer für erfahrene Politiker sein. © ZDF/Markus Hertrich

Alleinstellungsmerkmal laut Lanz-Redaktion: „Die Sendung zeichnet sich durch die besondere Mischung an Gästen aus, die in einem Mix aus Unterhaltung und Information über aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen diskutieren. Seit Beginn der Pandemie ist sie auch darauf ausgerichtet, neben Politikern vor allem Gesprächspartner einzuladen, die den Zuschauern verlässliche Einschätzungen der aktuellen Lage liefern.“ Die Sendung wird meist zwischen 17 und 22 Uhr aufgezeichnet und später am Abend ausgestrahlt.

ntv-Moderator Micky Beisenherz nennt seinen Kollegen „Deutschlands schönste Grillzange“. Markus Lanz legt ein hohes Tempo vor und bringt seine Ansichten überaus wortreich ein.

Sein Wunschgast: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das wäre wohl der Ritterschlag.

Sandra Maischberger: Respektvoll

Vor allem die Interviews bei „maischberger. die woche“ sind journalistisch vorbildlich. Helmut Schmidt war bei ihr besonders gern zu Gast. Hier wird nicht nur getalkt, sondern geredet.
Vor allem die Interviews bei „maischberger. die woche“ sind journalistisch vorbildlich. Helmut Schmidt war bei ihr besonders gern zu Gast. Hier wird nicht nur getalkt, sondern geredet. © WDR/Markus Tedeskino

Sandra Maischberger, 54, fragt nach den Gewinnern und Verlierern der Woche. Zwei Journalisten, einer links-liberal, der andere konservativ, streiten sich darüber eher kollegial. Das Plus der Sendung sind die Interviews. Die Moderatorin ist glänzend vorbereitet, lässt sich nicht abspeisen mit billigen Argumenten, hakt sofort nach. Sie fragt respektvoll, konzentriert, leidenschaftlich, neugierig, nie lau.

Ihre Einfühlsamkeit beeindruckt. Unvergessen bleiben die legendären Gespräche mit Altkanzler Helmut Schmidt. Häufig muss die Sendung am Mittwochabend dem Fußball weichen.

Wunschgäste? „Unser Ziel ist es, jeweils die Gäste bei uns zu haben, die das Geschehen der Woche mittragen oder aus verschiedenen Blickwinkeln kommentieren. Und das sind in jeder Woche andere Menschen.“

Frank Plasberg: Pointiert

Der Anspruch der Redaktion ist hoch gesteckt: „Die Sendung diskutiert nicht über Bürger und Betroffene, sondern mit ihnen. Politiker werden nicht in Watte gepackt und kommen nicht mit Floskeln davon. Einspielfilme treiben die Debatte voran und die Gäste auch mal in die Enge. Immer dem Leitmotiv des Formats verpflichtet – wenn Politik auf Wirklichkeit trifft.“

Das Gesicht und der Kopf der ARD-Sendung ist seit zwanzig Jahren der pointierte, souveräne und versierte Frank Plasberg, 63. Er hält die Zügel fest in der Hand, mischt sich ein, hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Anspruch und Unterhaltung schließen sich nicht aus, Elemente wie Faktencheck oder Schlussrunde lockern auf.

Bei „hart aber fair“ darf jeder ausreden – wenn er was zu sagen hat. Frank Plasberg weiß als erfahrener Moderator, wie man mit Streithähnen umgeht.
Bei „hart aber fair“ darf jeder ausreden – wenn er was zu sagen hat. Frank Plasberg weiß als erfahrener Moderator, wie man mit Streithähnen umgeht. © WDR/Oliver Ziebe

„hart aber fair“ lief von 2001 an zunächst beim federführenden WDR, seit 2007 ist die Sendung im Ersten zu sehen. Jeder Gast darf ausreden – wenn er was zu sagen hat. Wird es zu laut, verlässt Plasberg seinen Platz am Tablet, stellt sich vor die Streithähne und beruhigt sie spöttisch-ironisch. Klappt fast immer. Das letzte Wort haben die Zuschauer im Gästebuch, ausgewählt von der sympathischen Brigitte Büscher.

Maybrit Illner: Verbindlich

Das ZDF-Pendant zu „Anne Will“ ist „maybrit illner“. Die Sendung fasst die Diskussionen der Woche zusammen, macht sie zum Thema wie jüngst die Künstlerdebatte #allesdichtmachen mit Jan Josef Liefers. Das Format erreicht weniger Zuschauer als die ARD-Sendung, aber den höchsten Marktanteil unter den Polittalks.

Alleinstellungsmerkmal laut „maybrit-illner“-Redaktion: „Die Sendung diskutiert DAS politische Thema der Woche mit Politikern und Bürgern, Entscheidern und Denkern, immer nach dem Prinzip Werkstatt- und nicht Salongespräch.“

Am Donnerstag gelingt es „maybrit illner“ oft, zum Themader Woche die gefragtesten Gäste zu bekommen – so wie jüngst Jan Josef Liefers.
Am Donnerstag gelingt es „maybrit illner“ oft, zum Themader Woche die gefragtesten Gäste zu bekommen – so wie jüngst Jan Josef Liefers. © ZDF/Jule Roehr

Maybrit Illner, 56, präsentiert ihre Sendung bereits seit 1999, bis 2007 unter dem Namen „Berlin Mitte“. Sie versteht sich als „Politik-Übersetzerin“, stellt ihre Fragen verbindlich, freundlich, mit einem Lächeln, nicht ohne Härte. Sie bringt die Antworten der oft ausufernden Gäste gern auf den Punkt. Die Moderatorin studierte Journalistik in der DDR. Einer ihrer Lieblingssätze lautet: „Wir müssen reden.“

Wunschgäste? Es gebe Menschen, „die partout nicht ins Fernsehen wollen“, bedauert die Redaktion. „Aber Namen werden nicht verraten. Vielleicht überlegen sie es sich ja doch noch anders.“

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