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Als Freital rund um die Woche ausgehen konnte

Einiges aus der amtlichen Veranstaltungsstatistik von 1925, die uns aus heutiger Sicht unglaublich vorkommt.

Der Steiger-Saal, wie ihn viele Freitaler noch aus eigenem Erleben kennen. Er war vor und nach dem Ersten Weltkrieg oftmals Schauplatz von Tanzveranstaltungen, die für gewöhnlich sehr gut besucht waren.
Der Steiger-Saal, wie ihn viele Freitaler noch aus eigenem Erleben kennen. Er war vor und nach dem Ersten Weltkrieg oftmals Schauplatz von Tanzveranstaltungen, die für gewöhnlich sehr gut besucht waren. © Archivfoto: SZ

Es scheint, als hätten sich unsere Vorfahren mehr als wir Heutigen der Geselligkeit hingegeben. Ein Gedanke, der einem unwillkürlich beim Studieren der Freitaler Veranstaltungsstatistik des Jahrgangs 1925 kommt. Das von der Stadtverwaltung vorgelegte Dokument darf als hieb- und stichfest gelten. Man führte im Rathaus diesbezüglich genau Buch, weil ja jeder Veranstalter Vergnügungssteuer abzuführen hatte – Balsam für das unter chronischer Schwindsucht leitende Stadtsäckel.

Die zitierten Fakten und Zahlen müssen dem Bürger unserer Tage geradezu unglaublich vorkommen. Das Ergebnis von 1925 belief sich auf 1.694 Veranstaltungen, das sind umgerechnet pro Tag reichlich vier Stück. An der Spitze 300-mal Tanzvergnügen meist für Jung und Alt. Wenn man wollte und über genügend Kondition sowie das nötige Kleingeld verfügte, konnte rund um die Woche tanzen. Ob Montag oder Donnerstag, irgendwo fand sich eine Möglichkeit zum Schwofen. An den Wochenenden (vor allem sonntags) füllte sich für gewöhnlich jeder Saal. Auffällig, dass nicht nur die Jugend zum Parkett strömte, auch reifere Jahrgänge waren hinreichend vertreten.

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Auf den Plätzen der nunmehr 95 Jahre alten Bilanz folgen Vereinsabende, Theateraufführungen von Amateurensembles, Konzerte, Vorträge und nicht näher definierte Tingeltangel-Volksbelustigungen. Die Ausgehfreudigkeit der Freitaler ist umso erstaunlicher, als jeder zehnte Einwohner keine Arbeit hatte. Viele waren auf schmale Erwerbslosenfürsorge angewiesen.

Nimmt man die unmittelbare Umgebung der Stadt hinzu, so würde die städtische Aufrechnung noch um einiges respektabler ausfallen. Längst von der Bildfläche verschwundene Einkehrstätten wie Prinzenhöhe Cunnersdorf, Goldene Höhe oder Gasthof Lübau luden regelmäßig zu Vogelschießen sowie Tanz ein. Es gab zwar nicht in jedem Fall ausgebuchte Häuser, doch im Großen und Ganzen konnten die Wirte mit dem Umsatz zufrieden sein.

Das 1883 am Windbergkamm eröffnete Café ist jahrzehntelang ein beliebtes Ausflugslokal mit einige Extras: fantastischer Ausblick und Dielentanz.
Das 1883 am Windbergkamm eröffnete Café ist jahrzehntelang ein beliebtes Ausflugslokal mit einige Extras: fantastischer Ausblick und Dielentanz. © Siegfried Huth

Man suchte die Abwechslung

Die Verfasser der 25er-Statistik verweisen ausdrücklich darauf, dass es sich bei dem Dokument um ein Rekordergebnis handelt. Indes, die Tendenz setzt sich in der Folgezeit fort. 1930 wird zum Beispiel eine weitere Zuwachsrate gemeldet.

Irgendwo wollten die Leute von damals den oftmals grauen Alltag vergessen, wenn auch nur vorübergehend. Man suchte die Abwechslung. Das Radio setzt sich nur zögernd durch. Mitte der 20er-Jahre besitzen nur knapp 300 Freitaler Familien einen Empfänger. Die Klänge des Grammophons sorgten für ein meist getrübtes Hörerlebnis. Die Kinos gewinnen merklich an Boden. Ihre Vorstellungen sind übrigens nicht mit in dem Jahresbericht von 1925 vermerkt.

Anziehungspunkte sind Gastwirtschaften, aber auch Vereine, die keineswegs ein abgekapseltes Dasein führen. Nahezu jede Gemeinschaft betrachtet es als Pflicht, jährlich wenigstens einmal an die Öffentlichkeit zu treten. Als 1925 der Deubener Militärverein „Saxonia“ 50-jähriges Bestehen feiert, sind Schmerz und Schrecken, verursacht durch den Ersten Weltkrieg, bei einem Großteil einheimischer Bürger zwar unverändert in böser Erinnerung, doch Leid und körperliche Plagen können den Glanz des zweitägigen Saxonia-Jubiläums nicht beeinträchtigen. Die Leute schmücken ihre Häuser, Girlanden und Spruchbänder spannen sich über den Straßen. Als sich am Sonntagnachmittag die Festparade in Bewegung setzt, drängen sich Tausende Schaulustige auf den Fußsteigen. Die Organisatoren haben ganze Arbeit geleistet. An der Spitze des Aufmarsches die Banner von fast 100 Militärvereinen aus der Umgebung.

Ein Blasorchester schmettert schneidige Marschmusik. Dem Festgottesdienst schließt sich im übervollen Saal des Sächsischen Wolfs ein Programm an. Die gastierende „Reichskapelle“ spielte aus Wagners „Tannenhäuser“, ein Fräulein Richter aus Deuben trägt Felix Dahns heldische Dichtung „Kriemhilde“ vor. Das Publikum ist ergriffen. Zum Abschluss wird bis weit nach Mitternacht getanzt.

Ein Professor packt aus

Im Herbst 1925 bittet der emsige Bildungsverein Potschappel zu einem sogenannten Lehrabend in den „Goldenen Löwen“. Titel: „Freitaler! Tanz die Tänze eurer Väter!“ Ein Professor Greselius aus Dresden zieht mit flammenden Ausführungen gegen die auch im Weißeritztal verbreiteten dekadenten undeutschen Modetänzen der 20er- Jahre zu Felde. Über 300 Besucher nehmen zur Kenntnis, dass Tänze wie Shimmy, Boston, Schieber und One Step gute Sitten und Anstand verderben würden. Überdies seien Schlagertexte zu einem erheblichen Teil Schwachsinn. Von einem Pianisten musikalisch begleitet, zitiert Greselius einige der aus seiner Sicht besonders anrüchigen Titel und Reime. Etwa: „Wenn mein Schatzi schlafen geht, möcht’ ich Mäuschen sein“, „Wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt“, „Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne“.

Zum nächsten sonntäglichen Löwen-Tanz kann man die von Greselius verpönten Titel alle wieder hören. Ein Professor reicht offensichtlich nicht aus, um jeweils aktuelle Schlager mit Schieflage aus dem Repertoire der Kapellen zu verbannen.

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