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„In meiner Puppendoktor-Pille-Brille waren nie Gläser“

Urte Blankenstein blickt als 76-Jährige auf ihre Zeit im Kinderfernsehen zurück, erklärt die Krankheiten der Puppen und lobt DDR-Kinderheime.

So, wie Millionen sie kennen: Urte Blankenstein als Puppendoktor Pille. Von 1963 bis 1988 war wöchentlich einmal im Abendgruß des Sandmännchens ein Besuch bei Frau Puppendoktor im Programm.
So, wie Millionen sie kennen: Urte Blankenstein als Puppendoktor Pille. Von 1963 bis 1988 war wöchentlich einmal im Abendgruß des Sandmännchens ein Besuch bei Frau Puppendoktor im Programm. © picture alliance

Von 1968 bis 1988 war Urte Blankenstein als Puppendoktor Pille einer der Stars des DDR-Kinderfernsehens. Zudem tourte die gelernte Schauspielerin in dieser Rolle lange vor dem Mauerfall durch Ost und West. Jüngst veröffentlichte die 76-Jährige ihre Biografie und spricht jetzt im Interview über skurrile Schminkpraktiken, Mittel gegen Corona und über ihre glücklichen Erfahrungen im DDR-Kinderheim.

Frau Puppendoktor, was verschreiben Sie Ihren Patienten gegen Corona?

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Die kleinen Patienten erinnere ich an die Hygiene-Regeln, die sie schon im Kindergarten gelernt haben. Heute heißt es: AHA, also Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. Für die Großen habe ich mein derzeit besonders passendes Lied parat: „Kopf hoch“. Da habe ich Strophen umgedichtet. Zum Beispiel in: „Den einen macht Corona fix und fertig, der andere stellt sich tapfer darauf ein, die Lage ist bescheuert gegenwärtig, da hilft es, Optimist zu sein.“

Spielte die Pandemie bei den Auftritten, die Sie vorm neuerlichen Lockdown hatten, tatsächlich eine Rolle?

Ich hatte ganz wenige Auftritte im September und Oktober. Auf der Freilichtbühne für Kinder, nicht zu übersehen dabei: die Stühle im vorgeschriebenen Abstand, Desinfektionsmittel an jeder Ecke. Leider jeweils wenig Publikum. Beglückend waren zwei Auftritte in einem Dementen-Heim in Berlin. Die Bewohner wissen nichts von Corona. Sie wollten mit mir wie eh und je ihre Lieder singen. Ich war dankbar, dass die Leitung diese Auftritte für ihre Bewohner ermöglicht hat. Auch ich konnte kurzzeitig die Pandemie vergessen.

Sehen Sie sich in der Pflicht, die staatlichen Maßnahmen zu erklären?

Zum Glück nicht. Die Hygieneregeln wurden durchweg akzeptiert. Die Kinder, die ich erlebe, lernten es doch schon in der Kita, andere vor Ansteckung zu schützen. Bei Schnupfen niemanden anzuniesen, das Taschentuch nicht rumliegen zu lassen, sich die Hände zu waschen. Also die wirklich normalsten Regelungen. Diese Kinder haben mit den Hygiene-Regeln kein Problem. Die Mund-Nasen-Masken gibt es zum Glück für Kinder in den lustigsten Ausführungen, die mir mit Stolz gezeigt wurden. Mit den Eltern über die staatlichen Maßnahmen zu reden, blieb mir, der Abstandsreglungen wegen, zum Glück erspart.

Welche Krankheit tritt eigentlich bei Puppen am häufigsten auf?

Halsschmerzen und Bauchschmerzen. Das ist für mich sehr günstig, da sind keine medizinischen Kenntnisse Voraussetzung: Schal und Gurgeln bei Halsschmerzen und ins Bett und Wärmflasche bei Bauchschmerzen. Bei Halsschmerzen bekommen die Puppen einen Halsbonbon, bei Bauchschmerzen gibt’s Bonbonverbot.

Gab es in all denen Jahren Veränderungen bei den Puppen-Krankheiten?

Nein, das ist so geblieben. Offensichtlich sind das nach wie vor die häufigsten Wehwehchen. Wobei es auch immer wieder das Phänomen gibt, dass alle Kinder nachplappern, was die erste Puppenmutti sagt.

Sie waren in der DDR eine Instanz, traten ab Ende der Siebziger auch als Puppenärztin im Westen auf. Worin unterschieden sich die Anliegen der Kinder?

Die Kinder dort unterschieden sich in nichts von den Kindern im Osten. Sicher lag es auch daran, dass ich für die Kleinsten zuständig bin. Die noch die Welt erobern, sich an kleinen Dingen freuen, sich wundern können. Die Erwachsenen sorgten sich, dass ich zu anspruchsvoll den Kindern gegenüber auftrete. Die Freude war dann sehr groß, als sie merkten, dass sie ihre Kinder unterschätzt hatten.

Was lag Ihnen mehr: die TV-Sprechstunde oder die Behandlung vor Publikum?

Das sind zwei total unterschiedliche Aufgaben. Meine Live Auftritte waren ja das Ergebnis der Studio-Arbeit. Diese Figur lebte und erlebte ich in der TV-Sprechstunde. Ausleben konnte ich sie dann allerdings bei den Auftritten mit dem kleinen Publikum. Da ich das bis jetzt erlebe, liegt es mir wohl indessen mehr.

© picture alliance

Wie viele „große, kluge“ Brillen besitzen Sie eigentlich?

Ich besitze zwei Brillen in zwei verschiedenen Taschen, falls eine irgendwo verschwunden ist. Das heißt, es sind ja nur Gestelle. In meiner Pille-Brille waren nie Gläser. Ich muss bei den Auftritten immer sehr aufpassen, dass ich mir nicht unbedacht das Auge wische, indem ich öffentlich in die Brille fasse.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihr Arzt-Kittel fürs Fernsehen des besseren Kontrastes wegen gelb sein musste. Haben Sie den mal verwechselt und aus Versehen auch auf der Bühne getragen?

Das konnte nie passieren, da Kittel und Perücke Eigentum der Defa waren und ich einen Antrag stellen musste, wenn ich beides für Auftritte brauchte, die vom Kinderfernsehen organisiert waren.

Benutzen Sie immer noch Schuhcreme zum Wimperntuschen?

Natürlich nicht. Ich weiß gar nicht, ob es diese Ost-Schuhcreme noch gibt.

Wie kamen Sie in den Sechzigern überhaupt darauf, dass das eine Alternative zur üblichen Schminke sein kann?

Das war Mund-Propaganda, sprach sich in Windeseile rum. Ich glaube sogar, dass es die Kolleginnen aus der Maske im Fernsehen empfohlen haben.

Sie haben einige Zeit in einem DDR-Kinderheim verbracht. In Ihrem Buch beschreiben Sie diese Zeit als ausgesprochen glücklich und prägend für Ihre künstlerische Entwicklung. Was lief da anders als in den Heimen, die allgemein als Schreckensorte gelten?

Anders war sicher, dass die Heimleiterin alle Kinder zu Chor-Mitgliedern machte. Meine Liebe zur Musik wurde dort geweckt und gefördert. Ich hatte also als Siebenjährige eine Gesangsausbildung. Wir fuhren zu Chor-Wettbewerben, haben viel Schönes erlebt und waren liebevoll behütet.

Ärgert es Sie, dass die DDR-Heime generell einen schlechten Ruf haben?

Natürlich ärgert mich das. Dabei geht es nicht nur um DDR-Heime, sondern generell um Kinderheime denke ich. Verurteilte Kriminelle äußern im Fernsehen auf die Frage: „Wie sind Sie denn da reingeraten?“ „Na ja, ich bin im Kinderheim aufgewachsen.“ Sofort bekommt er Absolution. Das macht mich wütend.

Tun Sie aktiv etwas zur Ehrenrettung der DDR-Heime?

Ich spreche darüber seit einiger Zeit bei Interviews, auch in Talk-Shows und bin sehr froh, dass ich als bekannte Künstlerin die Chance habe, gegen falsche Darstellungen einzuschreiten. Ich habe von ehemaligen Heimkindern oft wunderbare Reaktionen daraufhin bekommen. Sicher gab es auch Heime, in denen die Kinder nicht so glücklich sein konnten. Leider werden Kinderheime heute von vielen Leuten mit den Jugendwerkhöfen gleichgesetzt. Das waren aber keine Kinderheime. Diese ehemaligen jugendlichen Straftäter bekommen heute eine finanzielle Entschädigung. Diese „Heime“ gibt es immer noch, jetzt heißen sie Jugendgefängnis. Tja, ein weites Feld.

Sie schreiben auch, dass Sie im Westen erst Exotin waren, nach dem Mauerfall nur noch Ossi. Ging es mit der Wertschätzung so plötzlich bergab?

Na ja, es gab ja nach dem Mauerfall eine Invasion von Ossis. Die waren halt nicht mehr exotisch, sondern nun auch Wessis. Das war nicht zu akzeptieren. Die Neuen waren doch ganz anders, wussten dies und das nicht, konnten dies und das nicht. Wenn ich anfing, meine Landsleute zu verteidigen, hieß es immer: „Na du doch nicht, du bist doch ganz anders.“

Wie sehen Sie heute das Ost-West-Verhältnis?

Privat ist es ganz normal, ich habe ja viele Freunde im Westen. Aber was im Großen passiert, da ist noch längst nicht zusammengewachsen, was zusammengehört. Alleine, wenn ich an die Renten denke. Auch sonst liegt vieles im Argen.

Im Fernsehen waren Sie zuletzt 1988 als Puppendoktor zu sehen. Vermissen Sie die Arbeit mit diesem Medium?

Das war mein „Zuhause“. Nicht nur ich hatte damals das Argument, dass die Puppendoktorin, die Freundin der Kinder, auch 70, 80 Jahre alt sein kann. Natürlich ohne Zöpfe, aber eine liebe, vertrauensvolle Ansprechpartnerin für die Kinder. Ich hatte ja zum Glück mein neues Medium, die Bühne, und bin bis heute glücklich damit.

Könnten Sie sich vorstellen, etwa durch einen eigenen Youtube-Kanal , auf den Bildschirm zurückzukehren?

Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich habe neue Abendgrüße gedreht, mit meinem Lieblings-Patienten, dem Frosch Quaki. Die Kinder lieben den frechen Kerl, diese zauberhafte Handpuppe. Diese Abendgrüße habe ich auf DVD. Ich glaube, für einen Youtube-Kanal fehlt mir jegliche technische Fähigkeit.

Was motiviert Sie, über 50 Jahre die Puppendoktorin zu geben?

Das ist mein Publikum, die Wissbegier der Kinder, das Urvertrauen, das sie mir entgegenbringen. Das Lachen, die Freude.

Bis wann werden Sie noch praktizieren?

Solange ich im Leben bin. Überhaupt, was soll denn bitte diese Frage?

Ist eine Nachfolgerin in Sicht?

Nein, und wenn, müsste sie sich noch sehr, sehr lange gedulden.

Das Interview führte Andy Dallmann.

Das Buch: Urte Blankenstein, Habt ihr Kummer oder Sorgen… Mein Leben als Puppendoktor Pille. Bild und Heimat Verlag, 256 Seiten, 17,99 Euro

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