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Wie gut ist die ZDF-Serie über den rechtsextremen Terror?

Es beginnt in Norwegen und führt nach Berlin: "Furia" erzählt packend und spannend von rechten Terroristen, versäumt aber auch einiges.

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Spezialermittler Asgeir ist auf eine rechte Zelle gestoßen. Mit
dabei: Die angebliche norwegische Agentin Ragna . Als
Asgeirs Leben
bedroht ist, nutzt er sie, um seine eigene Haut zu
retten.
Spezialermittler Asgeir ist auf eine rechte Zelle gestoßen. Mit dabei: Die angebliche norwegische Agentin Ragna . Als Asgeirs Leben bedroht ist, nutzt er sie, um seine eigene Haut zu retten. © ZDF

Von Andreas Körner

Das Schlimmste sei diese Unmenge an Hetze gewesen. Autor Hans Demmel hat sich für das Sachbuch „Anderswelt“ ein halbes Jahr lang ausschließlich in rechten Medien und auf ebensolchen Plattformen informiert. Öffentlich-Rechtliches war in dieser Zeit tabu für ihn, ebenso anderes, gern Mainstream Genanntes. Friedrich Küppersbusch schaute seinem Kollegen von außen „in den Kopf und auf die Finger“. Es ist ein Selbstversuch der eigenen Art. Einer, der „abstieß und erdete“, wie Demmel sagt. Und beim Lesen Fragen aufwirft. Auch über Öffentlich-Rechtliches und gern Mainstream Genanntes.

Die Texte der Bloggerin „Furia“ waren bei diesem freiwilligen Abtauchen in rechte Quellen nicht dabei, konnten sie auch nicht, denn sie entstammen allesamt der Fiktion und aus dem Kopf einer der Hauptfiguren einer gleichnamigen ZDF-Serie, die ab Sonntag vier Folgen lang zu sehen sein wird. Gjermund Stenberg Eriksen, kreativer Kopf der norwegisch-deutschen Koproduktion, hatte für das Schreiben des Drehbuchs je zwei weitere Autorinnen und Autoren um sich geschart. Mit Magnus Martens und Lars Kraume wurden zwei Regisseure mit der Umsetzung betraut, die jeweils allein oder gemeinsam an den Episoden gearbeitet haben. Ohne Zweifel ist „Furia“ als Projekt von bezwingender Aktualität und fiktionaler Zuspitzung, nur kommt es ein wenig spät.

Die Terroristen beginnen ihre Mordserie mit einem Anschlag auf ein Flüchtlingsheim in Norwegen. Die Polizei ermittelt, kann aber weitere Taten nicht verhindern.
Die Terroristen beginnen ihre Mordserie mit einem Anschlag auf ein Flüchtlingsheim in Norwegen. Die Polizei ermittelt, kann aber weitere Taten nicht verhindern. © ZDF

Die "Machtergreifungs"-Pläne von Neonazis

Warum? Weil mit „Je suis Karl“ inzwischen ein Kinofilm gestartet ist, der ein ähnliches Sujet bedient, am Ende aber höhere Relevanz besitzt. Regisseur Christian Schwochow und der Dresdner Drehbuchautor Thomas Wendrich waren zur Recherche jahrelang in die „Anderswelt“ rechter Aktivisten eingetaucht. Ihr „Je suis Karl“ beschreibt, was passieren könnte, wenn sich junge Europäer zu einer Machtergreifung verbünden, Terroranschläge verüben, diese anderen in die Schuhe schieben und für ihre Ziele bis zum Äußersten gehen.

So oder so: „Furia“ wird größeres Publikum bekommen, doch das liegt schlichtweg am anderen Medium, dem Fernsehen. Doch der Kern der sechs Stunden ist sehr inkonsequent aufs Wesentliche eingedampft worden und wird, trotz allem Wagnis in Momenten, immer wieder unnötigen Erklärungen, Rückversicherungen und „mustergültigen“ Elementen eines Unterhaltungsthrillers geopfert.

Nina Kunzendorf als deutsche Staatsschützerin gibt eine der weniger holzschnittigen Serienfiguren.
Nina Kunzendorf als deutsche Staatsschützerin gibt eine der weniger holzschnittigen Serienfiguren. © ZDF

Ein Brandanschlag im Flüchtlingsheim und zwei Morde

Furia, die mit ihren Online-Kommentaren auf gar nicht mal so unintelligente Weise zum Hass aufruft, ist natürlich ein Deckname, einer mit doppelter Irreführung. Ragna (Ine Marie Wilmann) hat ihn sich gegeben, als sie in eine rechtsradikale Zelle im kleinen Vestvik am schönen Fjord integriert wurde. Ihre Motive werden bald klar: Ragnas jüngere Schwester wurde 2011 bei Breiviks Mordzug auf der Insel Utøya getötet. Es sieht schwer nach Rache aus, was sie antreibt. Trotzdem arbeitet Ragna für den norwegischen Geheimdienst. Offiziell.

In Vestvik trifft sie auf Asgeir (Pål Sverre Hagen). Der Spezialermittler wurde nach einem Vorfall in Oslo nach Norden versetzt, doch die angestrebte Deckung hält nicht lange, nicht für ihn und nicht für seine kleine Tochter. Einen Brandanschlag im örtlichen Flüchtlingsheim und zwei Morde später sind beide schon wieder unterwegs. Erste Identitäten von Identitären wurden aufgedeckt, die Ziele eines gewaltigen Attentats vage benannt, ohne das Ausmaß genau definieren zu können.

Minister Hardenberg (Christian Berkel, r.) muss ansehen, wie seine Tochter ermordet wird.
Minister Hardenberg (Christian Berkel, r.) muss ansehen, wie seine Tochter ermordet wird. © Foto: ZDF

Klischees von Russenmafia und Wutbürgern

Es ist ein schwieriger erster Teil von „Furia“, weil er enorm viele Klischees aneinanderreiht. Schon früh ist von der Russenmafia die Rede, ein einflussreicher Wutnorweger taucht auf, der Parolen gegen Ausländer drischt und mit „der Zelle“ kollidiert, die Größeres im Sinne hat als Slogans an die Wände von Asylunterkünften zu sprayen. Lange kann das nicht gutgehen, nicht mit dem Bürger und auch nicht mit der Handlung. So verlagert sie sich aus von Drohnen beflogener pittoresker Landschaft ins durch anstehende Bundestagswahlen aufgeheizte Deutschland.

Schon auf norwegischem Boden tauchte mit Brehme (Ulrich Noethen) ein seltsamer Deutscher auf, der in Ole (Preben Hodneland) einen engen Verbündeten und gegenüber Ragna völlig überraschungsfreie Zweifel hat. Als Brehme klar wird, dass „die Zelle“ von außen infiltriert wurde, nimmt auch „Furia“ Schwung auf. Parallel dazu versammelt sich das politische Berlin mit einigen interessanten und anderen holzschnittartigen Figuren im Szenario. Für erstere mag Kathi (Nina Kunzendorf) stehen, eine führende Kraft in Sachen institutioneller Aufklärung. Für Letztere agiert Hardenberg (Christian Berkel) als seltsamer Bundesinnenminister, für den es scheinbar keine Vorgesetzten zu geben scheint, obwohl mal von einer Kanzlerin die Rede ist.

Verräterische Ratten und verruchte Maulwürfe

Vor allem in dieser Beziehung knickt „Furia“ weg. Das mit der Kanzlerin darf sein, die SPD bleibt SPD, die dunkel am Polithorizont aufziehende rechte Partei aber heißt NAD, ein fantasierter Kosename also. Zumindest der Verfassungsschutz erscheint, telefoniert und handelt, üble Netzwerke tun sich auf, es gibt verräterische Ratten hier wie verruchte Maulwürfe dort, Lügen und Geheimnisse, Interessen und Vertretungen. Bis klar wird, wem die Anschlagspläne wirklich gelten und wie sie zu vereiteln wären.

Eine gewisse Grundspannung verliert „Furia“ mit zunehmender Laufzeit nicht, was auch an fescher Optik liegt. Wie perfekt der rechte Hass aber schon zu Strukturen und kompromisslosen Tätern wirklich neuen Kalibers geführt hat, das wird am Ende nicht eindringlich genug herausgestellt. Zu viele Ablenkungen führen zu weit weg von dort.

  • „Furia“ startet am Sonntag um 22.15 Uhr im ZDF und steht in der Mediathek
  • Hans Demmels Buch „Anderswelt“ ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen