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Freital: Das Lockdown-Jahr des Reisebürochefs

Wie Karsten Führer von der Pesterwitzer „Reisezeit“ in der Pandemie auf ganz neue alte Gedanken kommt.

Manchmal greift Karsten Führer auch zur Motorsäge - meistens geht er bei seinen Holzarbeiten aber sehr viel filigraner zur Sache.
Manchmal greift Karsten Führer auch zur Motorsäge - meistens geht er bei seinen Holzarbeiten aber sehr viel filigraner zur Sache. © Steffen Klameth

Was macht ein Reisebüro, wenn niemand verreisen kann? Karsten Führer mag die Frage nicht mehr hören. „Wir sind eines der wenigen Reisebüros, die seit dem ersten Lockdown immer besetzt waren“, sagt der hochgewachsene Mann mit dem blanken Schädel und schmalen Kinnbärtchen. Also sitzt er Tag für Tag in der Filiale im Freitaler Ortsteil Pesterwitz. Und wenn er nicht dort sitzt, ist das Telefon aufs Homeoffice umgestellt.

Aber was macht er so die ganze Zeit? „Seit einem Jahr stornieren wir Reisen oder buchen um, alles ohne einen Cent“, sagt Führer. „Und einen Gutteil unserer Zeit verbringen wir damit, den Kunden politische Entscheidungen zu erklären, weil es sonst niemand macht.“ Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, die Filiale in Kesselsdorf mussten er und seine Geschäftspartnerin schweren Herzens schließen.

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Holzarbeiten des Pesterwitzer Reisebüroinhabers Karsten Führer aus dem Lockdown-Jahr. Mit bescheidenen Mitteln etwas schaffen, was Freude bereitet.
Holzarbeiten des Pesterwitzer Reisebüroinhabers Karsten Führer aus dem Lockdown-Jahr. Mit bescheidenen Mitteln etwas schaffen, was Freude bereitet. © Steffen Klameth

Erinnerungen an die alte Heimat

Über die Hilfspakete der Regierung kann er nur müde lächeln. „Als Selbstständiger kann ich davon nicht mal meine Krankenversicherung bezahlen“, sagt der 58-Jährige. „Und was nutzt mir in meinem Alter ein Darlehen über 20 Jahre?“ Er habe schon viele Briefe geschrieben, auch an Ministerpräsident Kretschmer und Wirtschaftsminister Dulig. Eine aussagefähige Antwort gab es nie. Aber, sagt er, niemand solle ihm vorwerfen können, es nicht versucht zu haben.

Stornieren, umbuchen, Briefe schreiben: Damit ist ein umtriebiger Mensch wie Karsten Führer freilich nicht ausgelastet. Irgendwann, beim Studium der vielen Covid-19-Auflagen, kam ihm dann die Idee. Eine Idee, die viel mit seiner Herkunft zu tun hat: „Ich bin in einem kleinen thüringischen Dorf zwischen Hildburghausen und Sonneberg aufgewachsen. Da wurde bis in die 1970er-Jahre viel geschnitzt.“ Als Kind strich er durch die Werkstätten und schaute zu, wie aus groben Holzklotzen Kasperfiguren und Nussknacker entstanden.

Berufsgeheimnis eines Hobbykünstlers

Später griff er selbst zu Säge und Hobel. „Aber nur aus Spaß und für die Familie – mehr Zeit hatte ich nie.“ Mit Corona hat sich das geändert. Nun steht Führer häufiger in seiner Werkstatt, nach dem Bürojob oder schon früh um sechs, weil er wegen allermöglicher Gedanken keinen Schlaf mehr findet. Mit dem Ast eines alten Nussbaums fing es an; Führer gestaltete ihn zu einem Bodenlicht um. Es folgten Beistelltische, Leuchter und Kerzenständer.

Viele Werke sind illuminiert oder mit einem Teelicht ausstaffiert. Mit bescheidenen Mitteln etwas schaffen, was Freude bereitet: Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist der Anspruch des Hobbyhandwerkers. „Ob Kunst, Dekoration oder Andenken, das mag jeder Betrachter selbst entscheiden.“

Figuren von Karsten Führer aus Pesterwitz. Ob Kunst, Dekoration oder Andenken, das mag jeder Betrachter selbst entscheiden.
Figuren von Karsten Führer aus Pesterwitz. Ob Kunst, Dekoration oder Andenken, das mag jeder Betrachter selbst entscheiden. © Steffen Klameth

Das Material findet er in seinem Garten oder auf Spaziergängen mit seinem Hund. Kirsche, Buche, Eiche, Fichte: Ihm ist alles recht, solange es trocken genug für die Verarbeitung ist. „Holz ist ein wunderbarer Werkstoff“, sagt Führer. Struktur und Maserung sollen in der Regel sichtbar bleiben. Ein natürliches Wachs sorgt für lange Haltbarkeit. Einige Gegenstände verziert er mit alten Ansichten von Pesterwitz. Wie er das macht, will er aber nicht verraten: „Berufsgeheimnis.“

Dankbar für Treue der Kunden

Karsten Führer ist in dem Dorf am Rande der Landeshauptstadt kein Unbekannter. Bei der Organisation der 950-Jahrfeier vor zwei Jahren hat er kräftig mitgemischt. Und natürlich buchen viele Einwohner ihren Urlaub beim Team Reisezeit. Dass sie dem Pesterwitzer Reisebüro in den letzten Monaten die Treue hielten und über die schwere Zeit halfen, habe ihn sehr bewegt, gesteht er.

Als Zeichen der Dankbarkeit wollte er etwas zurückgeben – und so hat er schon viele seiner Holzarbeiten verschenkt. Ein paar Einzelstücke, deren Herstellung besonders aufwendig war, bietet er in der Filiale zum Kauf an. Die Preise sind eher symbolisch, denn Geld will Führer auch künftig mit seinem Beruf verdienen: dem Vertrieb von Reisen.

Der Bericht ist ein Vorabduck aus der neuen Ausgabe des „Pesterwitzer Dorfgeflüster“, die Anfang Juni erscheint.

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