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Junger Dresdner glänzt im ZDF-Thriller

Drama auf der Ochseninsel: Ein 17-jähriger macht an der Seite von Stars wie Jan Josef Liefers die Miniserie „Tod von Freunden“ zu etwas Besonderem.

Karl (Anton Petzold, l.) und Kjell Küster (Lukas Zumbrock) bei einem festen Ritual der Brüder.
Karl (Anton Petzold, l.) und Kjell Küster (Lukas Zumbrock) bei einem festen Ritual der Brüder. © ZDF

Von Andreas Körner

Diesmal heißt er nicht Rico, sondern Karl, aber die Schatten hängen trotzdem tief. Der Dresdner Anton Petzold stellt in der ZDF-Serie „Tod von Freunden“ einen autistischen Jungen dar und bekommt, wie die anderen sieben Charaktere auch, eine eigene Episode, die gleichsam eine individuelle Perspektive auf das Familiendrama wirft. Eine mit Schlüsselfunktion.

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Anton Petzold ist jetzt 17. Sein Rollenfach ist bereits üppig gefüllt, kein Wunder, wenn man schon mit sechs beginnt, in aller Öffentlichkeit zu spielen. Zunächst nur auf der Bühne, bald auch im Fernsehen und Kino. Petzold gastierte am Theater Junge Generation und Staatsschauspiel, war mit „A Christmas Carol“ auf Musicalreisen, war „Herr der Fliegen“, der Jemand in „Andorra“, Wasserverkäufer Wang in „Der gute Mensch von Sezuan“, Jeff in „Fast ganz nah“, sprach den Käpt’n Sharky im gleichnamigen Animationsfilm, wurde in „Fack ju Göthe 3“ schwer angemacht und schon dreimal als Rico Doretti in den Leinwandadaptionen von Andreas Steinhöfels Kinderbüchern „Rico und Oskar“ geliebt. Mit Tieferschatten, Herzgebreche, Diebstahlstein.

Bernd Küster (Jan Josef Liefers, l.), Sabine Küster ( Katharina Schüttler, M.) Kjell Küster (Lukas Zumbrock, 2.v.r.), Charlie Jensen (Lene Maria Christensen, r.), Emile Jensen liegen sich in den Armen. Sabine durchzieht ein ungutes Gefühl.
Bernd Küster (Jan Josef Liefers, l.), Sabine Küster ( Katharina Schüttler, M.) Kjell Küster (Lukas Zumbrock, 2.v.r.), Charlie Jensen (Lene Maria Christensen, r.), Emile Jensen liegen sich in den Armen. Sabine durchzieht ein ungutes Gefühl. © ZDF

Im Thriller „Tod von Freunden“, der ab Sonntag in vier zweistündigen Doppelfolgen ausgestrahlt wird, sei er „eigentlich das komplette Gegenteil zu dem, wie mich Menschen wahrnehmen“, sagt Anton Petzold: „Ich bin sehr laut und emotional und Karl ist das so gut wie nie. Ich musste also sehr zurückgenommen spielen.“ Er macht es gut. Und hat Glück, denn seine Stunde ist eine der starken des Achtteilers unter der Regie von Friedemann Fromm („Weißensee“).

Risse im Paradies

Karl Küster merkt sich Daten, Zahlen, Orte. Er steuert sicher seine Drohne und zeichnet gern. Karl ist glücklich darüber, dass ihn sein älterer Bruder Kjell (Lukas Zumbrock) sowie die befreundeten Geschwister Cecile (Milena Tscharntke) und Emile (Oskar Belton) integrieren. Ihn als Autist nehmen, wie er ist. „Nichts geht verloren“, sagt Karl fast wie im Gebet. Oder „Ich hab’ nichts falsch gemacht“, wenn es hakt. Ab und an hält er sich die Ohren zu und schreit. Karl braucht seine Strukturen und Routinen dort oben im Paradies, das sich seine Eltern und jene von Cecile und Emile in der Flensburger Förde gebaut haben. Als Film setzt „Tod von Freunden“ ein, als dieses Paradies Risse bekommt.

Sie leben zu acht auf der Ochseninsel – vier Erwachsene, vier Teenies. Sabine und Bernd Küster (Katharina Schüttler/Jan Josef Liefers), Charlie und Jakob Jensen (Lene Maria Christensen/Thure Lindhardt) haben vor Jahren ihre Zukunft geplant wie andere ihre Häuser. Kein Wunder, sind Bernd und Charlie doch Architekten und Büropartner, während sich Sabine und Jakob als Künstler im ewigen Testlauf befinden. Sie tanzt und unterrichtet, er malt und hämmert. Sabine und Jakob verbindet aber noch Entscheidendes: Sie leben eine Lüge.

Bernd Küster (Jan Josef Liefers) und Charlie Jensen (Lene Maria Christensen) stehen auf dem Segelschiff kurz vor der Abfahrt. Sie wissen, dass sie mit ihren Ehepartnern über große Pläne sprechen müssen.
Bernd Küster (Jan Josef Liefers) und Charlie Jensen (Lene Maria Christensen) stehen auf dem Segelschiff kurz vor der Abfahrt. Sie wissen, dass sie mit ihren Ehepartnern über große Pläne sprechen müssen. © ZDF

Es dauert nicht lange, bis „Tod von Freunden“ auf seinen (Ausgangs-)Punkt kommt. Bernd und Sabine sind diesmal nicht dabei, als die anderen mit der Jacht auf die Ostsee hinausfahren. Auf dem Weg nach Hause fehlt Kjell. Er ist nachts über Bord gegangen, die Umstände sind unklar, jeder aus der Crew hat eine eigene Version von Hergang, Wahrheit, Schuld. Jeder! Sie haben schließlich acht Folgen einer Serie zu rechtfertigen.

Die Handlung episodisch über Perspektiven zu erzählen, ist kein überraschendes filmkünstlerisches Mittel mehr. Ebenso nicht, die Stränge mit Links zu verketten, also Sequenzen mehrfach zu platzieren, um Richtungen zu wechseln. Regisseur Fromm offenbart in dieser Beziehung Eleganz und Geschick. „Tod von Freunden“ sieht, abgesehen von invasiv eingesetzten Zeitlupen und wenig originellem SchwarzWeiß in Rückblenden, ansprechend aus.

Seltsame Distanz zu den Darstellern

Dort liegen die Probleme also nicht. Sie resultieren eher aus dem Drehbuch, das Fromm selbst geschrieben hat und das mutmaßlich zu wenig von außen besehen und „durchgeklopft“ wurde. Die Schwächen hätten auffallen müssen, denn zu viele verwobene Aspekte verharren nur in Andeutungen und Behauptungen. Neben den dominierenden Privatkämpfen der Küsters und Jensens bekommen sie zu selten Zugriff auf die Essenz des Stoffs und erzeugen beim Zusehen seltsame Distanz. Weder wird das hoch spannende dänisch-deutsche Beziehungsgeflecht wirklich markant, noch bekommt das Drogending unter Jugendlichen Nachhaltigkeit. Gänzlich in die Klemme gerät „Tod von Freunden“ dann mit oberflächlichen gesellschaftspolitischen Texturen aus neuem Anarchismus bis hin zum Flüchtlingsthema.

Das Fernsehpublikum weiß längst zu schätzen, dass eine Miniserie gegenüber einem 90-Minüter mehr in die Tiefe erzählen kann. Hier wird es nur nicht eingelöst. Das Potenzial einer passablen Idee wird vertan. Schade auch für Anton Petzold.

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