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Was tun, wenn mein Kind zum Mörder wird?

Die gebürtige Dresdner Schauspielerin Claudia Michelsen über den Film „Totgeschwiegen“ und die Schwierigkeit von Eltern, irgendwann loszulassen.

Esther (Claudia Michelsen) will bei der Polizei eine Aussage machen, obwohl ihr eigenes Kind eine schreckliche Tat begangen hat. Doch sie lässt sich von Volker (Godehard Giese) überzeugen, zu schweigen.
Esther (Claudia Michelsen) will bei der Polizei eine Aussage machen, obwohl ihr eigenes Kind eine schreckliche Tat begangen hat. Doch sie lässt sich von Volker (Godehard Giese) überzeugen, zu schweigen. © ZDF

Im Fernsehfilm „Totgeschwiegen“ töten drei unbescholtene Teenager einen Obdachlosen. Als deren Eltern mit der Schuld ihrer Kinder konfrontiert werden, stehen sie vor einer denkbar schwierigen Entscheidung: Verschweigen oder verpfeifen? Besonders Claudia Michelsen spielt sich als wohlsituierte Mutter im Gewissenskonflikt ins Gedächtnis. Wir sprachen mit der 51-Jährigen über die Grenzen bedingungsloser Elternliebe, die Mühen des Erziehens heute und Kindheit in der DDR.

Frau Michelsen, Eltern sind im Normalfall darauf programmiert, alles für den Nachwuchs zu tun. Ist bedingungsloser Beistand legitim, oder gibt es Grenzen?

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Wenn die Grenze hieße, sich von den Kindern abzuwenden, wäre das für mich keinerlei Option. Ich würde meinem Kind in jedem Falle beistehen, ich habe es ja auch in die Welt gesetzt. Das eigentlich Spannende ist für mich, wie Kinder dazu kommen, eine solche Grenze zu überschreiten, selbst wenn es im Affekt oder aus einer Angst heraus geschieht. Der Film fragt, inwieweit Werte wie Nächstenliebe auf fruchtbaren Boden fallen, Werte, die wir unseren Kindern mitgeben. Haben wir es hier mit Auswirkungen einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu tun? Ich möchte es gar nicht so sehr auf einen Punkt bringen, was der Film für mich selbst bedeutet. Natürlich gibt es die ganz persönlichen Assoziationen dazu. „Totgeschwiegen“ eröffnet so viele Möglichkeiten, allein schon durch die unterschiedlichen sozialen Schichten, aus denen die Kinder kommen. Hier ist nichts schwarz-weiß. Ich hätte es fatal gefunden, nur Kinder aus sozialminderbemittelten Haushalten in den Mittelpunkt zu stellen. Unsere Gesellschaft wird als ein Teil des Ganzen abgebildet. Und die Frage ist, was wir ändern können und müssen.

Vom Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann stammt das Zitat: „Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muss der Erzieher den Grund in sich selbst suchen.“ Würden Sie das unterschreiben?

Ja, auf jeden Fall. Jesper Juul hat geschrieben, dass wir bis zum zwölften Lebensjahr unmittelbaren Einfluss haben und direkte Begleiter und Türöffner unserer Kinder sind. Natürlich spielt neben den Eltern auch die Gesellschaft eine zentrale Rolle. Die Eltern sind nicht allein dafür verantwortlich, wie das Kind sich entwickelt. Aber nicht jeder kann sich einen Schulwechsel leisten, wenn es schlechte Einflüsse gibt und man nicht mehr an sein Kind herankommt. Zu einem Großteil sind es allerdings die Eltern, die etwas vorleben. Und haben sich die Eltern erst einmal aufgegeben, was geht dann an die Kinder weiter?

Irgendwann kommt die Zeit, in der man seine Kinder in womöglich unbekannte Freundeskreise entlassen muss. War das für Sie als Mutter schwierig?

Ich habe das sehr positiv erlebt und ich finde es völlig in Ordnung. Es ist ein gesunder Prozess, solange diese Freundschaften nicht gefährlich werden. Kinder müssen sich von den Eltern lösen, und dass die Freunde eine andere Wertigkeit haben, muss man aushalten. Bestimmte Dinge bespricht man ab einem gewissen Alter eben mit seinen Freunden und nicht mehr mit den Eltern. Das ist völlig natürlich.

Wird es aufgrund der ständig wachsenden Möglichkeiten für jede Generation schwieriger, jung zu sein?

Ich weiß, dass sich immer mehr Möglichkeiten auftun, aber ich möchte das gern positiv sehen. Leider befinden wir uns in diesen Tagen in einem weltweiten Schockzustand. Niemand zieht los, um ein Auslandsjahr oder ein Sabbatical anzutreten. Dinge, von denen man geträumt hat und die das Leben wahrscheinlich enorm beeinflusst hätten, sind plötzlich nicht mehr möglich.

Ihre ältere Tochter tritt beruflich in Ihre Fußstapfen. Vor welchen Untiefen dieser Branche haben Sie sie gewarnt?

Eigentlich gibt es da nichts, vor dem man warnen müsste. Zu meiner Zeit – ich komme ja vom Theater – war das alles anders. Ich habe diesen Beruf damals in der DDR aus einem rein politischen Beweggrund heraus ergriffen. Ich wollte auf etwas hinweisen, das mir wichtig war, und Teil einer Bewegung sein. Kunst und Kultur waren für mich die einzige Möglichkeit, um in diesem System damals zu existieren. Ich komme also aus einer ganz anderen Ecke. Ich würde meine Tochter vor nichts warnen, weil sie selbst sehr genau weiß, was sie tut. Sie macht auch nicht nur das eine, sie stellt sich breit auf, mit Neugier. Das ist ganz wunderbar.

In der DDR mussten die Kinder vom Spielen nach Hause kommen, wenn es dunkel wurde, und man konnte den Kinderwagen samt kleinem Fahrgast beim Einkauf vor dem Geschäft stehenlassen. Hatten Sie auch eine unbeschwerte Kindheit und Jugend?

Es gab eine Unbeschwertheit und ein wunderbares Miteinander. Das war so. Trotzdem würde ich nichts eintauschen, um wieder in diesem System leben zu müssen, das steht völlig außer Frage. Wenn man den Umgang der Menschen miteinander betrachtet, gibt es durchaus auch etwas, was ich vermisse. Man hätte das herüberretten sollen. Es war auf der einen Seite ein Glück, so aufgewachsen zu sein. Aber dann kommt der Moment, in dem dir bewusst wird, in was für einem System du dich da bewegst. Und dahin möchte keiner zurück. Das sollte man sich immer wieder bewusst machen. Wir wissen ja alle, wie viele Menschen auch durch dieses System zu Tode gekommen sind.

Haben Sie den Eindruck, dass die DDR in vielen aktuellen Filmproduktionen zunehmend unausgewogen und zu negativ dargestellt wird?

Ein Film will ja die Konflikte erzählen, die es gab. Wen interessiert es schon, wie schön es auch war? In „Der Turm“ haben wir auch Alltag erzählt. Es ist wichtig, eine Balance zu finden, um sich dem Thema anzunähern und authentisch darzustellen, wie man sich in diesem System bewegt hat.

Das Mordopfer im Film „Totgeschwiegen“ ist ein Obdachloser. Was empfinden Sie, wenn man Sie um den berühmten Euro oder den Kauf einer Obdachlosenzeitung bittet?

Ich finde es grauenvoll, dass in unserem Land jemand ein Dasein als Obdachloser führen muss. Ich mache ja sehr viel mit Bernd Siggelkow und der „Arche“. Da wird es einem manchmal schwindlig. Wie kann es sein, dass wir diese Einrichtungen, wie die Archen mehr und mehr brauchen? Orte, an denen Kinder jeden Tag aufgefangen werden mit allem, was ihnen zusteht und normal sein sollte. Warum muss es das in einem Land wie diesem noch geben, wo so viele Alternativen offenstehen? Warum muss jedes vierte Kind in Armut leben, warum holt man sie nicht ab? Kinderarmut ist ein Thema!

Das Gespräch führte André Wesche

Das ZDF zeigt das Drama „Totgeschwiegen“ am Montag um 20.15 Uhr und stellt es in seiner Mediathek zur Verfügung. 

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