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Fliegenlassen ist das Schönste

In der Naturschutzstation Neschwitz werden aus dem Nest gefallene Vögel aufgepäppelt. Manche müssen für immer bleiben.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Anton kann bellen wie ein Hund und miauen wie eine Katze. Sehr ungewöhnlich für eine Nebelkrähe. Leider nicht für Anton, den wohlmeinende Tierfreunde irgendwo gefunden und mit der Pinzette aufgezogen haben. Lange lebte Anton wie ein Haustier in der Familie. Zu lange. Denn jetzt hockt er hier in dieser Voliere und will gefüttert werden. „Er hat es nicht gelernt, sich selber sein Futter zu suchen“, sagt Angelika Schröter. „Und er macht das auch einfach nicht. Wir haben schon alles versucht.“ Also steht die Chefin der Naturschutzstation Neschwitz mit einem Futternapf da, den sie in die Voliere stellt: zwei Küken, ein paar Nüsse, ein paar Mehlwürmer. Die Nebelkrähe kommt angehüpft, als hätte sie nur auf diesen Augenblick gewartet. „Den werden wir wohl hierbehalten“, sagt die studierte Naturschützerin und Hobby-Ornithologin. Anton will ja auch gar nicht wieder weg. Als übereifrige Tierschützer einmal die Voliere aufgeschnitten hatten, blieb die Krähe einfach sitzen.

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Walli, die Uhu-Dame, bekommt in der Naturschutzstation ihr Gnadenbrot. Sie kann nicht mehr fliegen und würde in der freien Natur verhungern.
Walli, die Uhu-Dame, bekommt in der Naturschutzstation ihr Gnadenbrot. Sie kann nicht mehr fliegen und würde in der freien Natur verhungern. © Uwe Soeder

Da wird es mit der Dohle in der Voliere nebenan hoffentlich einfacher. Auch sie ist aus dem Nest gefallen. Spaziergänger haben sie gefunden und in die Wildtierauffangstation gebracht. Auf diese Art und Weise kommen die meisten Pflegefälle nach Neschwitz: Die Leute bringen Krähen, Elstern, Eulen, Eis- und andere Singvögel. Oft bekommen die Mitarbeiter auch einen Anruf, dass da irgendwo ein verletzter Vogel auf dem Feld liegt. Dann fahren sie hin. „Wenn wir helfen können, helfen wir“, sagt Angelika Schröter. Denn das ist Aufgabe der Station, die genau dafür von der Naturschutzbehörde finanziert wird.

Uhu-Damen sind Dauergäste

Eigentlich sollen die Vögel hier nur so lange gepflegt und aufgepäppelt werden, bis sie so gesund sind, dass sie zurück in die Freiheit entlassen werden können. „Sie wieder fliegen zu lassen, das ist das Schönste“, sagt Angelika Schröter. „Es ist doch sehr schade, wenn sie ihr ganzes Leben in einer Voliere verbringen müssen.“ Aber Schützlinge wie Anton, die Nebelkrähe, würden in Freiheit unweigerlich sterben.

Die Voliere der Dohle nebenan ist mit einer Bambusmatte vor den Blicken der Besucher abgeschirmt. Wer wieder ausgewildert werden soll, soll so wenig Kontakt wie möglich zu Menschen haben. Und es kommen viele zu den Volieren am Rande des Neschwitzer Schlossparks. Manche wundern sich über den Aufwand, der hier für eine Krähe betrieben wird.

In freier Natur aber gibt es immer weniger Krähen. Auch wenn das dort, wo die Kolonien sich einnisten, vielleicht anders gesehen wird, erklärt Angelika Schröter. Dohlen sind sogar extrem selten geworden, sagt die 40-Jährige. Deswegen gehören sie auch zu den geschützten Arten.

Die Dohle legt den Kopf zur Seite und beäugt das Geschehen. Angelika Schröter schmunzelt und wirft ihr nur ein paar Nüsse und Mehlwürmer in den Käfig. Soll sich der Vogel sein Fressen mal alleine suchen. Wer wieder ausgewildert werden will, muss das lernen. „Wir hoffen, dass wir sie im August freilassen können“, sagt die Stationsleiterin. „Im August sammeln sich auf den Feldern die Dohlen, da wollen wir sie dazugeben.“ Es sitzen schließlich schon genug Dauergäste in den Volieren. Walli, die stolze Uhu-Dame zum Beispiel. Ihr fehlt ein Stück Flügel. Ein Uhu, der nicht fliegen kann, würde in der Natur verhungern. Auch Rosali, die zweite Uhu-Dame, bekommt hier ihr Gnadenbrot. Zweimal schon haben die Mitarbeiter versucht, sie auszuwildern. Jedes Mal ist sie völlig abgemagert und entkräftet aufgefunden und wieder zurückgebracht worden. Dann soll sie eben bleiben.

Auch die Uhus bekommen tote Küken zu fressen. Lebende Mäuse wären besser, sagt Angelika Schröter. Aber woher sollte sie die nehmen. Die Küken bekommt die Station wie Tierparks gefrostet geliefert. Außerdem stehen Nüsse, Mehlwürmer und Katzentrockenfutter auf dem Speiseplan. Und die überflüssigen Drohnen aus den stationseigenen Bienenstöcken. Jungvögel, die aller paar Stunden mit der Pinzette gefüttert werden, nehmen die Mitarbeiter an den freien Tagen mit nach Hause.

Verletzte Schwäne oder Greifvogel dürfen die Mitarbeiter immer nur vorübergehend aufnehmen, wenn es ein Notfall ist. Vögel, die unter das Jagdgesetz fallen, gehören dem Jagdpächter, der für den jeweiligen Auffindeort zuständig ist, erklärt die Stationsleiterin. Aber der muss ja auch erst einmal gefunden werden. Der Jagdpächter entscheidet dann, was mit dem Tier geschehen soll. So ist das gesetzlich geregelt. Er könnte es sich auch ausstopfen lassen.