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Freiheitsstatue aus echtem Meissener

Die Manufaktur enthüllte am Wochenende die lebensgroße „Saxonia“. Chef Kurtzke fühlt sich in seinem Weg bestärkt.

© C. Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Als sich die Hand von Jörg Danielczyk langsam auf den großen, roten Knopf herabsenkt, der auf einem Sockel vor ihm montiert ist, kann der Chefplastiker des Hauses Meissen seine Anspannung kaum verbergen: Seine Finger zittern deutlich sichtbar. Am liebsten wäre er wahrscheinlich schon vorher, bei der Rede des Manufakturchefs Christian Kurtzke und der darauffolgenden des ehemaligen Ministerpräsidenten und heutigen Aufsichtsratschefs Kurt Biedenkopf, aus dem grellen Scheinwerferlicht verschwunden. Jetzt gibt es für Danielczyk kein Zurück mehr. Wenn er den roten Knopf drückt, wird das versammelte Publikum zu Gesicht bekommen, was er sein „Lebenswerk“ nennt.

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Unter einer Art Stoffzelt, das mit einem Stahlseil an der Decke des Manufakturhauses befestigt ist, verbirgt sie sich: die „Saxonia in Meissen Couture“. 1,80 Meter groß, 800 Kilogramm schwer, mit 8.000 handgefertigten Blüten verziert und vor allem – aus reinem Meissener Porzellan. Als die „weltweit größte, frei stehende Porzellanskulptur“ wurde sie schon Tage vorher angekündigt. Zum 25. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung soll sie eine „sächsische Botschafterin der friedvollen Veränderung und der Freiheit“ sein; Manufakturchef Kurtzke spricht gerne von der „sächsischen Freiheitsstatue“.

Für das Haus Meissen ist die Figur ein Coup. In seiner Rede hatte Kurtzke die Saxonia lachend als „irrsinniges Projekt“ bezeichnet. Irrsinnig, weil es in der Welt des Porzellans seinesgleichen sucht. Nicht einmal August der Starke – selbst ein Freund von Großplastiken – besaß eine Porzellanfigur in dieser Größenordnung. Irrsinnig aber auch, weil noch während des drei Wochen dauernden Brennvorgangs das Risiko bestand, dass die Saxonia, die wie alles Porzellan im Feuer weich wird, einfach kollabieren könnte.

Als sich nun unter dramatischer Musik langsam der Vorhang um die Porzellanschönheit hebt, zeigt sich, dass das Wagnis geglückt ist – und auch die Nervosität des Künstlers unnötig war. Die Saxonia thront in graziler Pose und in glänzendem Weiß auf einem goldenen Sockel. Von den Besuchern des Tages der offenen Tür wird sie mit lautem Applaus empfangen. „Sehr schön und edel“, urteilt die 68-jährige Gabriele Hahnefeld, die mit ihrem Mann Lothar, einem gebürtigen Meißner, zum Tag der offenen Tür aus Riesa gekommen ist. „Mit der Frisur aber auch modern.“

„Ich habe 49 Jahre und ein halbes daran gearbeitet“, sagt Jörg Danielczyk später deutlich gelöster. „Die 49 Jahre habe ich gebraucht, um mir das nötige Fachwissen anzueignen.“ Verglichen damit war die Fertigungszeit der Saxonia für ihn nur ein Wimpernschlag: Gut ein Jahr hat es gedauert, bis Danielczyks Tonmodell sich zu der Figur wandelte, die heute im Haus Meissen präsentiert wird. Zusammengesetzt wurde die Saxonia aus zwei Teilen; das Schößchen am Kleid verbirgt den Schnitt. Anders hätte sie einfach nicht in den Brennofen gepasst.

Eine Plastik dieser Größe sei das Maximale, was man aus Porzellan machen könne, sagt Jörg Danielczyk. Die Madonna von Sora, eine drei Meter hohe Porzellanfigur, die in der Gemeinde Klipphausen steht, kennt er zwar. Doch ihre Gestaltung und Oberfläche seien nicht annähernd mit dem zu vergleichen, was der Künstler auf den goldenen Sockel gestellt hat. „Das hier ist wirkliches Porzellan – in all seiner Schönheit, seinen Effekten und Lichtspielen“, sagt er stolz. „Darum ging es mir.“ Wie die Saxonia trägt ihre etwas plumpere Schwester aus Klipphausen übrigens die gekreuzten Schwerter der Manufaktur. Sie ist dort in den 50er-Jahren als sozialistische Jungbäuerin gefertigt worden.

Seit damals ist die Manufaktur einen weiten Weg gegangen. Diesen hat Chef Christian Kurtzke in den vergangenen Jahren entscheidend mitgeprägt. Die Saxonia trägt nicht zufällig auch Kleider und Schmuck aus dem Hause „Meissen Couture“. Es ist Kurtzkes neuerliche Betonung, dass Meissen heute mehr ist als nur Porzellan. Nämlich eine Luxusmarke. Den Schmuck der Saxonia finden die Besucher nur ein paar Schritte hinter der Skulptur, in einem Schaukasten des Raumes „Meissen Joaillerie“. Beim Tag der offenen Tür werden neben Porzellangeschirr, -figuren und -vasen auch Einrichtungsgegenstände wie Kissen oder Kleidungsstücke wie Krawatten präsentiert.

Mitten im Streit um die Marke „Meissen“ dürfte Kurtzke der Triumph der Saxonia außerdem ganz recht kommen. Seine Freude über die gute PR mag er aber nicht so richtig zugeben, auch wenn sie ihm beim Gang durch die Manufaktur – den sein eigenes Kamerateam permanent mitfilmt – ins Gesicht geschrieben steht. „Ich denke langfristiger“, sagt Kurtzke. Sein Unternehmen sieht er als „Speerspitze des Stadtmarketings“, als das „Zugpferd“ der Region und als „Pionier“, der voranschreitet wie kein anderes Unternehmen aus der Gegend. „Darüber schütteln vielleicht manche Siedler den Kopf“, erklärt er und bleibt im Bild des Pioniers. „Aber die Siedler kommen ja irgendwann hinterher.“